Jenaer Radsportgeschichte

Noch kein Jenaer Friedensfahrer

Wie in mehreren Beiträgen schon beschrieben, war Jena keine Radsporthochburg. Trotzdem kann Jena im nächsten Jahr auf 200 Jahre „Radsport“ zurückblicken. Sowohl die bekannte Germanistin Karla Müller, als auch der umstrittene Sportfunktionär Carl Diem haben in der Literatur darauf aufmerksam gemacht, dass Johann Wolfgang von Goethe in seinen Tagebüchern für den 29. Januar 1818 notierte, dass er im Paradies Studenten auf Laufrädern gesehen habe. 1817 hatte Karl Drais mit seiner Fahrt auf einem Laufrad durch Mannheim die Grundlagen für die Entwicklung des Radsports gelegt. Wie auch heute noch oft vorkommend, war Jena schon damals durch seine Studenten an diese sportliche „Erfindung“ schnell angeschlossen.

Ein erstes reguläres Rundrennen in Jena ist bis jetzt erst für 1924 ausgemacht worden. Jenaer Radsportler beteiligten sich aber schon früher an Radrennen besonders in Erfurt, wo sich schon vor 1900 eine Radsporthochburg entwickelt hatte. Im Juli 1903 wurden hier „Meisterschaften von Thüringen – Riedpreis, Vorgabe- und Punkte-Radwettfahren“ organisiert. Als Meisterschaften fand ein Mannschaftsfahren über 31 Kilometer statt. Fünf Fahrer mussten innerhalb einer Minute durch das Ziel fahren. Dazu kamen noch Meisterschaften im „Niederradbahnfahren“ über 5.000 Meter.

Der Radfahrer Merz ist um 1914 einer der ersten namentlich bekannten Jenaer Radfahrer, der sich beim „Thüringer Hauptkonsulatsfest“ an einem 100-Kilometer Straßenradrennen beteiligte. Wegen einem Reifenschaden musste er sich mit Platz fünf zufriedengeben. Der Radsportverein „Konsulat Jena“ gewann aber den ersten Preis im „Blumenprunkkorso“.
Für den September 1920 sind drei Jenaer Radsportler bei einer Radfernfahrt Eisenach – Leipzig über 170 Kilometer gemeldet: Jonas Lauer der Sieger des Rennens Jena-Dornburg-Jena, Hermann Fischer der 16. Preisträger von „Rund um die Hainleite“ und Karl Hauptvogel (Jena-Isserstedt), der damals einer der bekanntesten Radfahrer Thüringens war, kann man in den Tageszeitungen lesen. 1928 gab es Gaumeisterschaften im 150 km-Radrennen auf der Strecke Jena-Isserstedt-Apolda-Oberroßla-Rödigsdorf-Weimar und zurück, die drei Mal durchfahren werden musste.

Nach dem II. Weltkrieg erfreuten sich Radrennen in der Stadt besonderer Beliebtheit. Inwieweit Fritz Schlegel an dieser Entwicklung teilhatte ist noch nicht geklärt. Er war der erste Radsportverantwortliche als 1945 der Sportausschuss der Stadt wiederbelebt wurde. Anfang der 1950er Jahre wurde das Radrennen „Rund um das Volkshaus“ auf einem 1500 Meter langen Rundkurs aus der Taufe gehoben. Außer den besten Thüringer Amateuren waren auch westdeutsche Gästen des RV Phönix Augsburg am Start. „Im Hauptrennen der Juniorenklasse über 40 Runden, gleich 60 km, führte bis zum 45 km der Augsburger Jung. In der Verfolgergruppe aber war es der Studentenweltmeister Georg Stoltze, Lok Erfurt, dessen taktisch hervorragende Fahrweise ihm einen nahen Sieg zu sichern schien…“ kann man in einem Zeitungsbericht über das erste Rennen 1952 lesen. Der Radfahrer Eckel von Post Erfurt siegte am Ende in einer Stunde 13,02 Minuten. Organisiert wurde das Rennen von der Radsektion bei der BSG Motor Schott Jena, die in der Jugendklasse über 15 km mit Schindler und in der Tourenklasse über 22,5 km mit Friedel zwei Sieger stellte, berichtete der „Sportreporter“ Peter Palitzsch.

Nach mehrfachem Wechsel der Trägerbetriebe konzentrierten sich Jenas Radsportler ab den 1970er Jahren bei der BSG Carl Zeiss Jena-Süd. Die Rundrennen wechselten die Stadtteile vom „Rund um das Volkshaus“, zum Hölleinplatz und dann nach Neulobeda. Ausgeschrieben waren dabei Preise des VEB Carl Zeiss Jena.
Langstreckenrennen, wie die DDR-Rundfahrt, machten regelmäßig in Jena Station. Das bedeutendste Rennen in den „Sozialistischen Staaten“ war die „Friedensfahrt“, die 1948 aus der Taufe gehoben wurde. Seit 1952 führte sie durch die CSSR, die DDR und Polen. 1962 war das Ernst-Abbe-Stadion Zielort des Einzelzeitfahrens, welches früh in Erfurt gestartet worden war. In der Jenaer Innenstadt wurde am Nachmittag der Startschuss zur zweiten Etappenhälfte nach Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) gegeben.

Ein Jenaer Radsportler konnte bisher nicht unter den Friedensfahrtteilnehmern ausgemacht werden. Ein Radsportkampfrichter, Helmut Koblenz, gehörte aber zum DDR-Organisatorenteam. Helmut Koblenz, der selber aktiver Radsportler gewesen war, kam Anfang der 1970er Jahre vom Studium wieder nach Jena zurück und wurde Mitglied der Radsportsektion, die sich bei der BSG Carl Zeiss Jena-Süd entwickelte. Hier übte er erfolgreich verschiedene Funktionen, vom Übungsleiter bis zum Sektionsleiter aus. Als Leiter des Trainingszentrums (TZ) für die Entwicklung des sportlichen Nachwuchses verantwortlich, sah er sich auch der Forderung des Radsportverbandes der DDR gegenüber, dass alle TZ einen Kampfrichter stellen mussten. Er meldete sich selber und durchlief die in der DDR mustergültig organisierte Übungsleiterausbildung. Er schaffte es bis zur höchsten Stufe. Als die Friedensfahrtorganisatoren aus der Schweiz ein modernes Zielerfassungssystem erwarben, wollten sie „Devisen“ sparen und „buchten“ die Techniker nicht mit. Es gab einen Aufruf unter den Kampfrichtern, wer sich für die Einarbeitung in die hochmoderne Zieltechnik interessieren würde. Helmut Koblenz meldete sich und konnte bald erfolgreich die moderne Technik bedienen, so dass er 1984 über die gesamte Friedensfahrt zur Kampfrichtermannschaft der DDR gehörte.

Dr. H. Kremer

Bildunterschrift: H. Koblenz (3.v.l.) 1984 mit dem DDR-Zielkampfrichterteam der Friedensfahrt.

In: Thüringische Landeszeitung vom 12. April 2017 Nr. 534
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