Jenaer Speerwerfergeschichte Jena und die Olympischen Spiele Teil 8

Speerwurfwurzeln liegen beim FCC

Bei der klassischen Olympiade in Griechenland gehörte es zu den Gepflogenheiten, dass die Sieger zwar keine Preisgelder oder ähnliches beim Wettkampf erhielten, aber häufig wurde ihnen anschließend ein Denkmal in ihrer Heimat gesetzt bzw. stifteten sie selber ein Denkmal im heiligen Hain von Olympia. Das wird Thomas Röhler in Jena sicher nicht machen, wenn er auch direkten Bezug zu einem solchen Denkmal hätte. Ob er Kenntnis davon hat, dass vor der Muskelkirche, dem heutigem Institut für Sportwissenschaft von 1932 bis 1940 eine überlebensgroße Bronzeplastik eines Speerwerfers von dem bekannten Weimarer Bildhauer Richard Engelmann stand, ist nicht bekannt. Da die Sportgeschichte am Institut seit 1992 eher ein Schattendasein fristet, ist nicht davon auszugehen, dass der Sportstudent Thomas Röhler davon keine Kenntnis hatte. Außerdem wäre die sportliche Ausführung des Speerwurfs, die der ansonsten klassisch orientierte Künstler bei der Plastik verwendete, wohl kaum geeignet gewesen, eine Goldmedaille bei der Olympiade zu erringen. Als das Denkmal 1940 zum Geburtstag des „Führers“ als Bundmetallspende für Kriegszwecke abgerissen wurde, begründete man das nicht mit den jüdischen Vorfahren des Künstlers, sondern: „…gegen die rein künstlerische Gestaltung der beiden Werke (es wurde noch eine Plastik eines Fußballspielers von Arno Zauche abgeliefert) ist nichts einzuwenden, aber vom sportlichen Gesichtspunkt aus sind beide Figuren derart unglücklich dargestellt und zeigen eine völlig irreführende Bewegung.“
Dabei gab es in Jena lange Traditionen des Speerwurfs, die Engelmann hätte nutzen können, um sich die richtige Ausführung hätte zeigen zu lassen. Der älteste Beleg eines Speerwurfwettkampfes stammt aus dem Jahre 1910, als der „Fußballclub Carl Zeiß Jena“ auf seinen Plätzen die Gaumeisterschaften des Verbandes mitteldeutscher Ballspielvereine unter der Bezeichnung „olympischen Spiele“ in Jena zum zweiten Mal organisierte. „Genannter Verein (Carl Zeiß), welchem die Vorarbeiten zu dieser Veranstaltung übertragen worden sind, hat sich zur Aufgabe gemacht, dieselbe zu einer äußerst interessanten zu gestalten. Nicht nur in Punkto „Fußballwettspiel“, in welchem der F.C.C. Zeiß dem Jenenser Publikum in der vergangenen Frühjahrsserie einen recht guten Sport vorführte, sondern auch auf dem Gebiete der Leichtathletik soll der Oeffentlichkeit Interessantes geboten werden“, kann man in der Jenaischen Zeitung lesen. Unter den ausgeschriebenen Disziplinen befand sich auch Speerwerfen. Als Sieger im Diskus- und Speerwurf ist Erich Risch vom Fußballclub Carl Zeiß überliefert. 1911 organisierte der gerade erst gegründete Verein für Bewegungsspiel (VfB, heute USV) ebenfalls einen Leichtathletikwettkampf mit Speerwurf, dieser war der Vorläufer der „Nationalen Olympischen Spiele“, der zum bedeutendsten Leichtathletikwettkampf in Thüringen vor dem I. Weltkrieg wurde. Leider sind die Namen der beiden ersten, beide VfB-Mitglieder nicht bekannt aber die Weiten 42,80 Meter und 40,82 Meter. Beim nächsten Wettkampf wurde Eugen Popp vom VfB Sieger im Speerwurf. 1912 fanden dann die „1. Nationalen Olympische Spiele“ auf dem Unisportplatz statt, zu denen die besten Sportlern Deutschlands gekommen waren. Sieger im Speerwerfen wurde ein Herr Olaf aus Münster mit 49,30 Metern.
Neben dem VfB war auch der FC Carl Zeiß in dieser Zeit stark bei Speerwurfwettkämpfen vertreten. So gewann ein Graf (FC Zeiß) mit 42,50 Meter die „Mitteldeutschen Meisterschaften“ 1912 und kam damit auf die Liste der Kandidaten für die Olympischen Spiele von Stockholm.
Ein besonderer Höhepunkt in der Jenaer Speerwurfgeschichte dürften die „3. Nationalen olympischen Spiele“ des VfB von 1914 gewesen sein, wo der Olympiasieger, der Finne Julius Saaristo in Jena an den Start ging. Er schaffte 56,37 Meter, bei einer persönlichen Bestleitung von 61,00 Metern. Er gewann die olympische Goldmedaille in Stockholm im beidhändigen Speerwurf, bei dem sowohl rechts als auch links geworfen werden musste. Außerdem schaffte er noch Silber im „normalen“ Speerwurf. Die skandinavischen Länder, insbesondere Finnland dominierten viele Jahrzehnte die Speerwurfkonkurrenzen. Man muss lange suchen, bis man einen deutschen Medaillengewinner bei olympischen Spielen im Speerwurf findet. 1960 war dies Walter Krüger aus der DDR (SC Schwerin), der mit 79,36 Metern Silber errang. Gold bekam 1972 in München Klaus Wolfermann (BRD) mit 90,48-Meter, was knapp über den 90,30 Metern von Thomas Röhlers „Goldweite“ lag. Nur als Randnotiz, da in diesem Beitrag der erfolgreiche Jenaer-Frauenspeerwurf vernachlässig wird: das erste Frauenergebnis stammt von 1928, als Frl. Hempel vom VfB mit 12,85 Meter Gaumeisterin wurde.
10. Jenaer Kampfspiele, früher „Nationales Olympia“ des Vereins für Bewegungsspiele im gleichen Jahr siegte Hochrein 1. SV Jena 54,20 Meter vor Senf VfB Jena 53,34.
Da Thomas Röhler „Universitätsangehöriger“ ist, soll hier noch nachgetragen werden, dass die Unisportler schon 1913 mit Silber bei den Deutschen Hochschulmeisterschaften aufwarten konnten (Bäy 48,82 Meter). 1950 bei den DDR-Studentenmeisterschaften holte Dieter Gutsell mit 45,79 Meter ebenfalls Silber sowie Gold und Silber bei DDR-Studentenmeisterschaften gab es für Ulrich Willenberg (63,16 und 64,40). Felix Thiele war 2013 und 2015 bei Deutschen Hochschulmeisterschaften mit 56,90 und 60,78 Meter jeweils zu Bronze gekommen. Das kann man in der „Hall of Fame“ des Unisports nachlesen.

Dr. H. Kremer

Bildunterschrift: Das älteste bekannte Foto eines Jenaer Speerwerfers stammt aus der Verbandszeitschrift von 1921 von Biedermann (VfB, hier beim Diskuswurf), von dem Weiten um 45 Meter belegt sind.

In: Thüringische Landeszeitung vom 24. August 2016
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