Radsport in Jena bei Carl Zeiss Jena-Süd

Auf dem Rad für Zeiss-Süd

In: Thüringische Landeszeitung vom 26.11.2015 Nr. 469

Wir hatten in früheren Beiträgen schon mal über die Geschichte des Radsports in Jena geschrieben. Obwohl Jena nicht unbedingt als eine Hochburg des Radsports anzusehen war und ist, gibt es seit Ende des 19. Jahrhunderts Radsportvereine in der Stadt. Im Wesentlichen konzentrierten sich die Anfänge dieser Sportart in zwei bürgerlichen Vereinen und dem „Arbeiterrad und Kraftfahrer Bund Solidarität“. Letzterer entwickelte sich mit mehr als 400 Mitgliedern zu einem wahren Leistungs- und breitensportlichen Zentrum, wobei vor allem der Radball und das Reigen- oder Kunstradfahren wettkampfmäßig im Vordergrund standen. Die Mehrzahl der Mitglieder würde man heute aber als Radwanderer bezeichnen. 1933, nach Machtübernahme durch die Nationalsozialisten, wurden die Arbeitervereine verboten. Ein Großteil der Radsportler sammelte sich beim Turn- Sport- und Musikvereins (TSM) Glaswerk um ihren Sport weiterzupflegen, wobei sie das beschlagnahmte Radmaterial der „Solidarität“ von der Polizei zurückkaufen mussten.
Der Start nach dem II. Weltkrieg war für die Radsportler ausgesprochen schwer, da in den letzten Kriegstagen alles Radmaterial bei den Bombenangriffen auf Jena verbrannte. Trotzdem gelang es schrittweise wieder Radsport, erst bei Schott, dann bei der BSG Lok Jena und bei der BSG Handwerk zu organisieren. Neben dem Radball spielte zunehmend der Rennsport eine Rolle. In Jena gab es verschiedene Radrennen, die sich großer Beliebtheit bei der Bevölkerung erfreuten. So wurde das Rennen „Rund um das Volkshaus“ zu einem Publikumsmagneten. Mit der „Internationalen Radfernfahrt für den Frieden“ und deren großer Popularität setzte ein wahrer Radsportboom, besonders unter Kindern und Jugendlichen ein. Die Friedensfahrer kamen auch mehrmals durch Jena, bzw. war Jena sogar Zielort eines Zeitfahrens. Anfang der 1970er Jahre, nach den internationalen Erfolgen der DDR-Radsportler, wurde in Gera die SG Wismut als Leistungssportzentrum gegründet. Dazu gehörten mehrere Trainingszentren (TZ), die im Bezirk verteilt zusätzliche Förderung durch Material, Übungsleiter, Finanzen usw. erhielten. In Jena wurde ein TZ Radsport nach Übernahme der Sportler von der BSG Handwerk 1973 bei der BSG Carl Zeiss Jena-Süd aufgebaut. Erster Sektionsleiter war Christian Haase, 1975 wurde es Johannes Linke. Zu den Akteuren der ersten Stunde gehörte Helmut Koblenz, der 1977 auf Grund seiner Verdienste um die Einführung des Radsports in der BSG die DTSB-Ehrennadel in Silber verliehen bekam. Die Hauptarbeit in der Sektion Radsport lag im Kinder- und Jugendsport. Aus einer Übungsgruppe, die mit ca. 20 Kindern und Jugendlichen von der BSG Handwerk gekommen war, wurde nach und nach unter Leitung von Helmut Koblenz, der dann zeitweilig auch noch als Sektionsleiter gewählt wurde, ein leistungsstarkes Team. Ab 1982 war Roland Viehrig Leiter des TZ. Von den 63 Aktiven in der Sektion Radsport gehörten damals 53 Mitglieder dem TZ an. Erfolgreiche Übungsleiter der Anfangszeit waren neben Christian Haase noch Wolfgang Stiebisch und Werner Meißies. Letzterer gehörte dann später mit Lutz Linke und Günther Fielauf zu den Übungsleitern des TZ. Die TZ‘s in der DDR hatten die Aufgabe, talentierte Sportler zu sichten und verstärkt mit mehrmaligem Training in der Woche zu fördern, damit sie den Sprung an die Kinder- und Jugendsportschule (KJS) und einen Sportclub schafften. Die Radtalente der BSG Carl Zeiss Jena –Süd wurden zur SG Wismut nach Gera delegiert. Zu den international erfolgreichen Radfahrern, die als Schüler bei Carl Zeiss Jena-Süd trainierten, gehörten u. a. Lutz Haueisen und Uwe Berndt.
Lutz Haueisen wurde 1979 Weltmeister im Bahnvierer mit Axel Grosser, Volker Winkler und Gerald Mortag. Haueisen spezialisierte sich nach der verpassten Olympiachance 1980 auf das Punktefahren, das ab 1984 zum Olympischen Programm gehören sollte. Bereits 1981 gewann er den Weltmeistertitel der Amateure, 1982 platzierte er sich auf Rang 10 bei der Weltmeisterschaft. 1983 gewann Haueisen die DDR-Winterbahnmeisterschaft im Punktefahren. Nachdem die DDR 1984 die Olympischen Spiele in Los Angelas boykottierte, kam es nicht zu seiner olympischen Premiere. Er gewann aber im gleichen Jahr den Europacup. 1985 wurde Lutz Haueisen DDR-Meister im Punktefahren und 1987 beendete er seine aktive Laufbahn. Uwe Berndt, der als Jugendlicher bei Spartakiaden und Meisterschaften sehr erfolgreich war, wurde nach Wikipedia 1985 für die SG Wismut Gera Dritter der griechischen Tour of Sacrifice. Zwei Jahre später belegte er bei DDR-Bahn-Meisterschaften Platz drei in der Einerverfolgung. Zweimal, 1990 und 1991, wurde er Vize-Weltmeister im Mannschaftszeitfahren, 1990 mit der Mannschaft Maik Landsmann, Uwe Peschel und Falk Boden und 1991 mit Bernd Dittert, Michael Rich und Uwe Peschel.
Sportler des Jahres 1984 und 85 2. Michael Gumpert.
Die hervorragend gestaltete Chronik von Carl Zeiss Jena-Süd, führt genau Buch über ausgezeichnete Sportler. Neben der Liste der Träger von Ehrenzeichen, gibt es auch die Wertung der Sportler des Jahres. Von den Radsportlern konnten sich u. a. 1987 Peter Michalak und 1989 Dr. Reiner Amlacher jeweils auf Rang zwei platzieren. 1988 war wohl das erfolgreichste Jahr der Zeiss-Süd-Radsportler. Die Sektion belegte den 1. Platz unter den 16 Sektionen der BSG, gleichzeitig wurde der Sektionsleiter Rüdiger Strosche als bester Sektionsleiter ausgezeichnet, und Michael Bär erhielt den Titel bester Übungsleiter.

Dr. H. Kremer

Bildunterschrift: Helmut Koblenz (2.v.l.), hier 2014 mit der Fahne des Burschen- und Heimatvereins Closewitz bei der Einweihung des Jahn-Gedenksteins.
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige
Anzeige