Lücken in der Historie des USV Jena e. V. geschlossen

1930 Alle Vorsitzenden gefunden

Der USV Jena e. V. konnte am 8. März seinen 105. Geburtstag feiern. Damit ist er nach dem FC Carl Zeiss (1903) der zweitälteste noch aktive Sportverein in Jena. An dritter Stelle rangiert der SV Zwätzen (1912). 1911 sprachen die Gründungsväter des Vereins für Bewegungsspiele (VfB), wie der USV damals hieß, „vorzugsweise akademische Kreise“ an, wie man in zeitgenössischen Quellen lesen kann. In der ersten Generalversammlung des VfB wurde als Vorstand gewählt: I. Vorsitzender der Student der Kameralistik Oskar Leonhardt; II. Vorsitzender der Kaufmann E. Brand; Schriftführer der Bankbeamte Richard Welzel; Kassierer der Mechaniker Curt Willers und Sportwart Eugen Popp.
Zur Traditionspflege des USV gehört, dass die Präsidenten und Vorsitzenden des Vereins biografisch „aufgearbeitet“ wurden. Sie sind bis zum Jahr 1949 auf einer Ehrentafel in der USV-Sporthalle verewigt. Bisher kaum bekannt sind die Vorsitzenden des davor liegenden Zeitraums.
Der VfB hat aus der Zeit von 1911 bis 1945 kein Archiv hinterlassen. Sofern überhaupt Vorstandsmitglieder Aktenbestände besessen hatten, wurden diese wohl bei Kriegsende 1945 als der VfB verboten wurde, vernichtet. Sogar von den, in den 1920er Jahren herausgegeben gedruckten Vereinsnachrichten sind bisher keine aufgefunden worden.
Die Sportgeschichte leidet generell unter dem Fehlen funktionierender Archive. Daher werden Chroniken und Jubiläumsschriften von Sportvereinen meist nach Zeitungsartikeln und lebenden Zeugen zusammengestellt, die aber vorwiegend die sportlichen Erfolge eines Vereins darstellen. Zu DDR-Zeiten versuchte der Jenaer Sporthistoriker Prof. Dr. Willi Schröder diese Entwicklung durch eine bewusste Traditionspflege in den Sportgemeinschaften durch umfassende Chroniken zu ergänzen, aber auch hier brachten politische Umbrüche (19989/1990) den Verlust vieler wichtiger Dokumente mit sich.
Die frühe USV-Geschichte muss daher, wie die anderer Vereine, vor allem aus Quellen schöpfen, die ursächlich wenig mit dem Sport zu tun haben. Lediglich einen wichtigen Bestand gibt es beim Staatshauptarchiv in Weimar, die Unterlagen des Vereinsregisters. Diese konnten jetzt zur Auffindung der Vorsitzenden von 1919 bis 1945 herangezogen werden. Diesen ist zu entnehmen, dass der VfB sich rasch entwickelte und 1912 schon über 200 Mitglieder hatte, davon in der akademischen Abteilung 95. 1913 wurde Dr. med. Sigurd Hiltmann (Hyg. Institut) als Vorsitzender des VfB geführt, der Mathematikstudent Georg Feige war II. Vorsitzender und Bankbeamter Richard Welzel III. Vorsitzender. Im Adressbuch 1913 wurde für den VfB als Sitz der Geschäftsstelle das Geschäft von R. Dannemann in der Johannesstr. 24 benannt. Die Hauptabteilung leitete E. Popp, die akademische Abteilung O. Leonhardt, die Damenabteilung ein Frl. Gertrud Erdmann. Als Sportarten sind Fußball, Land- und Eishockey, Leichtathletik, Law-Tennis und Turnen registriert.
Mit Beginn des I. Weltkriegs änderte sich die Zusammensetzung des Vorstands mehrfach, da ein Großteil der Männer an die Front ging. 1915 taucht als Vorsitzender des VfB Fritz Zeits (Universitätsbeamter, später auch als Hilfsbeamter bezeichnet) auf. Kassierer war der Fabrikant Curt Willers, der es dann für längere Zeit blieb. Zum Vorstand gehörte außerdem der Kaufmann Erich Strak. Später wurden der Kaufmann Fritz Starke und dann der Techniker Otto Berger Vorsitzender.
Ab März 1919 ist Oskar Leonhardt wieder I. Vorsitzender. 1920 wurde wegen Weggang von Leonhardt, der außerdem Vorsitzender des Gaus Ostthüringen des Verbandes Mitteldeutscher Ballspiel Vereine und zusätzlich noch Vorsitzender des Gaus Jena des Thüringer Schwimmverbandes war, der Chemiestudent Hans Götting als Vorsitzender des VfB gewählt. Dem folgte 1921 Georg Kanold. 1924 taucht der Kaufmann Walter als I. Vorsitzender des VfB auf, dann 1929 Walter Dittmar. Die Geschäftsstelle befand sich zu dieser Zeit im Sporthaus Berger. 1931 erfolgte die Wahl des Studienrats Dr. Willy Völker zum I. Vorsitzenden, der es dann bis im April 1942, also für 11 Jahre blieb. 1942 gab Völker seine Funktion ab, wohl auch weil er einen Lehrauftrag an der Uni übernommen hatte. Paul Lange (Ratsherr und Kreisamtsleiter) wurde daraufhin zum Führer des VfB bestimmt.
Willy Völker wurde 1889 in Kahla als Sohn eines Hofuhrmachermeisters geboren. Er besuchte die Realschule in Gera und später das Gymnasium in Leipzig. In Leipzig studierte und promovierte er auch. Ab 1919 ist er in Jena wohnhaft und als Lehrer tätig. Bereits als Schüler kam er zum Fußball, und sein Umzug nach Leipzig war damit verbunden, dass er sich dem deutschen Spitzenfußballverein VfB Leipzig anschloss. Für diesen spielte er bis 1924 meist in der I. Mannschaft. Seine größten sportlichen Erfolge mit dem VfB Leipzig waren die Teilnahme am Endspiel im „Kronprinzenpokal“ und der Titelgewinn des Deutschen Meisters 1913. 1914 wurde seine Mannschaft Deutscher Vizemeister. Als Spitzenfußballer gehörte er sogar zur Nationalmannschaft. Seit 1942 hatte Völker einen Lehrauftrag für Mathematik an der Uni, der Ende 1945 im Zuge der Entnazifizierung der Schulen, als er seine Lehrerstelle als NSdAP-Mitglied verlor, nicht verlängert wurde. Anfang der 1950er Jahre ist er Mathelehrer an der Ingenieurschule. 1972 ist er in Jena verstorben.
Dr. Hans-Georg Kremer

Bildunterschrift: Bisher wurden keine Fotos von VfB Vorsitzenden gefunden, außer von Willi Völker, hier als Zielrichter (links) auf den Universitätssportplätzen um 1930. Rechts sieht man den Uni-Turnlehrer Hermann Eitel.

In: Thüringische Landeszeitung vom 7. April 2016 Nr. 486
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