Ist Jena eine Wanderhochburg Teil II

Wandern als Attestsport

Mit der Neugründung der Sportbewegung nach dem II. Weltkrieg entstanden ab 1949 in der „Ostzone“ Betriebssportgemeinschaften (BSG), die fast alle Wandersektionen hatten. Bei der Ausbildung der Sportstudenten an der Uni gab es ebenfalls ab 1948 Wandern, wofür Walter Wurzler im 14-tägigen Wechsel mit Leichtathletik verantwortlich war. In der Hochschulsportgemeinschaft (HSG, heute USV) existierte ein Sektion Hochtouristik-Wandern zeitweilig auch Alpinistik genannt. Werner Reichardt leitete diese Gruppe und hatte einen Lehrauftrag für Alpinistik. Der Medizinstudent arbeitete zeitweilig in der Geschäftsstelle der HSG, wo er um 1950-51 als Geschäftsführer unterschrieb. Seine „alpinen Kenntnisse“ hatte er im Krieg bei den Gebirgsjägern erworben. 1943 durchstieg er die Nordwand des Großglockners. Nach seiner Ausbildung als Zahnmediziner war er Parteisekretär der Medizinischen Fakultät, bevor er 1952 als Arzt zur Kasernierten Volkspolizei nach Prora ging. 1954 bekam er eine Habilaspirantur an der Pathologie. 1964 ging er ans Regierungskrankenhaus in Berlin. Nach seinem Weggang von Jena scheint die Wanderabteilung bei der HSG eingeschlafen zu sein.
In Jena profilierte sich ab den 1950er Jahren besonders die Sektion Wandern und Bergsteigen der BSG Motor Schott zu einer der mitglieder- und leistungsstärksten in Jena. Als sich Anfang der 1960er der Orientierungslauf (OL) zu einer Wettkampfsportart entwickelte, waren es Sportler von Motor Schott, die eine Vorreiterfunktion übernahmen. Im Juni 1961 fand der erste „Jenaer OL“ mit 91 Teilnehmern auf den Forst statt. Es gab eine Nacht- und eine Tagetappe. Bei den Männern und bei den Frauen siegten mit Deus/Klimas und Deus/Vollrath „Schottianer“. 1962 folgte die Organisation des „1. Jenaer 30-Kilometer OL“. Gesamtleiter war H. Böttcher, Org. Leiter H. Bernhardt und Techn. Leiter H. Christ (alle Schott). 28 Männer starteten an der Leuchtenburg. Der später in der DDR führende Oler Helmut Conrad gewann diesen Wettkampf.
Ebenfalls eine Wanderabteilung hatte die 1971 gegründete BSG Carl Zeiss Jena-Süd. Erster Sektionsleiter war Heinz Pützschler. Die Sektion begann mit vier Mitgliedern. 1978 erfolgte eine Umbenennung in Wandern/Touristik/Ausdauerlauf, und neuer Sektionsleiter wurde Reinhard Kitzig bevor ab 1980 sich die Sektion unter Leitung von Gernot Herrmann und später Martin Kühn in Wandern/Ausdauerlauf umbenannte.
Der Name wurde Programm, und sowohl im Wandern als auch im Ausdauerlauf gehörten die Sportler von der BSG Carl Zeiss Jena-Süd zur „Spitzengruppe“ in der Region. Mehrfache Auszeichnungen durch den Fachverband „Deutscher Verband für Wandern, Bergsteigen und Orientierungslauf“ (DWBO) und den Deutschen Turn- und Sportbund (DTSB) sind dafür ein Beleg.
Die Sektion gehörte zu den wenigen in Thüringen überhaupt, die in den 1980er Jahren eine Kinderausdauerlaufgruppe gründete. Die Mitgliederzahl lag Mitte der 1980er Jahre bei 100. Viele sportliche Erfolge konnten die Ausdauerläufer bei Wettkämpfen in der Region und beim Rennsteiglauf erringen. Die Kinder- und Jugendlichen starteten erfolgreich bei Spartakiaden und Bezirksmeisterschaften im OL. Die Sektion gehört auch heute noch zu den Mitorganisatoren des Kernberglaufs. In die Jenaer Sportgeschichte aber ging die Gründung der 100-Kilometer Leistungswanderung „Horizontale-Rund um Jena“ 1986 ein, die heute Kultstatus besitzt. Namen wie Lothar Seifarth, Rüdiger Ottma und Martin Kühn wären da für die Geschichte der Wander- und Laufgruppe noch zu nennen, die mit vielen anderen ehrenamtlichen Helfern dazu beitrugen, dass heute die „Horizontale“ zum sportlichen Höhepunkt im Jahreskalender in Jena gehört.
Anders verlief die Geschichte des Wanderns bei der HSG. Im Herbst 1973 wurde aus der Sektion OL eine Wandergruppe gegründet, die sich um die Entwicklung der Wanderhütte Obergneus kümmern wollte. Die erste Wanderung der HSG-Wanderer fand im März 1974 zu den Döbritzer Höhlen statt. Daran beteiligten sich 30 Wanderer. Horst Teichmann vom BFA Gera unterstützte die Gründungsaktivitäten. Mit eingebunden werden sollte die Gruppe in die Vorbereitung einer 100-Kilometer-Leistungswanderung für Studenten, die im Mai 1975 ausgeschrieben war und die dann den Namen „GutsMuths-Gedenklauf“, dem Vorläufer des heutigen Rennsteiglaufs bekam. Die Wandergruppe kam aber nicht so recht auf die Füße. Als 1978 dann noch die Wanderhütte aufgegeben wurde, spielte sie keine Rolle mehr. Erst 1981, als die Hochschulsportlehrerin Feo Gutewort den dienstlichen Auftrag erhielt im Studentensport der Uni das Wandern als „Attestsport“ aufzubauen, gab es neue Impulse. In zwei Gruppen konnten 1981 die ersten 43 Studentinnen und Studenten ihr Sporttestat im Wandern ablegen. Beim großen Sportfest zur 425. Jahrfeier der Universität 1983 beteiligten sich insgesamt 1600 Studierende davon 850 beim Wandern über eine 12-Kilometer Strecke „Rund um die Kernberge“, was für die Beliebtheit und das Engagement von Feo Gutewort spricht. 1986 waren die Wanderer mit 415 Teilnehmer die stärkste Gruppe unter 16 Sportarten beim Unisportfest. Für das Studienjahr 1987/88 konnte Feo Gutewort im Pflichtsport 3963 Studierende bei 164 Wanderungen abrechnen. Wandergruppen wurden ab 1988 auch von Dr. Betina Justus und Manfred Danker im Hochschulsport angeboten. Aus Guteworts Übungsgruppen entstand eine aktive Wandersektion in der HSG, mit über 20 Mitgliedern. Nach Feo Guteworts Abgang aus dem Hochschulsport, nach der „Wende“, begann sich die Gruppe aber nach und nach aufzulösen.

Dr. H. Kremer

Bildunterschrift: Reiner Kruchten mit der Kinderlaufgruppe der BSG Carl Zeiss Jena Süd um 1985.

Thüringische Landeszeitung 19. November 2015
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