Jena und die "Olympischen Spiele" Teil 6

Mit seiner „Gack“ zu neunen Weiten

Bei den Olympischen Sommerspielen 1956 in Melbourne waren als „Jenaer Sportler“ die Sprinterin Gisela Birkemeyer, die kurz vorher zu Dynamo Berlin gewechselt war und die Schwimmerin Jutta Langenau, die für Erfurt startete, dabei. Dazu kamen noch die zwei Ringer Siegfried Schäfer, der Platz fünf (griechisch-römisch) im Weltergewicht erreichte, und Alfred Tischendorf (Freistil), ebenfalls im Weltergewicht, Platz neun.
Zur Schwimmer-Trainingsgruppe der Uni in den frühen 1950er und dann wie Jutta Langenau für Erfurt startend gehörte noch Gerhard Giera, der bei den Studentenweltmeisterschaften 1951 international von sich reden machte aber die Nominierung für 1956 nicht schaffte. Er selber schreibt dazu heute: „Da der DDR-Schwimmverband damals (1952) noch nicht Mitglied in den internationalen Verbänden war, konnten die Schwimmer der DDR auch nicht an den olympischen Spielen oder an internationalen Wettkämpfen teilnehmen. Darüber gab es bei den Schwimmern natürlich ziemlichen Frust, zumal die Leistungen im internationalen Rahmen durchaus gut ausgesehen haben. Durch die politischen Rahmenbedingungen war meine Generation sportlich ohnehin benachteiligt…Ein internationaler Vergleich war einfach nicht möglich.“
Annemarie Clausner, die 20 DDR-Rekorde zwischen 1953 und 1955 mit aufstellte, zu denen sieben Urkunden von 1955 vorliegen (4X100-Meter, 4X200-Meter und Weitsprung), musste aus gesundheitlichen Gründen 1956 passen. Mit ihrem DDR-Rekord im Weitsprung von 5,89 Meter hätte sie den vierten Platz in Melbourne erreicht, den Erika Fisch aus der BRD mit der gleichen Weite belegte. Sie machte sich später als Trainerin beim SC Motor Jena ab den 1960er Jahren einen guten Namen u. a. mit Heilwig Jacob, die zu ihren Schützlingen gehörte, was aber eine andere Geschichte ist.
Wenig bekannt ist der Hammerwerfer Albert Krauß, der ab Mitte der 1950er Jahre für den SC Motor Jena startete. Die Hammerwerfer stehen zu Unrecht immer etwas im Hintergrund der Jenaer Leichtathletikgeschichte. Selber Hammerwerfer, hat Klaus Brendel in zwei umfangreichen Beiträgen in der Zeitschrift „Jenaer Beiträge zum Sport“ die Hammerwurfgeschichte aufgearbeitet. Etwa seit 1914 ist Hammerwerfen in Jena bekannt. In der Jenaischen Zeitung konnte man im Zusammenhang mit den Universitätsmeisterschaften damals lesen: „Im Hammerwerfen, einer hier noch nicht vorgeführten Übung, dominierte Maack (akad. Abteilung des V. F. B.) mit 26,90 Meter.“ Nach den II. Weltkrieg wurde 1949 Horst Rudolf von der BSG Carl Zeiss Ostzonenmeister mit 40,84 Meter.
Albert Krauß wurde 1952 und 1953 DDR-Meister, damals noch für Motor Reichenbach, bevor er zum SC Motor Jena kam. Schon als jugendlicher Hammerwerfer schaffte er es 1939 den 7,25 kg schweren Hammer über 50 Meter weit zu werfen. Durch eine Kriegsverletzung verlor er den linken Arm. Diese schwere gesundheitliche Beeinträchtigung hielt ihn nicht davon ab, wieder sportlich aktiv zu sein. Um seine Lieblingssportarten, das Hammerwerfen und den Rasenkraftsport wieder betreiben zu können, fertigte er sich eine Lederjacke, die den linken Arm mit stabilen Lederriemen ersetzte. Mit dieser Jacke, er nannte sie seine „Gack“, war er in der Lage wieder Hammer und Gewichte zu werfen. Klaus Brendel schrieb weiter zu Albert Krauß: „…im Oktober 1953 fand im Jenaer Ernst-Abbe-Stadion ein Leichtathletik-Länderkampf zwischen der DDR und Polen statt…Die Länderkampfteilnehmer erzielten an diesen Tagen viele Bestleistungen und Rekorde… Die wohl beste Leistung erreichte dabei der polnische Speerwerfer Janos Sidlo, als er den Speer auf die Rekordweite von 80,15 m warf. Doch auch die drei Erstplatzierten beim Hammerwerfen erzielten Rekordweiten. Der Sieger Rut aus Polen warf mit 55,71 m neuen polnischen Rekord… Als bester Deutscher erzielte Albert Krauß, als dritter, mit 49,75 m einen neuen DDR-Rekord. Es dürfte wohl einmalig in der Sportgeschichte Deutschlands sein, dass sich ein körperlich behinderter Sportler an die Spitze der Landesbestenliste bei den Nichtbehinderten setzte und das noch mit Landesrekord.“ 1955 steigerte Krauß seine Hammerwurfbestleistung nochmals auf 52,15 Meter, womit er allerdings über zehn Meter weniger als der Olympiasieger von 1956 Hal Connolly (USA) warf (63,19). Ob er bei den Ausscheidungswettkämpfen für die Gesamtdeutsche Mannschaft dabei war, ist noch nicht gefunden worden. Für Deutschland ging nach den Startlisten von Melbourne kein Hammerwerfen an den Start.
Alber Krauß war noch Rasenkraftsportler, was keine olympische Disziplin war und ist. Ab 1952 war er der beste Rasenkraftsportler der DDR in seiner Klasse. Im Alter von 40 Jahren, verbesserte er sich noch einmal deutlich. In einem Zeitungsbericht hieß es: „Der im Halbschwergewicht startende Reichenbacher Albert Krauß kam im Hammerwurf auf 49,97 m und im Gewichtwurf auf 19,84 m, damit waren wieder zwei neue deutsche Bestleistungen erzielt“. 1954 war er der erste DDR-Athlet, der den Hammer über 50-Meter warf. Bei den DDR-Meisterschaften im Rasenkraftsport in Jena gewann Albert Krauß den Dreikampf mit 307 Punkten, was gesamtdeutscher Rekord bedeutete. Die Mannschaft des SC Motor, zu der noch Fleischhauer, Ziegenhardt, Wollmann, Kühnert, Gernß und Clausner gehörten wurde DDR-Mannschaftsmeister. Für seine hervorragenden sportlichen Leistungen wurde Albert Krauß als Meister des Sports der DDR geehrt. Selbst im hohen Alter von 60 Jahren soll er den Hammer noch über 40 Meter weit geworfen haben.
Dr. H. Kremer
Bildunterschrift: Eines der wenigen Fotos, wo man die Lederjacke von Albert Krauß gut erkennen kann, machte Harry Themel aus Dresden in der Zeitschrift „Leichtathletik“ von 1952 ausfindig.

In: Thüringische Landeszeitung vom 11. August 2016 Nr. 503
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