Kreusslergrabmal in Jena beschädigt

Über die Anfänge des Fechtsports

Die Beschädigung des Grabmals von Friedrich Kreussler (gest. 1707) erregte bisher kaum Aufmerksamkeit, und in den Medien war es nur eine kleine Notiz Wert. Die Fechtmeisterfamilie Kreussler spielt dabei in der Geschichte des Fechtens in Deutschland und für die Jenaer Stadtgeschichte eine interessante Rolle. Besonders beim akademischen Fechten, sorgten die Kreusslers 160 Jahre lang dafür, dass Jena als Hochburg des Fechtens einen legendären Namen hatte und vor allem das Fechten in feste Regeln gefasst wurde, womit die Vorstufen des heutigen Sportfechtens gelegt wurden. Dabei muss man aber zugeben, dass das „Kreusslersche Fechten“ schon seit 150 Jahren nicht mehr praktiziert wird. Spätesten seit 1840 wurde es per gesetzlichen Erlass an der Jenaer Uni durch das Hiebfechten von Friedrich Roux abgelöst.
Dass das akademisches Fechten so wenig in der Öffentlichkeit, selbst unter historischen Aspekten, thematisiert wird, hängt sicher mit der Rolle der studentischen Verbindungen, fälschlicher Weise oft unter Burschenschaften zusammengefasst, zusammen. Der Umgang mit dem Burschenschaftsdenkmal vor dem Universitätshauptgebäude ist dafür ein vielsagendes Zeugnis. Die Universität hält zumindest das Andenken mit der Präsentation zweier in ihrem Besitz befindlicher wertvoller Portraitgemälde aufrecht. Eins davon zeigt Wilhelm Kreussler, den Begründer der Fechtmeisterdynastie und das zweite Johann Wolfgang Bieglein-Kreussler, den letzten Fechtmeister an der Jenaer Uni unter diesem Namen.
Die Kreusslers waren über vier Generationen Fechtmeister in Jena. Das erste bisher nachgewiesene Dokument von Wilhelm Kreussler stammt aus dem Jahre 1669, 50 Jahre nach seinem Eintreffen in Jena. In ihm beantragte er beim Weimarer Herzog Johann Ernst für sich und seine beiden Söhne Gottfried und Friedrich „allseits fechtern zu Jena“ das Privileg eines Fechtmeisters. Bereits 14 Tage nach diesem Antrag wurde Kreussler dieses Privileg erteilt. Damit hatte der 72jährige Wilhelm Kreussler für sich und seine Erben sozusagen das „Monopol“ für die Universität und die Stadt Jena bei der Erteilung von Fechtunterricht erhalten und gleichzeitig auch seine Nachfolge geregelt. Wilhelm Kreusslers Fechtboden soll in einem Aufbau auf einem Stadtmauerturm, heute als „Roter Turm“ bekannt, gewesen sein. Die Söhne von Wilhelm Kreussler führten auch den Titel eines „Stadthauptmanns“. Damit waren sie für Teile der städtischen „Ordnungskräfte“ und für die Organisation der Verteidigung der Stadtmauern zuständig. Ein positiver Nebeneffekt dieser Funktion war eine feste jährliche Besoldung. So erhielt Heinrich Wilhelm Kreussler 1741 als Stadthauptmann 127 Taler und sechs Groschen als Jahressold, 30 Eimer Bier und zwei Eimer Wein steuerfrei und dazu kostenlos Brennholz. Nicht immer erhielten die Nachfahren von Wilhelm Kreussler das Privileg des Universitätsfechtmeisters nahtlos, da die Landesherrschaft nach 1700 mehrfach versuchte, das studentische Duellieren einzudämmen. So ist ein „Duell-Mandat“ von 1702 überliefert. Dieses sah vor, dass Studenten, die an einer Universität im Deutschen Reich wegen eines Fechtduells relegiert worden waren, nicht in Jena aufgenommen werden durften. Um diese Zeit wurde der Ruf der Jenaer Universität als „Fechterhochburg“ ausgeprägt. So beschreiben Gedichte, Zeichnungen und sogar eine Medaille diese Tatsache. Der Medaillenschneider Christian Wermuth gab 1699 eine Spottmedaille auf die charakteristischen Züge des Studentenlebens heraus, bei dem für Jena das „Schlagen“ (Fechten) zu den Charakteristika gehört.
Ein Enkel des Begründers der Fechtmeisterdynastie, Wilhelm Ernst (1723 – 1787) promovierte als Jurist und wurde in Jena zum Bürgermeister gewählt, was sowohl für das Ansehen der Familie als auch für eine wirtschaftliche Solidität spricht. Da die Urenkel von Wilhelm die Fechtmeistertradition nicht fortsetzten, übernahm der Schüler Johann Wolfgang Bieglein als adoptierter Sohn die Stelle des Uni-Fechtmeisters und Stadthauptmanns. Auf die Kreusslers, die als Fechtmeister u. a. in Wittenberg, Gießen und Leipzig tätig waren, soll hier nicht eingegangen werden. Der Jenaer Ast der Kreussler-Familien stirbt 1787 aus. Der letzte Duell-Tote, wo noch nach den Regeln das Stoßfechten gefochten wurde, war der Jurastudent Adolph Erdmannsdörffer, der nach einem „Gefecht“ 1845 starb. Er liegt in Wöllnitz an der Kirche begraben. Man muss allerdings hinzufügen, dass gerade das „Kreusslersche Fechten“ ganz wesentlich dazu beitrug, dass die Zahl der Todesopfer bei Fechtduellen deutlich sank. Die Gefahr eines tödlichen Unfalls war bei vorher praktizierten Duellen, wo es keine so strengen Regeln gab, deutlich größer.
Der letzte namhafte akademische Fechtmeister an der Uni war Christian Seemann-Kahne, der als Zeitgenosse von Hermann Peter nicht nur das Sportfechten förderte sondern auch den Hochschulsport und die VfB (heute USV)-Gründung vor dem ersten Weltkrieg positiv beeinflusste. Harald Seime, der sich zu seinem 80. Geburtstag ins goldene Ehrenbuch der Stadt eintragen konnte, ist derzeitig der letzte, den man den Titel eines „Universitätsfechtmeisters“ zuerkennen kann.
Dank des rührigen Supporters Trust e. V., konnte mit einem Denkmal der Jenaer „Sportpionier“ Hermann Peter wieder in das Licht der Öffentlichkeit geholt werden. Ob dies mit der Restaurierung der kreusslerschen Grabmäler an der Friedenskirche gelingt, wird die Zukunft zeigen.

Dr. H. Kremer

Bildunterschrift: Auf einem Foto von Seemann-Kahne aus der Zeit um 1910 kann man noch das unversehrte Kreusslersche Grabmal am ursprünglichen Standort erkennen.
In: Thüringische Landeszeitung vom 30. November 2016 Nr. 519
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