Rennsteiglauf in der westlichen Presse vor 30 Jahren

Der GutsMuths-Rennsteiglauf kann auch in diesem Jahr wieder auf mehrere Jubiläen zurückblicken, die mit der Jenaer Sportgeschichte in Verbindung zu bringen sind. Vor 40 Jahren, 1975, wurden an der Universität Jena die entscheidenden Weichen für die Entwicklung von Thüringens größter und bekanntester Laufveranstaltung gestellt. Nach ersten Tests von Orientierungsläufern aus Weimar und Jena ab dem Jahre 1971, waren es bekanntlich drei Studenten und ein Assistent der Uni, die den ersten Rennsteiglauf zusammen absolvierten. Sie liefen, mehr als Abenteuer, 1973 die Strecke von der Hohen Sonne bei Eisenach bis Allzunah bei Stützerbach in knapp 10 Stunden. Diese Distanz, wenn man kleine Abzweigungen, die durch Verlaufen zustande kamen, mitrechnet, lag bei über 70 Kilometer. 1974 hatten die Jenaer dann bereits Gäste zu einer Wiederholung dieses Laufs eingeladen. Von 12 Startern erreichten acht das Ziel in Neuhaus. 1975, nach langfristiger Vorbereitung, konnten am Ende über 800 Läuferinnen und Läufer gezählt werden, die den 3. GutsMuths-Rennsteiglauf schafften. Die umfangreichen Arbeiten, die etwa 30 Studenten und Mitarbeiter der Sportwissenschaft der Uni Jena dabei leisteten, gelten noch heute als prägend für die Entwicklung des Ultralaufs über den legendären Wanderweg, den Rennsteig. Auf ein wenig beachtetes Detail der Arbeit der Jenaer Sportwissenschaftler möchten wir heute aufmerksam machen: Die systematische Öffentlichkeitsarbeit, die teilweise noch heute für die Popularität des Rennsteiglaufs sorgt. Nicht nur in der Sportpresse und den Tageszeitungen sondern vor allem mit wissenschaftlichen Veröffentlichungen, haben sie nachhaltig dazu beigetragen, dass Rennsteiglaufthemen in Fachartikeln und Büchern für Wissenschaftler, Journalisten und die Teilnehmer zur Verfügung stehen. Darunter waren auch international beachtete Beiträge der Sportmedizin, Sportpsychologie, Trainingslehre, Sportgeschichte und Medienwissenschaften. Auf diese Veröffentlichungen griffen scheinbar auch Journalisten zurück, die im „Westen“ über den Rennsteiglauf publizierten. Dieter Zeitler war einer von ihnen, der 1985, also vor 30 Jahren, in der Tageszeitung „Die Zeit“ zum Rennsteiglauf und über die Laufbewegung in der DDR einen Artikel schrieb. Da er in Ergebnislisten nicht zu finden war, ist er wohl als „BRD“-Bürger illegal unter falschem Namen mitgelaufen. Er hatte sich gründlich mit der Geschichte des Laufs beschäftigt und schrieb u. a.: „Begonnen hat der Rennsteiglauf Anfang der 70er Jahre als ein Experiment von Orientierungsläufern aus Weimar und Jena, die erproben wollten, was man seinem Körper an Anstrengungen aufbürden kann. Für 1973 planten fünf Mann einen Rennsteig-Etappen-Lauf. Aber bevor sie an die physischen Grenzen ihrer Körper gelangten, stießen sie auf organisatorische Schranken im DDR-Tourismus: Für die geplante Zeit erhielten sie keine Übernachtungsmöglichkeiten; sie mussten die Strecke in einem Ritt bewältigen. Aus der Not entstand damit der 1. Rennsteiglauf, der somit als ein typisches DDR-Kind aus dem Mangel heraus geboren wurde. Das Kind entwickelte sich dann aber prächtig, wenngleich es heute (1985) mit den Übernachtungsmöglichkeiten eher schlechter als besser aussieht.“
Trotz kleiner Fehler und tendenziell DDR-kritischer Sichtweise, beschrieb Zeitler den Rennsteiglauf insgesamt sehr wohlwollend und bezieht die Forschungsergebnisse aus Jena mit ein, ohne sie direkt zu nennen. So schrieb er weiter: „Ein solcher Lauf stellt eine Herausforderung dar, eine Bewährungsprobe, der man sich freiwillig stellen kann. Solche Herausforderungen sind rar im DDR-Leben. Zudem fehlen die Möglichkeiten für Wüstendurchquerungen, Weltumseglungen, Urwaldabenteuer und Nordpolarkreiseroberungen. Die Sahara und der Atlantische Ozean liegen für unternehmungslustige DDR-Bewohner zwischen Neuhaus oder Eisenach und Schmiedefeld auf dem Rennsteig…Aus der Altersstruktur und der sozialen Zusammensetzung lässt sich ableiten, daß das Laufen ein sehr bewusster Vorgang ist, Ausdruck einer bestimmten Lebensweise, die insbesondere von Menschen als erstrebenswert angesehen wird, die vorwiegend geistig arbeiten, zumindest nicht schwer körperlich. Der Arbeiter, der täglich Knochenarbeit leisten muss, sieht seine Entspannung viel weniger in einer weiteren körperlichen Anstrengung als der Lehrer, Wissenschaftler oder staatliche Leiter.“ Soziologische Untersuchungen aus Jena hatten ergeben, dass bei den Rennsteigläufen weit über 60 % einen Hoch- oder Fachschulabschluss hatten. Als einer der Hauptgründe für die Teilnahme stand neben dem Abenteuercharakter vor allem der Wunsch durch regelmäßiges Training etwas für die Gesundheit zu tun.
Die Königsstrecke des Rennsteiglaufs 1985 gewann übrigens Dietmar Knies, der in Jena Mathematik studiert hatte. Die Siegerehrung fand erstmals vor dem neu gesetzten GutsMuths-Gedenkstein in Schmiedefeld statt, der auf eine Idee aus Jena zurückgeht. Dieser Stein, den man noch heute auf dem Schmiedefelder Sportplatz besichtigen kann, wurde aus „Saalemarmor“ gefertigt, womit man einen Bezug zu dem 1985 im Grenzgebiet liegenden Rennsteigende an der Saale bei Blankenstein herstellen wollte, was aber eine andere Geschichte ist.
Außerdem wurden ab 1985 die Traditionsläufer, anfangs mit zehn Teilnahmen, erfasst, die ein besonderes Abzeichen erhielten.

Dr. H. Kremer

Bildunterschrift: Dietmar Knies bei seinem vierten Sieg 1985 beim Zieleinlauf.
veröffentlicht auch in TLZ vom 23.4.
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