Notgeldscheine im Thüringer Sport

  Der Sport als Motiv fürs Notgeld
Thüringische Landeszeitung 15. Februar 2015 Nr. 428

In einem früheren Beitrag haben wir über das „Fußball-Sechser-Turnier“ in Kahla, welches Anfang der 1920er Jahre zu den größten Fußballturnieren in Mitteldeutschland zählte, berichtet. Zu den Besonderheiten des Turniers gehörte die Herausgabe von Notgeldscheinen. Nach dem „verlorenen“ I. Weltkrieg und dem Sturz der Monarchie in Deutschland, wurde ein Großteil der Verwaltung, Rechtsprechung, Wirtschaft und natürlich auch das Geldwesen verändert bzw. neu organisiert. Das Gelddruckmonopol des Staates war kurzzeitig nicht bis zur kleinsten Währungseinheit geregelt. Bereits während des I. Weltkrieges gab es schon Notgeldscheine, die vor allem den chronischen Mangel an Metallkleingeld überbrücken sollten. Einerseits wurden Silbermünzen ebenso Goldstücke von Privatpersonen als Geldanlage gehortet, andererseits wurde Kleingeld aus Nickel oder Kupfer durch Eisen ersetzt, da die Buntmetalle für die Rüstungsindustrie gebraucht wurden. Städte, Gemeinden und Firmen deckten den Bedarf an kleineren Währungseinheiten teilweise durch den Druck eigener Papierzahlungsmittel. Die große Anzahl von variantenreich gestalteten Geldscheinen mit viel Lokalkolorit erweckte bald das Interesse von Sammlern, was dazu führte, dass viele Notgeldscheine gar nicht mehr für den Umlauf, sondern eigens für die Sammler gedruckt und ausgegeben wurden. Diese Entwicklung wurde nach Kriegsende fortgesetzt, oft in bedeutend höherer künstlerischer Qualität. Um 1920 zählte man fast 3000 öffentliche und private Ausgabestellen mit tausenden Notgeldscheinarten. Manche Stadtkämmerer füllten damit Haushaltslöcher. Die meisten Notgeldscheine hatten nur eine befristete Laufzeit (max. ein Jahr) und waren dann verfallen. Weitere Notgeldscheine verschwanden in der rasch wachsenden Sammlerszene, wofür spezielle Motive, teilweise von bekannten Künstlern entworfen wurden. Außer dem Gewinn zwischen Druckkosten und Ausgabewert, gab es also noch den Gewinn aus nicht mehr eingelösten Scheinen. Die Entwurfs-, Druck- und Vertriebskosten wurden bei durchschnittlichen Seriengrößen auf 10.000,00 Reichsmark (RM) beziffert. Der Gewinn lag dann bei etwa 70-80.000,00 RM. Je origineller und künstlerisch oder ideell ansprechender die Scheine gestaltet waren, umso höher lag der Gewinn.
Kahla gehörte zu den Städten in der Region, die am intensivsten Notgeldscheine für Sammler herausgegeben haben. Wer der Akteur dafür war, muss noch genauer erkundet werden. Für 1921 ist nachgewiesen, dass die Stadt Kahla ein Preisausschreiben für die Gestaltung von Notgeld veröffentlicht hatte, zu dem 72 Vorschläge eingereicht wurden. Bereits 1920 war zudem erfolgreich Porzellannotgeld herausgegeben worden. Mit sportlichen Motiven erschien im Juli eine Serie Notgeld anlässlich des 29. Kongresses des Thüringer Schachbundes auf der Leuchtenburg. Zum „Sechser-Turnier“ gab es eine weitere Serie mit 12 verschiedenen Scheinen. Besonders erfolgreich war die sogenannte „Muck-Serie“, die auf die Geschehnisse bei der Überwinterung der „Muck-Bewegung“ auf der Leuchtenburg Bezug nahm.
Friedrich Muck-Lamberty initiierte die nach ihm benannte deutsche Lebensreform- und Jugendbewegung. Er gilt als einer der bekanntesten „Inflationsheiligen“, was aber eine andere Geschichte ist. Die Serie war wohl auch deshalb so erfolgreich, weil diese Bewegung öffentlich als „unmoralisch“ bezeichnet wurde, was den Sammlerwert aber erhöhte. Muck wurde unterstellt, sich unter den ihm folgenden Jugendlichen auf der Leuchtenburg einen „Harem“ gehalten zu haben.
Zurück zum Kahlaer Notgeld: Zumindest eine Serie, die Weihnachtsserie 1921, wurde von dem bekannten Münchner Maler Franz Paul Glaß entworfen, eine andere vom Norweger Olaf Gubransson. Bis Anfang 1922 konnte der Kahler Stadtkämmerer einen Reingewinn von 168.762,30 Mark verbuchen, kann man in einer Publikation von Willi Schilling zur Kahler Stadtgeschichte nachlesen. Insgesamt sind 16 Serien mit durchschnittlich sechs Notgeldscheinen nachgewiesen. Die Serie zum „Sechser-Turnier“ umfasste 12 Scheine, die ebenfalls von einem Künstler gestaltet wurden, dessen Namen aber noch nicht entziffert werden konnte. Interessanterweise bezieht sich kein Motiv auf das „Sechser-Turnier“ direkt, sondern es sind allgemeine Sportmotive abgebildet. Diese reichen vom Rodeln, über Tennis, Schwimmen, Hockey bis zum Fußball. Mindestens vier Scheine konnten bis jetzt ausfindig gemachte werden, die allgemeine Fußballmotive aufweisen.
Der Jenaer Sportverein, Spielvereinigung Jena 1908 (SV 1908), der 1921 mit acht Mannschaften den Teilnehmerrekord beim „Sechser-Turnier“ aufgestellt hatte, nutze die Gunst der Stunde und gab ebenfalls eine Notgeldserie zu diesem Turnier heraus. Diese hatte aber direkten Bezug zum Turnier von 1921. So sind auf den bisher von Wieland Knetsch aus München zusammengetragenen sechs Scheine vier mit Fotos oder Zeichnungen auf das „Sechser-Turnier“ versehen. Der schon veröffentlichte Schein mit einem Foto von allen 500 Teilnehmern, ein Schein mit den Siegermannschaften vom 1. SV Jena und vom SV 1908 und zwei Scheine mit den gewonnenen Siegerpokalen.
Welche Rolle der SV 1908 im Jenaer Sport gespielt hat, werden wir in einem späteren Beitrag beleuchten.

Hans-Georg Kremer

Bildunterschrift: Ein Schein zum „Sechser-Turnier“ hat Rodeln vor dem Hintergrund der Leuchtenburg zum Motiv.
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