Jena eine Wanderhochurg

  200 Jahre Tradition


Als vor einigen Tagen eine kleine Wandergruppe das ehemalige „Wanderheim“ der Hochschulsportgemeinschaft (HSG, heute USV Jena e. V.) in Obergneus besuchte, entstand die Idee, sich in der Serie Jenas Sporthistorie etwas ausführlicher mit der Sportart Wandern zu befassen. Die acht Wanderinnen und Wanderer sind der „Rest“ einer Seniorentennisgruppe des USV, die sich seit über zehn Jahren regelmäßig im Herbst zu einer Wanderung in der näheren Umgebung trifft. Da von ehemals fast 20 aus Alters- oder Gesundheitsgründen nur noch wenige aktiv dabei sein konnten, wird es wohl die letzte Tour dieser Gruppe gewesen sein. In diesem Jahr wurde die Wanderung von der Seniorensportstiftung in der Stiftung Jenaer Universitätssport unterstützt. Vielleicht findet sich zukünftig ein Weg, dass sich die verschiedenen Seniorengruppen beim USV zu einer regelmäßigen Herbstwanderung zusammenfinden. Als Angebot steht, dass die Obstweinwanderung Oktober 2016 erstmals öffentlich ausgeschrieben wird.
Versuche in den 1990er Jahren, eine Wanderung im Rahmen des Kernberglaufs, die früher fest zum Programm gehörte, wieder zu beleben, wurden nach einigen erfolgreichen Versuchen wieder eingestellt. Es zeigte sich, dass sich eine gesonderte Streckenführung, die mit den Laufstrecken nicht kollidiert, schwer organisieren ließ. 1994 hatte die Abteilung Seniorensport eine Wanderung des Internationalen Volkssport Verbandes (IVV) über 10 und 20 Kilometer im Kernberglauf organisiert und bis 1997 weiterentwickelt. Fast 170 Wanderer waren bei der letzten Auflage auf den beiden Strecken, was 16 % der Gesamtteilnehmerzahl des Kernberglaufs entsprach.

Der USV als größter Mehrspartenverein Thüringens hat derzeitig keine eigenständige Wanderabteilung. Dabei kann der Uni-Sport auf eine schon 200 Jahre alte Wandertradition zurückblicken. Bereits bei der Gründung der Burschenschaften stand das Wandern zur Körperertüchtigung auf dem Programm. Zum Wartburgtreffen 1817 war der Großteil der mehrere hundert zählenden Jenaer Studenten nach Eisenach und zurück gewandert. Später im August 1851 organisierte Karl Volkmar Stoy mit seiner ganzen Schulgemeinde, die als Universitätsübungsschule zählte, eine Wanderung von Jena zum Inselberg, womit das „Schulwandern“ für Thüringen aus der Taufe gehoben wurde, wenn auch früher schon GutsMuths und Salzmann mit ihren Zöglingen von Schnepfenthal aus mehrtägige Wanderfahrten organisierten. Diese Wanderung von Stoy gilt als einer der ersten Schulwandertage in Deutschland und auf dem Inselberg wurde dafür von ehemaligen „Stoy-Schülern“ ein Gedenkstein gesetzt. Seitdem wurde jedes Jahr von Stoy Schulwandertage organisiert. 1860 wanderte die Stoysche Turngemeinde z. B. mit einem Leiterwagen zum 1. Deutschen Turnfest nach Coburg.
Auch andere prominente Jenaer können in die Wanderanalen eingeordnet werden. So unternahm Ernst Haeckel zu Himmelfahrt 1861 eine Wanderung über die große Horizontale, die er als schönsten Ausflug bezeichnet, den er bisher gemacht hätte. 1903 wandert das Ehepaar Diederichs von Großheringen über Camburg und die Dornburger Schlösser nach Jena zur Familie Eucken. Eugen Diederichs schrieb später dazu, dass diese Wanderung mit dazu beigetragen habe, dass er mit seinem Verlag nach Jena umsiedelte.

Von Gothanen, einer turnenden Burschenschaft, ist bekannt, dass sie seit 1865 ihre Verbindungskneipe in Wogau hatten. Der noch heute geführte Name „Deutsche Eiche“ stammt von der Eiche, die die Gothanen 1885 zum Jubiläum des Reichskanzlers v. Bismarck hier setzten. Für den Herbst 1896 ist belegt, dass die Gothanen, wenn sie zu ihrer Ex-Kneipe nach Wogau zogen, möglichst jedes Mal einen anderen Weg wählten, so über die Kunitzburg, den Jenzig, den Hausberg, den Fuchsturm, über die Lobdeburg, das Luftschiff, das Vorwerk Drackendorf und so weiter. In Wogau angekommen fanden „Ballspiele“ gegen die Dorfjugend statt, bevor man zum Umtrunk in die Gaststätte einzog. Auch die Jenaer freie Studentenschaft, die das „Jenaer Studentisches Taschenbuch“ herausgab, informierte darin, dass sie eine Wanderabteilung hätte, die jeden Sonntag Wanderungen in der Umgebung organisieren würde.

Mit Beginn der Turn- und Sportlehrerausbildung an der Uni in Jena im Jahre 1911 wurde das Wandern fester Bestandteil des Ausbildungsprogramms. Der Lehrer von der Oberrealschule Adolf Hamberger war als Nebenamtler im Turnen, in der Gerätekunde und beim Wandern eingesetzt. Das Wandern blieb dann bis Anfang 1945 im Programm und wurde meist in Form von Wanderlehrgängen oder –lagern organisiert.
Für die studentische Körpererziehung, heute würde man sagen Hochschulsport, sind in den 1930er Jahren sogar die Namen der studentischen Übungsleiter überliefert, die für das Wandern zuständig waren. Im Frühjahr 1932 ist dies ein Student Hehne, der im Herbst von Hempel abgelöst wird. Ab diesem Zeitpunkt sind die Wandergruppen fester Bestandteil des „Hochschulsports“.
Auch im Jenaer Vereinssport spielt das Wandern eine beachtliche Rolle. Nach einer offiziellen Aufstellung von 1935 hatten alle Turnvereine, wie der Jenaer Turnverein, die Turngemeinde Jena, der Turnverein Wenigenjena, der Turnclub Jena, die Akademische Turnvereinigung Gothania und der Turn- Sport- und Musikverein Glaswerk eigene Wanderabteilungen. Auch bei den Sportvereinen 1. SV und VfB wurde das Wandern gepflegt. Dazu kamen mit zwei Sektionen des Alpenvereins und dem Touristik- und Wintersportverein drei Vereine die das Wandern an vorderster Stelle in ihrem Angebot hatten.

Dr. H. Kremer

Bildunterschrift: Tennissenioren 2015 vor der ehemaligen Wanderhütte der Hochschulsportgemeinschaft Uni Jena.

In: Thüringische Landeszeitung 30. Oktober 2015 Nr. 465
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige
Anzeige