Jena und olympische Spiele

Von der Bürokraft zur Sprinterin

Wie im letzten Beitrag berichtet, konnten 1952 keine Sportler aus der DDR bei den Olympischen Spielen in Helsinki starten. In einer Zeit des sich weiter verschärfenden „kalten Krieges“, der sich besonders im angespannten Verhältnis der beiden deutschen Staaten zueinander niederschlug, bekam der Sport eine zunehmend wichtige Funktion. Der Begriff, dass die DDR-Sportler wichtige Diplomaten im Trainingsanzug seien, nahm hier seinen Anfang. Einerseits gab es immer wieder Versuche gemeinsame Wettkämpfe zu organisieren, sogar Gesamtdeutsche Meisterschaften, wie schon im August 1950 in Jena, als die ersten „Gesamtdeutsche Meisterschaften“ im Kajak-Slalom am Burgauer Wehr stattfanden; oder im Oktober 1953 die ersten gesamtdeutschen Mannschaftsmeisterschaften in Koblenz, bei der die Frauen aus Jena in der 4x100-Meter Staffel gewannen. Bei den „Gesamtdeutschen Meisterschaften“ 1954 im Rasenkraftsport in Ludwigshafen wurden die Sportler von der BSG Motor Schott sogar Mannschaftmeister. Artur Fleischhauer holte im Steinstoßen Platz zwei und im Hammerwerfen Platz drei. Lothar Eichhorn-Bayer erkämpfte sich in seiner Gewichtsklasse in allen drei Disziplinen und in der Gesamtwertung Platz zwei.
Zu den erfolgreichen Sportlerinnen, erst bei den Betriebssportgemeinschaften (BSG) Schott und dann bei Carl Zeiss gehörte die Leichtathletin Annemarie Clausner. Sie wurde bei der Gründung des Sportklubs (SC) Motor Jena am 16. September 1954 in diesen aufgenommen. Bei der Gründung des SC und der Delegierung von Sportlerinnen und Sportlern ging es nicht immer ganz freiwillig zu. Die Sportführung der DDR und vor allem der Sportvereinigung (SV) Motor setzte eine Konzentration von Spitzensportlern in wenigen Klubs aber konsequent durch. Viele Sportler der BSG Schott wollten eigentlich nicht wechseln. Es gab sogar Leistungskader, die lieber bei der Hochschulsportgemeinschaft (HSG, heute USV) starteten, wie die Weitspringerin Erika Junghanns. Mit der Zeit glätteten sich aber die Wogen. Lediglich im Hockey gab es noch eine deutliche Konkurrenz, und zeitweilig gab es drei Mannschaften mit der BSG Chemie (ehemals Schott), der BSG Motor Carl Zeiss und dem SC Motor in der gleichen Liga.
Annemarie Clausner, die sich sofort beim SC Motor Jena im Spitzenkader bei den Leichtathletinnen etablieren konnte, verstärkte vor allem den Kaderstamm für die erfolgreiche 4x100-m Staffel. Von 1948 (Ostdeutsche Meisterschaften) bis 1955 (DDR-Meisterschaften) wurden die Jenaer Frauen insgesamt sechs Mal Staffelmeister. Nach einer sehr ausführlichen Statistik des erfolgreichen Leichtathletiktrainers Heinz Birkemeier startete Annemarie Clausner zwischen 1953 und 1955 insgesamt 32 Mal mit der Jenaer Staffel bei Wettkämpfen.
Annemarie Clausner, geborene Kreter, kam 1921 in Posen im Warteland, heute Polen, zur Welt. Schon als Schülerin war sie sportlich aktiv. Nach der Schulzeit erlernte sie den Beruf einer Bürokraft, heute würde man Bürokauffrau sagen, in der Strumpfwirkerfabrik ihres Großvaters. Sie startete in den frühen 1940er Jahren für die Sportgemeinschaft Palais Brühl-Warschau im Generalgouvernement. Nach der Besetzung Polens durch Deutschland und die Sowjetunion 1939 wurde ein von der deutschen Wehrmacht besetztes Gebiet mit Warschau im Zentrum als Verwaltungseinheit unter der Bezeichnung „Generalgouvernement“ gebildet. Hier gab es auch einen Sportbetrieb mit eigenen Wettkämpfen und Meisterschaften. 1943 wurde Annemarie Kreter mit 26,3 sek. hier Meisterin über 200-m, 1944 mit 5,70 Metern im Weitsprung und mit 12,3 sek. über 100-m. Nach der Flucht bei Kriegsende landete Annemarie Clausner, wie sie nach ihrer Heirat 1941 hieß, mit ihrer Familie in Gera. Da ihr Mann nach der Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft eine Stelle als Neulehrer in Neuenhofen bei Neustadt/Orla bekam, zog die Familie dorthin, wo Annemarie wieder mit dem sportlichen Training begann. Sie startete für Motor Neustadt und wurde auf Grund ihrer guten Leistungen von Jenaer Sportfunktionären „abgeworben“. 1952-53 tauchte sie in Ergebnislisten bei der BSG Motor Schott bzw. BSG Chemie Jena auf. Im Prinzip war dies die gleiche Trainingsgruppe, die durch Teilung der ehemaligen BSG Otto Schott in die BSGn Chemie und Motor Schott entstand. Ab 1953 startete sie für die BSG Motor Carl Zeiss und dann für den SC Motor bis zu ihrem Karriereende 1955, als sie aus gesundheitlichen Gründen den Leistungssport aufgab.
In diese Zeit fielen auch die Bemühungen der DDR Sportführungen bei den Olympischen Spielen, 1956 im australischen Melbourne mit Sportlern an den Start zu gehen. Jena spielte hierbei eine nicht unwesentliche Rolle. Einerseits gab es hier einen leistungsstarken Sportclub und andererseits erfahrene Sportfunktionäre sowie mit Zeiss eine Firma, die den Sport stark unterstützte. Unter diesem Aspekt ist die Vergabe mehrerer Leichtathletik-Länderkämpfe u. a. gegen Polen, Bulgarien, Belgien und Norwegen nach Jena zu sehen. Auf die z. T. schwierigen politischen Auseinandersetzungen im Umfeld kann hier nicht weiter eingegangen werden. Die DDR war 1955 in 19 internationalen Fachverbänden aufgenommen worden, und dem neuen, etwas diplomatisch agierenderen Vorsitzenden des olympischen Komitees der DDR, Heinz Schöbel, gelang 1955 die provisorische Anerkennung durch das IOC, unter der Maßgabe, dass 1956 eine gesamtdeutsche Mannschaft starten müsse.
Dass 1956 in Melbourne keine Jenaer Sportler an den Start gingen, ist die nächste Geschichte.

Dr. H. Kremer
Bildunterschrift: Eines der frühesten bekannten Sportfotos von Annemarie Clausner stammte aus der Zeit um 1943.

In: Thüringische Landeszeitung vom 27. Juli 2016 Nr. 501
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