Rennsteiglaufhistorie

  Fahrten in die Schweiz wurden untersagt

Im Zusammenhang mit der Gründung des GutsMuths-Rennsteiglaufs durch Universitätsangehörige vor 45 Jahren konnten wir schon mal berichten, dass die Hauptakteure in der Hochschulsportgemeinschaft (HSG, heute USV) 1975 eine Einladung in die Schweiz bekommen hatten. Der damalige Gesamtleiter des Rennsteiglaufs, Mitarbeiter im Studentensport der Sektion Sportwissenschaft, wurde kurz vor dem Rennsteiglauf zu seinem Direktor, Prof. Horst Götze, bestellt. Dieser eröffnete ihm, dass er nicht mit einer Laufgruppe zum „100-Kilometer-Lauf“ in die Schweiz fahren dürfe. Erst eine Woche später konnte der Gesamtleiter diesen Hinweis zuordnen, als er einen scheinbar ungeöffneten Brief aus der Schweiz erhielt, in dem ein Walter Tschiedel von der „Schweizerischen Veteranen Vereinigung“ Interesse an der Teilnahme am Rennsteiglauf bekundete und gleichzeitig eine Gruppe von Läufern aus Jena in die Schweiz zum legendären „100-km-Lauf von Biel“ einlud.
Nach der politischen Wende in der DDR nahm 1991 besagter Organisator sehr schnell zu den Veranstaltern des Bieler Laufs Verbindung auf, da der „100-km-Lauf von Biel“ damals der „Marktführer“ unter den Ultraläufen in Europa war. Der Kontakt zu Walter Tschiedel war aber „vergessen“ worden. Jetzt meldet sich ein Hermann Tschiedel aus Berlin, der zufällig von der Geschichte im Internet erfahren hatte und ergänzt die Biografie seines inzwischen verstorbenen Onkels. Tschiedels Familie stammte aus Böhmen und wurde 1946 vertrieben. Der Onkel Walter (1914-2005), geriet Ende des II. Weltkrieges in französische Kriegsgefangenschaft. Nach der Entlassung blieb er in Frankreich und heiratete. 1953 erhielt er eine Anstellung in der Schweiz und lebte bis zu seinem Tode in der Nähe von Biel. Obwohl er kein „Läufertyp“ war, kam er durch Zufall zum Ausdauerlauf. Da der Senioren-Lauf schon damals in der Schweiz sehr populär war, trat er der „Schweizerischen Veteranen Vereinigung“ bei. 1966 startete er erstmals beim „100-km-Lauf von Biel“, worüber er für die Organisatoren einen ausführlichen Bericht schrieb. Seitdem war er Jahrzehnte ein sehr aktiver Läufer und hat mehrere 100-Kilometer-Läufe besucht. Über seine Motivation, 1975 beim Rennsteig starten zu wollen, kann man nur mutmaßen. Vielleicht wurde er dadurch beeinflusst, dass sein Neffe in Ilmenau studiert hatte. Nach der Wende besuchte Walter Tschiedel mehrmals das Rennsteiggebiet zum Wandern, lief aber selber nie beim Rennsteiglauf mit. Für seinen Neffen Hermann, der früh seinen Vater verloren hatte, war er nach der „Wende“ Familienersatz. Gemeinsam waren sie bei Läufen, Wanderungen, Bergtouren und Skiläufen unterwegs.
Im Gegensatz zu Walter Tschiedel war der Begründer und Organisationschef des „100-km-Laufs von Biel“, Franz Reist, bei mehreren Rennsteigläufen am Start. Kurz nach der „Wende“ hatte der Gründungspräsident des Rennsteiglaufvereins zu den Organisatoren in Biel Verbindung aufgenommen. Dieser Lauf war eine „Legende“ in Europa. Es starteten jedes Jahr an die 4.000 Ultraläuferläufer aus ganz Europa. Um international Interessenten für den Rennsteiglauf zu gewinnen, bot die Veranstaltung eine hervorragende Plattform. Anfang Mai 1991, im Vorfeld des Rennsteiglaufes, fuhr eine Gruppe von Organisatoren nach Fischen im Allgäu, um an einem verlängerten Wochenende in Ruhe Organisationsfragen zu beraten. Bei dieser Gelegenheit gab es das erste Treffen mit Franz Reist. Bei diesem Treffen wurde eine enge Zusammenarbeit vereinbart, aus der der noch heute existierende „Europa-Cup der Supermarathone“ entstand. Franz Reist, der Anfang diesen Jahres im Alter von 87 Jahren verstarb, hatte in seiner Funktion als Gesamtleiter von Biel seit 1993 an vielen Rennsteigläufen, meist mit einem Werbestand im Festzelt in Schmiedefeld teilgenommen.
Franz Reist wurde 1930 auf einem Bauernhof bei Genf geboren. Er war mit den Bergen seiner Heimat eng verbunden. Schon bevor er zum Ultralauf kam, hatte er alle 4000er-Berge in der Schweiz bestiegen. Im Berner Oberland und im Wallis verbrachte er einen Großteil seiner Laufbahn beim Militär, wo er es bis zum Oberstleutnant brachte. Als Maschinenbaumeister war er später in Biel bei einer großen Firma tätig. In Biel baute er außerdem den Zivilschutz mit auf. „Waffenläufe“ von Strecken bis 100 Kilometer sind beim Schweizer Militär, auch für die Reservisten, eine allgemeinübliche Übung. So war die Idee eines 100km-Laufs, die er 1959 mit 35 Teilnehmern, viele davon Offizierskollegen, realisierte, nichts Ungewöhnliches. Ähnlich wie beim Rennsteiglauf, führte eine Idee in den folgenden Jahren zur größten Ultramarathon-Laufveranstaltung von Europa. Franz Reist blieb an die 40 Jahre Cheforganisator und ständiger Ideengeber des 100km-Laufs. Die Idee eines europäischen Pokalwettbewerbes, der von den Rennsteiglauforganisatoren ins Spiel gebracht worden war, fiel bei ihm auf fruchtbaren Boden, sah er doch langfristig nur durch die Sicherung eines international breit aufgestellten Teilnehmerfeldes den Bestand seines Laufs gesichert. Gemeinsam mit Erich Wenzel aus Schwäbisch Gmünd, dem Cheforganisator des „Schwäbisch-Alb-Marathons“, gelang es die Europa-Pokalwertung bis heute regelmäßig zu organisieren. Der Rennsteiglauf hatte sich in den letzten Jahren zurückgezogen.
Da der „100-km-Lauf von Biel“ seit den 1990er Jahren kontinuierlich an Teilnehmern verlor, übernahm Franz Reist viele Ideen des Rennsteiglaufs, wie z. B. die Einführung kürzerer Strecken, so dass man heute von den „Lauftagen von Biel“ spricht.
Dr. Hans-Georg Kremer
Bildunterschrift: Fotosammlung Kremer: Hermann und Walter Tschiedel (l.) hier 1994 zusammen beim Wintersport.
Franz Reist im Ziel beim Rennsteiglauf.

In: Thüringische Landeszeitung vom 20. Juli 2017 Nr. 546
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