Segelflug und Institut für Leibesübungen Jena

Über Karl Geisbe

Vor 70 Jahren, Ende Juni 1945, kam Karl Geisbe zurück nach Jena, um seine Sachen abzuholen, die er bei Bekannten untergestellt hatte, als er am 13. April 1945 nach Einrücken der Amerikaner geflohen war. Er hatte den weiten Weg aus seinem Heimatort Soest mit dem Fahrrad zurückgelegt und dabei alle Kontrollen der englischen und amerikanischen Soldaten gut überstanden. „Bevor die „Russen“ nach Thüringen kommen…“, so sagte er bei einem persönlichen Gespräch, wollte er aber noch seine letzten persönlichen Dinge abholen, dazu gehörten Kleidung, Papiere, Familienfotos usw. Danach kam er bis 2001 nicht wieder nach Jena.
Karl Geisbe war seit Ende der 1990 Jahre Fördermitglied des USV Jena e. V. Er war damals der letzte männliche Mitarbeiter des Instituts für Leibesübungen, welches von 1934 – 1945 an der Jenaer Uni existierte, welcher als Zeitzeuge noch befragt werden konnte.
Karl Geisbe war eigentlich von Beruf Autoschlosser, als begeisterter Segelflieger bekam er eine Anstellung als Fluglehrer an der Universität Münster. Mit Beginn des II. Weltkriegs kam er im September 1939 mit seinem Chef Franz Henning, der die Abteilung Luftfahrt übernahm, nach Jena. Jena gehörte zu den fünf Universitäten im Deutschen Reich, die ihren Studienbetrieb bei Beginn des II. Weltkrieges aufrechterhalten durften. Die Mitarbeiter der anderen Hochschulen, die nicht zum Kriegsdienst eingezogen wurden, wurden Großteils per Dienstbefehl an die noch tätigen Unis versetzt. Geisbe und Henning hatten in den nächsten Monaten einen entscheidenden Anteil am Ausbau des Segelflugplatzes Schöngleina, auf dem die Studenten der Leibesübungen von den Unis in Jena, Halle und Leipzig und verschiedene andere vormilitärisch orientierten Organisationen ihre Segelfluglehrgänge organisierten. Hintergrund war, dass die deutsche Luftwaffe für ihre Kriegsführung ständig weitere Piloten benötigte. Mit der Segelflugausbildung wurde dafür eine Kaderreserve geschaffen.
Der Einsatz von Geisbe in Jena war nur kurzzeitig, da er bald zum Kriegsdienst eingezogen wurde, wo er Segelflieger für Lastensegler ausbildete. Besonders in Erinnerung sind ihm die Flüge mit der Me 321 geblieben. Dies war das größte Segelflugzeug der Wehrmacht, mit einer Spannweite von 100-Metern. Es war für die Invasion in England gebaut worden und konnte einen LKW mit kompletter Mannschaft transportieren. Da die Invasion nicht stattfand, wurde das Flugzeug im sogenannten Russlandfeldzug eingesetzt, um eingekesselte Truppen zu versorgen. Mit sechs Motoren aufgerüstet gab es dann noch Einsätze in Afrika. Geisbe selber flog eine dieser Maschinen in den Kessel von Stalingrad.
Ende 1943 wurde Karl Geisbe vom Wehrmachtsdienst in Frankreich freigestellt, um für Prof. Dr. Heinz Siedentopf als Flieger auf der zweimotorigen Go 150, die dem Institut für Leibesübungen gehörte, bei der militärischen Forschung tätig zu werden. Er war auf dem Universitätsflugplatz in Schöngleina stationiert und unterrichtete als Segelflughauptlehrer die Sportstudentinnen. Er wohnte mit seiner Familie auf einem Bauernhof, der in der Nähe des Flugplatzes lag und unter der Bezeichnung Objekt „Lämmchen“ vom Institut für Leibesübungen genutzt wurde. Dieses Gebäude diente auch der Unterbringung von Lehrgangsteilnehmern und deren Versorgung.
Über Prof. Siedentopfs Militärforschung sind bis heute noch keine Archivunterlagen gefunden worden. Auch Geisbe bekam nur wenig davon mit, da Siedentopf immer ein großes Geheimnis darum machte und die kleine Wetterwarte, die er auf dem Flugplatz in Schöngleina hatte bauen lassen, von Niemandem betreten werden durfte. Es ging wohl vor allem um sogenannte Schlierenbildung in der Luft und wie diese sich auf die Zeiss-Zieloptikgeräte von Waffensystemen auswirkten. Auf jeden Fall nahm er bei den gemeinsamen Flügen mit Geisbe ständig Messungen in der Luft vor und fotografierte mit unterschiedlichsten Fotoapparaten und Objektiven, so das Geisbe annahm, dass er vor allem die Zeiss-Objektive auf Brauchbarkeit für die Luftaufklärung untersuchte und die Auswirkungen verschiedener Witterungen auf die Fotoqualität.
Seinen ersten Flug mit Siedentopf hatte Geisbe in seinem Flugbuch für den 19. Mai 1944 eingetragen und der Letzte fand am 16. März 1945, vier Wochen vor dem Einmarsch der Amerikaner in Thüringen, statt. Dieser führte nach Dessau, wo ein Ersatzteil für ein Motorflugzeug geholt wurde. Geisbe erinnerte sich noch lebhaft an die ständige Angst von Siedentopf vor eventuell aufkreuzenden amerikanischen Jägern. Insgesamt hatte Geisbe 106 Flüge mit Siedentopf unternommen. Während Siedentopf sich beim Anrücken der Amerikaner Anfang April 1945 sofort absetzte, erlebte Karl Geisbe noch in einem Versteck, wie anrückende amerikanische Verbände nach Beschuss durch Hitlerjungen bei Schöngleina die Flughallen in Brand schossen. Alle zwölf Segelflugzeuge des Instituts für Leibesübungen, darunter ein Hochleistungssegler vom Typ Condor III, verbrannten am 12. oder 13. April 1945, ebenso wie einige Motorflugzeuge, darunter die aus Gotha stammende zweimotorige GO 150 von Siedentopf.
Karl Geisbe floh dann mit seiner Familie zurück nach Soest, wo er später Mitarbeiter in der Stadtverwaltung wurde. 2000 war er noch einmal mit 90 Jahren mit einem Motorsegler in Schöngleina gelandet. Er verstarb im hohen Alter von 101 Jahren.

Dr. H. Kremer

Bildunterschrift: Karl Geisbe (2. v. l.) 1941 Mit Lehrgangsteilnehmerinnen eines Segelfluglehrganges 1941 vor dem Bauernhaus in Schöngleina, welches als Objekt „Lämmchen“ bezeichnet wurde.

veröffentlicht in Thüringische Landeszeitung 9. Juli 2015 Nr. 449
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