Jenas erster "Fußballlehrer"

1888 Franz Rasch schuf die Grundlagen
Thüringische Landeszeitung 5. März 2015 Nr. 431

Die gegenwärtige Diskussion um den Stadionbau und die Neuanlage einer Leichtathletikanlage ev. am Jenzigweg bietet die Möglichkeit, genauer nach den Wurzeln des Jenaer Fußballs zu suchen. Nach Fechten, Tennis und Turnen kann man chronologisch betrachtet den Fußball zeitnah aber vor Schwimmen, Radsport, Rudern, der Leichtathletik und dem Hockeysport einordnen. Alle diese Sportarten hatten in Jena zwischen den 1880er und 1900er Jahren ihre Geburtsstunde. Beim Fußball ist das Jahr 1903 mit der Gründung des Fußballclubs Carl Zeiss von Bedeutung. Für die „Genealogie“ spielt aber 1893 eine größere Rolle, da in diesem Jahr in Jena das erste „offizielle“ Fußballspiel stattfand, welches wohl auch zu den ersten in Thüringen, ja in Deutschland überhaupt, zwischen zwei Mannschaften aus verschiedenen Orten zählte. Das Jenaer Spiel von 1893 hatte aber Vorläufer und Akteure, die die Grundlagen dafür und die Einführung des Fußballsports schufen. Im Allgemeinen wird die Ehre des Fußballbegründers dem Gymnasiallehrer Hermann Peter zugeschrieben. Dies ist aber nicht korrekt. Die Ehre gebührt seinem Vorgänger am Gymnasium, Franz Rasch (1842 – 1895). Er stellte nach Unterlagen des Stadtarchivs bereits am 5. August 1880 an den Vorstand des Jenaer Gemeinderats (heute Stadtrat) den Antrag, dass er die Erlaubnis erhalten möge eine städtische Wiese: „…die obere Hälfte (nordwestlich) von den mendenschen Gärten bis zu dem, zur Bahnunterführung verlaufenden Weg als Spielplatz für die Schüler des Gymnasiums kostenlos…“ als Spielplatz nutzen zu dürfen. Wörtlich schreibt er: „Da sich der Mangel eines größeren Spielplatzes für unsere Schüler schon seit längerer Zeit sehr fühlbar gemacht hat, die große Bedeutung körperlicher Bewegung für die Jugend aber allseitig anerkannt ist, so erhofft der Unterzeichnende umso mehr auf freundliche Gewährung dieser Bitte, als schon vor Jahren die Erlaubnis zur Benutzung des oben bezeichneten Platzes bereits bewilligt gegeben worden ist.“ Woraus man schließen kann, dass sogar schon früher auf dieser Wiese Fußball gespielt wurde.
Das Jenaer Gymnasium Carolo Alexandrinum war erst 1878 gegründet worden. Zu dem „Gründungskollegium“ gehörte Franz Rasch, der in Bad Düben als Sohn eines Richters geboren wurde. Sein Bildungsweg führte über Halle nach Schulpforta, wo er bei Carl Philip Euler Turnunterreicht hatte. Dieser machte sich einen Namen durch die Umstrukturierung des bis dahin traditionellen Turnunterrichts unter Einbeziehung der neuesten Erkenntnisse auch in Hinblick auf den Schwimmunterricht und der Spiele, weswegen er 1860 zum Dozenten an die königliche Central-Turnanstalt in Berlin berufen wurde. Franz Rasch ging nach Abschluss des Lehrerstudiums zu Euler nach Berlin, um die Lehrbefähigung für den Turnunterreicht für preußische Gymnasien zu erwerben. Mit Amtsantritt in Jena 1878 dürfte er einer der ersten Turnlehrer mit dieser Qualifikation am Ort gewesen sein. Sein Versuch 1880 das „Spielen“, worunter man vor allem das „Fußballspielen“ verstand, durch Bereitstellung eines Spielplatzes im Paradies einzuführen, scheiterte im ersten Anlauf. Die Stadtvertreter behandelten diesen Antrag nicht einmal, da das Paradies für Erholungszwecke vorbehalten wäre. Auch der nachfolgend sehr ausführliche Antrag des Direktors des Gymnasiums, Dr. Gustav Richter, der übrigens vorher Lehrer in Schulpforta gewesen war, wurde zwar behandelt aber auch abgelehnt, mit der Begründung, dass dadurch die Erholung suchenden „Passanten“ im Paradies gestört würden. Stützen konnten sich die Stadtväter auf eine Petition von namhaften Uni-Professoren, wie Eduard Sievers, Adolf Schmidt Carl Fortlage und der spätere Nobelpreisträger Rudolf Euken, die ausführten, dass das Paradies „Stätte der Ruhe und Erholung“ bleiben möge.
Franz Rasch erhielt Unterstützung durch das in Jena stationierte Infanterieregiment, welches seinen Übungsplatz auf den Ringwiesen als Spielplatz zur Verfügung stellte. Ostern 1883 übergab Franz Rasch den Turnunterricht an Hermann Peter, der über seinen Direktor Dr. Becker einen erneuten Versuch zur Nutzung des Paradieses unternahm. Diesmal grenzten sie die Nutzungszeiten wochentags auf zwei Stunden am Nachmittag ein und schlugen eine Probezeit vor. Der Gemeinderat präferierte in einem Beschluss dazu zwar die „Landfeste und den kleinen Exerzierplatz“ als möglichen Spielplatz des Gymnasiums, stimmte aber dem Vorschlag zu einer Probezeit zu. Das Kostenübernahmeangebot des Gymnasiums für die entgangene Grasnutzung, wurde ebenfalls angenommen und auf 150,- Mark pro Jahr festgelegt. Auf diesem Platz fand dann das legendäre Spiel von 1893 statt. In einem Spielbericht von 1893 wurde der genutzte Platz im Paradies aber als zu klein bezeichnet. Dies war ein Grund, dass Hermann Peter mit dem Engländer J. J. Findlay auf Suche nach besseren Plätzen ging, die er in den Wöllnitzer Wiesen fand, wo jetzt das Stadion steht, was aber eine andere Geschichte ist.
Dr. H. Kremer

Bildunterschrift: Eine Foto aus dem Stadtarchiv zeigt das Kollegium des Gymnasiums des Jahres 1888/89. Man sieht hinten 2. von links Hermann Peter und vorne sitzende 2. von rechts Franz Rasch.
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