Rennsteigrekorde und Rennsteiglauf

  Von Cakes und roher kalter Milch gelebt

Mit seinem „Rückwärtslauf“ über die Halbmarathonstrecke beim diesjährigen Rennsteiglauf in 2: 17: 21 hat sich MarTin Schäf in die Liste der offiziellen Rennsteigrekordhalten eingetragen. Entstanden war die Idee, eine solche Liste zu führen, Anfang der 1990 Jahre beim GutsMuths-Rennsteiglaufverein. Der Rennsteiglauf litt damals unter dem rapiden Rückgang der Teilnehmerzahlen von über 8000 vor der Wende auf um die 3000 danach. Ein Langzeitentwicklungskonzept, welches von Sportwissenschaftlern der Uni Jena erstellt wurde, hatte neben der Einführung neuer Strecken vor allem eine Weiterentwicklung der Öffentlichkeitsarbeit in den Mittelpunkt gerückt. Damit sollte erreicht werden, dass vor allem das Fernsehen und die Zeitungen sowie Laufzeitschriften in den alten Bundesländern den Rennsteiglauf überhaupt erst mal zur Kenntnis nehmen. Der Bekanntheitsgrad und damit die Teilnehmerzahlen des Rennsteiglaufs waren im „Westen“ noch sehr gering, boten aber langfristig deutliches Potential. Eine Maßnahme zur Erhöhung der Medienaufmerksamkeit sollte die Erstellung und Propagierung von Rekorden nach dem Muster des Guinness-Rekordbuchs sein. Eine interessierte und auch finanziell entsprechend gut aufgestellte Brauerei wurde in Bad Köstritz gefunden; deren Geschäftsführer Frank Siegmund stellte eine Förderung dieser Idee in Aussicht. Das Buch sollte in Anlehnung an das bekannteste Bier aus Bad Köstritz, welches damals schon bundesweit beworben wurde, anfangs den Titel „Schwarzbuch des Rennsteigs“ erhalten. 1997 gab es eine erste kleine Auflage dazu. Da der Hauptprotagonist dieser Idee 1997 die Gremien des Rennsteiglaufs verließ, wurde das Buch später in das „Who is who – auf dem Rennsteig“ integriert.
Die Geschichte von Rennsteigrekorden geht zurück bis auf die Geburtsstunde des Rennsteigwanderns, als 1830 der Gothaer Offizier Julius von Plänckner mit seiner 44-Stunden-Wanderung von der Werra bis zur Saale über die Höhen des Thüringer Waldes, den Rennsteig erstmalig als durchgängigen „Wanderweg“ nutzte. Auf seine Nachfolger und die Mitglieder des 1896 gegründeten Rennsteigvereins soll hier nicht weiter eingegangen werden. Dafür sollen einige biografische Angaben zum „Rennsteig-Rekordhalter“ Max Raebel gemacht werden.
Der 1874 in Bielefeld geborene Max Raebel lebte ab seinem vierten Lebensjahr bis zu seinem Tode 1946 meist in Eisenach. Bereits als Schüler versuchte er sich erfolgreich als Extremsportler, z. B. mit einem „Gewaltmarsch“ von Weimar nach Münster über 327 Kilometer, was er in zwei Tagen schaffte. Sein erster Rennsteigrekord stammt aus dem Jahre 1893, als er der erste war, der auf Skiern über den Rennsteig lief (Eisenach-Inselberg).
1913 kündigte Max Raebel einen Rekordmarsch auf dem Rennsteig an. Er startete am 22. Mai um 4.04 Uhr in Eisenach und wollte bis zum Ende des Rennsteigs an der Saale bei Blankenstein „am Stück“ wandern. Trotz mehrfachen Verlaufens und eines Abstechers, mit einer nur achtstündigen Nachtruhe auf dem Kahlert, kam er am 23. Mai, abends 22.25 Uhr, nach nur 42 Stunden und 21 Minuten, an. Nach seinen eigenen Mitteilungen an den Rennsteigverein, die unterzeichnet sind: „Max Raebel, Polarforscher“, hatte er „…währenddessen nur drei Kilogramm Gepäck mitgeführt, Kaffee und Bier gar nicht genossen, sondern nur von Cakes und roher kalter Milch gelebt...“ Der Rennsteigverein erkannte diesen Rekord aber nicht an und war nicht mal bereit, Max Raebel des „Ehrenschildlein“, welches für das Durchwandern des gesamten Rennsteigs ausgeben wurde, zu überreichen. Der Verein sah sich nach seinem Verständnis als Bildungs- und Wanderverein, der „Rekorde“ ablehnte, da man dabei die Landschaft und die Besonderheiten der Strecke nicht genießen könne, wie sinngemäß in einem Artikel in der Vereinszeitschrift „Das Mareile“ stand.
Max Raebel ging nach einer Ausbildung am Weimarer Konservatorium 1892 als Pianist nach Schweden, wo er in verschiedenen Kapellen wirkte. 1901 findet man ihn in Island als Musiklehrer. Lange Zeit unternahm Max Raebel für die Gesellschaft für Erdkunde meteorologische Untersuchungen. Nebenher betrieb er eifrig botanische Forschungen. Die Mehrzahl von Raebels ca. 50 musikalischen Werken umfasste Orchestersuiten, Lieder, eine A-Moll-Sinfonie sowie die Wartburggesänge, die aber weitestgehend unbekannt geblieben sind, ebenso wie seine vielen Gemälde, die er vor allem unter dem Eindruck des Polarlichts malte.
1933 rief Max Raebel einen Rennsteigherbstlauf vom Inselberg zur Eisenacher Waldschenke ins Leben. Damit kann man ihn als einen der ideellen Väter des Rennsteiglaufs ansehen. Ein Dr. Erich Winter wurde damals Sieger und benötigte 1:35 für die 24 Kilometer. Max Raebel, damals schon 60 Jahre alt, schaffte die Strecke in zwei Stunden. Im Internet fand sich eine Medaille von einem Rennsteiglauf der 1930er Jahre. Nach dem Erwerb und genauere Recherchen ergab sich, dass es sich hier um den Rennsteigskilauf handelte, der seit 1908 organisiert wurde. Die Medaille erhielt der Sieger 1931, Otto Wahl, einer der damals bekanntesten Wintersportler aus Thüringen, den man ebenfalls unter die Rennsteig-Rekordhalter rechnen kann, was aber eine andere Geschichte ist.

Dr. H. Kremer
Von Max Raebel konnte noch kein Foto ausfindig gemacht werden, hier die Medaille vom Rennsteigskilauf 1931 mit dem Bildnis des bekannten Wintersportlers und Sieger eines Rennsteigskilaufs, Rudolf Köhler.

In: Thüringische Landeszeitung 14./15. Mai 2015 Nr. 441
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