Sportdenkmäler und Kunstwerke in Jena - Ein Denkmal für Hermann Peter

Der vermisste Speerwerfer

Derzeitig bemühen sich der Supporters Trust Jena e. V. und die Stiftung Jenaer Universitätssport mit Unterstützung der Universität durch den Verkauf von Stifterbriefen, ein schon vor 100 Jahren in Auftrag gegebenes Denkmal für den Gymnasiallehrer Hermann Peter errichten zu lassen. Verdient hat Hermann Peter dies auf jeden Fall, ist er doch nicht nur der Begründer der Sportanlagen in der Oberaue, die heute von der Bogensportanlage über das Ernst-Abbe-Stadion bis zum Universitätssportzentrum reichen. Hermann Peter ist auch der Vater mehrerer „moderner“ Sportarten, wie Fußball, Tennis, Leichtathletik, Rudern und Hockey in Jena. Zudem würde es ohne sein Wirken den FC Carl Zeiss Jena e. V. und den USV Jena e. V. nicht geben.

Jenas Denkmallandschaft ist derzeitig nicht gerade reich an Erinnerungsstätten für den Sport. Mit der Errichtung eines Jahndenkmals bei Closewitz hat der dortige Burschenverein 2013 zumindest ein auch hundertjähriges Projekt zum Abschluss gebracht. Verschiedene Jahnbüsten bei Sportvereinen sind nach 1945 meist verschwunden, so wie die Denkmäler für die im I. Weltkrieg gefallene Mitglieder von Turn- und Sportvereinen, die bis 1945 auf verschiedenen Sportplätzen oder in Vereinsheimen zu finden waren.

So gut wie unbekannt ist ein Kunstprojekt hinter der Muskelkirche unter der Bezeichnung „Fehlstart“ von Martin Neubert, welches heute nur noch als Hintergrund für Gruppenbilder bei Absolvententreffen des Instituts für Sportwissenschaft Verwendung findet.
Das wohl „wertvollste“ Kunstwerk mit sportlichem Motiv sowohl vom künstlerischen als auch vom Materialwert war die Plastik „der Speerwerfer“ vor der Muskelkirche von Richard Engelmann. Dazu tauchte jetzt in der ausgesprochenen sehenswerten Ausstellung „Zeiss und das neue Sehen“ im Stadtmuseum eine Stereofotografie aus der Privatsammlung von Kristian Philler auf. Bisher sind von der Plastik überhaupt nur sehr wenige Abbildungen bekannt. Im Rahmen einer umfangreichen wissenschaftlichen Arbeit zu dem Weimarer Bildhauer Richard Engelmann hatte Silke Opitz vor einigen Jahren versucht, Abbildungen vom „Speerwerfer“ in Jena ausfindig zu machen und war bis auf ein Privatfoto nicht fündig geworden. Später tauchten dann noch drei Fotos von 1940 auf, als der „Speerwerfer“ als Buntmetallspende für den Krieg zum Geburtstag des „Führers“ abgerissen wurde. Außerdem ist der Speerwerfer auf einer Postkarte von der „Muskelkirche“ ganz klein am Bildrand zu erahnen.

Richard Engelmann wurde 1868 in Bayreuth geboren. Er studierte in München und nach Studienaufenthalten in Florenz und Paris hatte er in Berlin ein eigenes Atelier. 1913 wurde er als Leiter der Bildhauerabteilung an die Hochschule für bildende Künste nach Weimar berufen. In seiner künstlerischen Auffassung kann man ihn dem Neoklassizismus zurechnen, der Anfang des Jahrhunderts für Umbruch und Modernität stand. Engelmann war nach anfänglicher Aufgeschlossenheit gegenüber Walter Gropius als Kandidaten für die Bauhausgründung zunehmend reservierter. Engelmann gehörte zu den Befürwortern einer Teilung zwischen Bauhaus und Kunsthochschule, die dann auch erfolgte. In Weimar sowie Freiburg und Umgebung sind noch einige Arbeiten von ihm erhalten. Die Universität besitzt von ihm die Portraitbüste von Ernst Haeckel. Dass die Plastik des Speerwerfers bis 1940 auf dem Vorplatz der „Muskelkirche“ stand, ist eigentlich ein Wunder. Engelmann, der jüdische Vorfahren hatte, stand bereits 1930 unter Berufsverbot, als in Weimar die NSDAP zeitweilig an der Regierung beteiligt war. Der 1930 vom NSDAP Volksbildungsminister eingesetzte neue Direktor der Hochschule für bildende Kunst, Paul Schultze-Naumburg, hatte künstlerische Meinungsverschiedenheiten mit Engelmann. Als Vertreter einer klassizistischen Kunstauffassungen, der enge Beziehung zu dem Belgier van de Velde hatte, passte er nicht in Schultze-Naumburgs Konzept. Die jüdische Herkunft Engelmanns gab Schultze-Naumburg gesetzliche Handlungsmöglichkeit ihn in den Ruhestand zu versetzen. Engelmann übersiedelte 1937 nach Kirchzarten, wo er bis zu seinem Tode 1966 künstlerisch tätig war.

Die Plastik des Speerwerfers wurde im April 1940 abgerissen und eingeschmolzen. Der damalige amtierende Institutsdirektor Ernst Herberger hatte beim Volksbildungsministerium in Weimar beantragt, dass die Plastik des Speerwerfers und die kleine Plastikgruppe „der Fußballspieler“ von Arno Zauche, die in der Bibliothek stand, der Metallsammlung zur Geburtstagsspende des Führers bereitgestellt werden sollen. Begründet wurde dies wie folgt: „Gegen die rein künstlerische Gestaltung der beiden Werke ist nichts einzuwenden, aber vom sportlichen Gesichtspunkt aus sind beide Figuren derart unglücklich dargestellt und zeigen eine völlig irreführende Bewegung.“

Die Ortsgruppe Jena-Nord der NSDAP erhielt dann den Auftrag „ohne öffentliches Aufsehen“, die Figur des Speerwerfers abzubauen. Wörtlich schrieb Ministerialrat Friedrich Stier: „Es ist mir nicht erwünscht, daß eine öffentliche Bekanntgabe dieser Spende in den Zeitungen erfolgt.“ Die Ortsgruppe realisierte den Auftrag postwendend, indem sie die Plastik vom Sockel stürzte und per LKW abtransportierte. Seitdem gibt es keine Hinweise über den weiteren Verbleib. Ebenso wurde die Plastik „der Fußballspieler“ von Arno Zauche bei der gleichen Aktion abtransportiert. Von dieser gibt es bis heute nicht einmal ein Foto. Das ist aber eine andere Geschichte.
Bildunterschrift: Stereofotografie des „Speerwerfers“ im Schnee aus den 1930er Jahren aus der Sammlung Kristian Philler.

In: Thüringische Landeszeitung vom 14. April 2016 Nr. 487
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