Sind der LC Jena e. V. und der FC Carl Zeiss Jena e. V. verschwistert?

Gemeinsame Wurzeln

Die Pläne zum Umbau des Stadions und der damit verbundenen Auslagerung der Leichtathletik auf eine neue wettkampftaugliche Anlage sind Anlass, mal genauer in die „Genealogie“ des Leichtathletik Clubs Jena e.V. (LC Jena) zu schauen. Nach städtischen Vorstellungen könnte eine neue Leichtathletikanlage hinter der Muskelkirche (Institut für Sportwissenschaft) zwischen Wöllnitzer und Stadtrodaer Straße entstehen. Auf Anfrage hatte die Universität signalisiert, dass sie die um 1970 gebaute Anlage dafür zur Verfügung stellen könnte. Die Stiftung Jenaer Universitätssportsport hatte ebenfalls auf Anfrage der Stadt geäußert, dass sie sich, wenn die Rahmenbedingungen stimmen, vorstellen könnte, dass sie diese Anlage in Eigentum übernähme. Wenn eine Übertragung der Immobilie aus dem Landeseigentum an die öffentlich rechtliche Stiftung nicht möglich sei, so wäre ein Erbpachtvertrag von 99 Jahren allerdings Voraussetzung für eine Übernahme. Die Stiftung Jenaer Universitätssport könnte dann ihrerseits ihre GmbH mit der Betreibung betrauen. Diese „USV Sport Service GmbH“ müsste dazu allerdings umstrukturiert werden und ein neues Geschäftsfeld aufbauen. Da aber weder die genauen Vorstellungen über den Bau, noch die Finanzierung des Betriebs geklärt sind, wird es noch einiger Verhandlungen bedürfen.
Dass auf Unigelände die Leichtathletik Jenas etabliert wird ist bemerkenswert, weil außer der leichtathletischen Ausbildung der Sportstudenten, weder im USV Jena e. V. noch im Hochschulsport nennenswerte Leichtathletikgruppen existieren. Die Traditionslinie der Uni-Leichtathletik, die 1911 mit dem Vorläufer des USV, dem Verein für Bewegungsspiele (VfB)begann, brach in den 1990er Jahren ab und spielt heute keine größere Rolle mehr. Statistisch wird die Leichtathletik im USV Jena gegenüber dem Landessportbund durch die Abteilung Ausdauerlauf/Walking vertreten, die aber selber keine wettkampffähige Leichtathletikanlage benötigt.
Anders sieht es mit der Leichtathletik des 1903 gegründeten Fußballklubs (FK) Carl Zeiss Jena aus. Dieser älteste Sportverein in Jena hatte von Beginn an Leichtathleten in seinen Reihen. Das hängt damit zusammen, dass sowohl die Fußballer als auch die Leichtathleten, die dem Verband Mitteldeutscher Ballspielvereine angehörten, anfangs gleichberechtigt beide Sportarten betrieben. Der Fußballpunktspielbetrieb wurde bis 1914 sogar im Juli immer ausgesetzt, damit sich alle Spieler an leichtathletischen Wettbewerben beteiligen konnten. Bei den ersten Gaumeisterschaften von Thüringen wurden sowohl die Meister im Fußball als auch in den leichtathletischen Disziplinen ermittelt. In der Chronik des LC Jena wird vom Sporthistoriker Dr. Jörg Lölke als Erstnennung von Jenaer Leichtathleten des Jahr 1907 bezeichnet, als Mitglieder des FK Carl Zeiss beim Thüringer Gaumeeting in der Leichtathletik starteten. 1909 organisierte der FK sogar „Olympische Spiele“ des Gaus Thüringen in Jena. Für 1910 konnten die ersten Sportler auch namentlich herausgefunden werden. Beim Verbandsmeeting gewann den Gau-Eilbotenlauf die Mannschaft W. Krauss, W. Graf (Carl Zeiss), Dr. Fröbel, Dr. Wächtler (SC Weimar). Im Juli 1910 konnte man in der Zeitung am Ende eines Spielberichts lesen, dass im August ein Propagandaspiel von Carl Zeiss stattfände und „bis dahin…der F.-C. C. Zeiß den Fußballsport ein(stellt), damit die Leichtathletik gepflegt werden kann.“
Spätestens 1914 gab es neben einer Schwimm- auch eine Leichtathletikabteilung bei Carl Zeiss. Einer der Protagonisten war Karl Heu, der auch unter den Organisatoren der Leichtathletik-Wettkämpfe des FK immer in leitender Funktion auftaucht. Er organisierte neben dem „Nationalen 30-Kilometer Gepäckmarsch“ auch einen hochrangig besetzten 25-Kilometer-Lauf. Außerdem findet sich in Terminankündigungen eine Deutsche Meisterschaft im 100 Kilometer-Straßengehen in Jena, zu der allerdings noch keine Ergebnisse gefunden wurden. Uwe Dern, der Mannschaftleiter von Carl Zeiss, konnte Archivmaterial von 1914 vorweisen, in dem wöchentlich drei Trainingstage für Leichtathletik, zwei für Fußball und einer für das Schwimmen ausgewiesen sind. So steht für Donnerstag „Wald- bzw. Geländelauf, bei ungünstiger Witterung Sportdiskussion“ in den Vereins-Bekanntmachungen.
1917 erfolgt die Umbenennung des Fußballklubs Carl Zeiss in 1. Sportverein (1. SV). Die bekanntesten Leichtathleten bis 1945 waren Elisabeth Oesterreich, die 1928 an den Olympischen Spielen teilnahm und Rudolph Klupsch, der 1936 bei den Olympischen Spielen über 400 Meter in Berlin startete. Nach Kriegsende 1945 fanden sich viele Sportler des 1. SV bei der Sportgemeinschaft Ernst Abbe, später BSG Motor Carl Zeiss wieder zum Training und Wettkampf. Daraus wurden 1954 die Spitzensportler im Sportclub (SC) Motor zusammengefasst, der sich zu einem starken Leichtathletikzentrum in der DDR entwickelte, dessen Erfolgsbilanz gerade vom Sportstatistiker Karlheinz Peml zum Druck vorbereitet wird. Mit der politischen Wende in der DDR gründete sich 1990 aus dem SC Motor Jena 1990 der Turn- und Sportverein (TuS). Nach Insolvenz des Mehrspartenvereins TuS Jena wurde am 14.11.2011 der eigenständige Leichtathletikverein LC Jena gegründet. Obwohl sich 1966 die Fußballer aus dem SC Motor als FC Carl Zeiss ausgegründet haben, kann eine durchgängige „Ahnenreihe“ vom 1903 gegründeten FK Carl Zeiss zum LC Jena und zum FC Carl Zeiss konstatiert werden.
Dr. H. Kremer
Bildunterschrift: Leichtathleten des 1. SV und des TSM Otto Schott Anfang der 1930er Jahre im Stadion vor einem Vergleichskampf; die SV-Leichtathleten mit quergestreiftem Traditionstrikot.

In: In: Thüringische Landeszeitung vom 12. November 2015
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