Rennsteiglauf und Biel gründeten Europapokal der Ultramarathone

Jetzt wird’s international
Thüringische Landeszeitung 26. März 2015 Nr. 434

Die politische Wende 1989/90 machte bei vielen Läufen in der DDR ein teilweise völliges Umdenken nötig, um die Organisationsstrukturen zu erhalten bzw. weiter zu entwickeln. Für die Rennsteiglauforganisatoren, die zu „DDR-Zeiten“ einem strikten Verbot der internationalen Kontakte mit anderen Laufveranstaltern unterlagen, bot sich jetzt schlagartig die Möglichkeit, weltweit Läufer zu werben. Die Zahl der Teilnehmer aus den „alten Ländern“ beim Rennsteiglauf im Jahre 1990 war aber eher ernüchternd, und nur zwei Hände voll Ausländer verirrten sich in den Thüringer Wald. 1990 war zwar noch nicht absehbar, dass in den nächsten zwei Jahren die Zahl der Starter bis auf unter 5000 absinken würden, trotzdem setzte nach der Gründung des GutsMuths-Rennsteiglaufvereins e. V. am 30. Juni 1990 Bemühungen ein, den Rennsteiglauf international bekannter zu machen. Der Rennsteiglauf hatte bis 1994 „nur“ zwei Strecken (65 und 45 Kilometer), die nach heutigem Sprachgebrauch den „Trailläufen“ im Ultramarathonbereich zuzuordnen wären. Dafür gab es international kaum Partner. Die Werbeaktivitäten sollten vor allem auf Ultramarathonis zielen, die damals aber national und international weitestgehend flache Strecken auf festem Untergrund und mit genau vermessenen Distanzen bevorzugten. Läufe mit dem Charakter des Rennsteiglaufs waren weitestgehend unbekannt. Diese Sonderstellung, die schon Ende der 1980er Jahre mit dem vom Pressesprecher Wilfried Regenhardt (Thüringer Neueste Nachrichten) im „Werbeausschuss“ des Rennsteiglaufs vorgeschlagenen Slogan „Größter Crosslauf Europas“ deutlich gemacht wurde, sollte durch eine internationale Vernetzung mit anderen gleichgesinnten Veranstaltern einen neuen „Werbeimpulse“ erhalten. Neben Einzelaktivitäten bei Kontakten zu Läufen in den Niederlanden (Den Haag), Italien (Stramilano), Schweden (Lidingöloppet), wo bei großen Laufveranstaltungen neue Erfahrungen bei der Organisation gesammelt werden sollten, waren es vor allem die „100-Kilometer von Biel“ (Schweiz), die in den „Focus“ weitsichtiger Rennsteiglauforganisatoren gerieten. Dies hatte zwei Gründe: Erstens galten die „100-Kilometer von Biel“ mit ca. 4000 Teilnehmern zu damaliger Zeit in Europa als der Marktführer unter den Ultramarathonen. Zweitens hatten bereits 1975 die Organisatoren der „100-Kilometer von Biel“ versucht, mit den Rennsteiglauforganisatoren Kontakt aufzunehmen. So wurde der damalige Gesamtleiter des Rennsteiglaufs im März 1975 zu seinem Direktor beim Jenaer Uni-Sportinstitut, Prof. Dr. Horst Götze, bestellt, der ihm eröffnete, dass er nicht mit seiner Laufgruppe zum „100-Kilometer-Lauf“ in die Schweiz fahren dürfe. Erst eine Woche später konnte er diesen Hinweis zuordnen, als das Meldebüro einen scheinbar ungeöffneten Brief aus der Schweiz erhielt, in dem ein Walter Tschiedel von der schweizerischen „Veteranen-Vereinigung“ Interesse an der Teilnahme am Rennsteiglauf bekundete, und gleichzeitig die Jenaer Läufer in die Schweiz zum „100-Kilometer-Lauf“ nach Biel einlud. Auch später wurden internationale Kontakte, sogar zum befreundeten Nachbarland, den Organisatoren des Skimarathons von Liberec (CSSR) unterbunden. Zu Biel gab es 1990 also noch eine Briefschuld, die Ende 1990 abgegolten wurde.
Bei einer „Helferfahrt“ von Organisatoren aus den Streckenorten des Rennsteiglaufs im Vorfeld der 1991er Auflage, wurde ein Treffen mit dem Organisationschef von Biel, Franz Reist vereinbart. Ein Buss voll Organisatoren fuhr nach Fischen im Allgäu, um an einem verlängerten Wochenende in Ruhe Organisationsfragen des nächsten Laufs zu beraten, in den Bergen zu wandern und Franz Reist zu treffen. Dabei wurde eine engere Zusammenarbeit Rennsteiglauf-Biel vereinbart. Im Herbst 1992 war dann ein Organisatorenteam vom Rennsteiglauf beim neu gegründeten Schwäbisch-Alb-Marathons in Schwäbisch-Gmünd, wo erste Schritte zur Gründung des Europapokals (EC) der Supermarathone zwischen Erich Wenzel (Schwäbisch-Alb-Marathon), Franz Reist (Biel) und Dr. Hans-Georg Kremer sowie Volker Kittel(Rennsteiglauf) beraten und beschlossen wurden. Die Bezeichnung eines EC-Laufs, der nur für die Königsstrecke des Rennsteiglaufs galt, war und ist bis heute ein absolutes Alleinstellungsmerkmal. Obwohl sich die Zahl der Teilnehmer an dieser Wertung die 100 pro Jahr nur selten übertraf, in Grenzen hielt, wurden doch Zeit und Geld in die Entwicklung eines eigenen „Logos“, T-Shirts und von Werbeauftritten investiert. Ein Plan der Öffentlichkeitsarbeit sah vor, dass regelmäßig und bei allen Werbeerzeugnissen und Presseinformationen immer auf den EC Bezug genommen werden sollte. Leider gelang es nicht, dies konsequent umzusetzen. Trotz weiterer Laufveranstaltungen aus anderen Ländern, die in die Europacupwertung aufgenommen wurden, war die Außendarstellung eher bescheiden. Der EC war 23 Jahre Bestandteil des Rennsteiglaufs und hat mit dazu beigetragen, den Lauf international bekannter zu machen. 2015 ist der Rennsteiglauf letztmalig in der Wertung. Weitere Wertungsläufe sind neben Biel und Schwäbisch-Alb-Marathon der Trail Petit Ballon (Frankreich), Marathon Celje (Slovenien) und der Wörthersee Trail (Österreich), die den EC weiterführen wollen.

Dr. H. Kremer

Bildunterschrift: Rosemarie Schulz und Gunda Kremer bei der Standbetreuung 1992 in Biel.
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