Jenaer Studentinnenverein

„Zu fernerem Streben“

Der Jenaer Universitätssportverein ist gemeinsam mit dem Hochschulsport der Universität der größte Sportanbieter der Stadt. Außer den regelmäßig sporttreibenden ca. 3500 Mitgliedern werden von Semester zu Semester zwischen 6-7000 Personen in 535 Sportkursen „versorgt“. Viele nutzen gleich mehrere Angebote. 5701 (65,5%) waren im letzten Semester davon Frauen. Dieser hohe Frauenanteil ist weniger durch die etwas höheren Einschreibezahlen der Studentinnen begründet oder durch die „Sportfaulheit“ der Studenten, sondern eher durch die Tatsache, dass die frauenspezifischen Angebote im Tanz, Gymnastikvarianten und Gruppenfitness deutlich größere Gruppen pro Hallenzeit ermöglichen, als z. B. im Fuß- oder Handball.
Der hohe Frauenanteil an der Universität ist historisch gesehen noch eine sehr junge Entwicklung. 1907 wurden die ersten Studentinnen an der Universität Jena zugelassen. Bis zum Beginn des I. Weltkriegs, 1914, waren dann immer nur zwei Hände voll Studentinnen eingeschrieben. Während die männlichen Studenten zur damaligen Zeit neben dem Fechten in den Verbindungen schon Fußball, Leichtathletik, Rudern und Hockey als sportliche Angebote vorfanden, war der Frauensport um 1900 noch sehr „unterentwickelt“.
1893 taucht in der Jenaischen Zeitung der erste Bericht zum Frauenturnen beim Stiftungsfest der Turngemeinde Jena auf, beim dem zum abendlichen Ball auch Vorführungen der Damenriege gezeigt wurden. „Reicher Beifall belohnte die vielen Mühen des Leiters und ermunterte die Glieder der Damenriege zu fernerem Streben“, konnte man lesen. Um diese Zeit spielten auch die ersten Frauen in Jena Tennis. 1902 registriert der Sportpionier von Jena, Hermann Peter, 308 Dauerkarten für die Tennisplätze, davon 135 für Damen.
1898 beschloss der „Turnverein Jena 1858“ die offizielle Einführung des Damenturnens. „Für das Turnen von Frauen und Mädchen treten immer weitere Kreise ein. Die hiesige Turngemeinde besitzt schon seit längerem eine Damenriege. Jetzt hat auch der Turnverein in der…abgehaltenen Monatsversammlung…einstimmig beschlossen, das Damenturnen einzuführen und den Vorstand beauftragt, die erforderlichen Vorbereitungen dafür zu treffen. Es haben sich bereits 30 Teilnehmerinnen gemeldet“, stand damals in der Zeitung.
Beim großen Schwimmfest am 2. August 1903 in der städtischen Badeanstalt am Eisrechen wurden verschiedene Schwimmarten gezeigt (Rücken-, Seite- und Spanisches Schwimmen), Schwimmen unter Wasser und Springen. Auch mehrere Damen erklärten sich bereit ein Wettschwimmen und Springen zu veranstalten. Trotz kühlem Wetter (Wassertemperatur von 13°C) gingen 54 Mitglieder des Jenaer Schwimmvereins, davon neun Damen, an den Start.

Mit der Aufnahme des Frauenstudiums zum Wintersemester 1907 wurde ein Studentinnenverein gegründet. Die erste Vorsitzende war Käte Rein. Bis November meldeten sich 19 Studentinnen an. Dieser Verein pflegte auch die sportlichen Aktivitäten der Studentinnen zu organisieren. „Die Stellung des Jenaer (Studentinnen)Vereins wird durch die Tatsache besonders deutlich gekennzeichnet, dass in seinen Statuten als Zweck auch die Pflege des Sports aufgenommen (worden) ist. So betreibt er außer Tennis auch das Florettfechten. Darin steht dieser Verein, soweit ich es übersehen kann, in Deutschland einzig da. Vielleicht hält man das Fechten, auch wenn man es als rein körperliche Übung ohne Nebenzweck betreibt, - und nur davon kann hier die Rede sein – für unweiblich – doch halte ich es für wahrscheinlicher, dass man in allen Vereinen bestrebt war, fürs erste die gewöhnlichen turnerischen und sportlichen Veranstaltungen einzubürgern und erst dann an die Pflege einer speziell akademischen Leibesübung heranzugehen“, steht in einem Bericht des Vereins.
1912 taucht der Studentinnenverein erstmals in Ergebnislisten z. B. bei den vaterländischen Jugendspielen im Turnen auf. Zu diesem Zeitpunkt sind 12 von 43 Frauen an der Uni im Studentinnenverein eingeschrieben. Der 1911 gegründete Verein für Bewegungsspiele (VfB, heute USV) berichtet, dass sich 1912 die Damenabteilung formiert hatte. Hier wurde Hockey gespielt und turnerische Übungen im Freien und in einer Turnhalle durchgeführt. Diese Abteilung wurde von Fräulein Gertrud Erdmann geleitet.
1914 gründete dann, nach längerer Diskussionen, der „Fechtclub des Turnvereins 1858“ eine eigenständige Damenabteilung. Beim ersten offiziellen Universitäts- Turn- und Sportfest 1914 gab es außer Startmöglichkeiten im Schwimmen und Tennis auch einen Wettbewerb im Tamburinspiel, den der Studentinnenverein gegen eine gemischte Mannschaft mit 71:51 gewann. Dieses heute kaum noch bekannte Rückschlagspiel, bei dem zwei Mannschaften ähnlich dem Faustball gegeneinander spielen, und einen kleinen Gummiball nicht mit der Hand, sondern mit einem Tamburin zurückschlagen, war damals ein beliebtes Frauenmannschaftsspiel. Das heutige Foto stand anfangs im Verdacht, dass eine Studentin einen solchen Tamburin in der Hand halten würde. Es handelt sich bei näherer Betrachtung aber um eine studentische Verbindungsmütze des Studentinnenvereins.

Dr. H. Kremer
Bildunterschrift: Zwei Mitglieder des Jenaer Studentinnenvereins um 1913 nach einer gemeinsamen Wanderung von Camburg nach Jena.

In: Thüringische Landeszeitung 7. Mai 2015 Nr. 440
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
4 Kommentare
13.084
Eberhard :Dürselen aus Weimar | 09.05.2015 | 17:05  
7.497
Johannes Leichsenring aus Hermsdorf | 10.05.2015 | 09:50  
13.084
Eberhard :Dürselen aus Weimar | 10.05.2015 | 11:36  
13.084
Eberhard :Dürselen aus Weimar | 15.05.2015 | 12:56  
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige
Anzeige