Sportvereinsgeschichte in Jena

Ist der USV Jena e. V. älter als gedacht?

Die „Turn- und Sportvereinslandschaft“ in Jena, begann sich im 19. Jahrhundert mit der Gründung mehrerer Turnvereine zu entwickeln. Nach erfolglosen Versuchen in der Zeit der bürgerlichen Revolution von 1848 – 49 einen Turnverein in Jena zu etablieren, wurde 1858 der erste Turnverein gegründet. Dieser existierte bis 1945, und mit der Turnhalle in der Jahnstraße hat er noch für die heutige Zeit Bedeutung für die Sportangebote des USV e. V.. Es folgten vor 1900 weitere Turnvereine wie die Turngemeinde, der Turnclub, der Turnverein Glashütte und andere im Vereinsregister eingetragene Zusammenschlüsse.
Zwischen 1893 und 1903 existierten nominell erste Sportvereine, welche im Unterschied zu den Turnvereinen, die vor allem aus England kommenden „modernen“ Sportarten betrieben. So gab es einen Fußballverein, einen Tennisverein und einen Ruderverein, die aber als Abteilungen zum Spielplatzverein gehörten und nicht als rechtsfähige Vereine galten. Sie wurden jedes Jahr im Frühjahr von dem Spielplatzleiter Hermann Peter neu konstituiert. Die Mitglieder meldeten sich dann jeweils für eine Saison an. Hermann Peter nennt um 1900 z. B. 150 angemeldete Tennisspieler.
Mit dem 1903 gegründeten Fußballklub Carl Zeiss e. V. entstand der erste offizielle Sportverein in Jena. Wie in einem vorangegangenen Beitrag berichtet, wurde im Sommer des gleichen Jahres auch ein Schwimmverein gegründet. Für das Jahr 1907 ist inzwischen die Gründung eines Tennisvereins belegt, der unter der Bezeichnung „Tennis-Wettspiel-Verein Jena“ firmierte. Er wurde als eigenständiger Verein ins Vereinsregister eingetragen. Die Zahl der Tennisinteressierten in Jena war damals sehr hoch. So hatte Hermann Peter 1902 beim Bauantrag des Tennishauses die Zahl der ausgegebenen Dauerkarten für die Tennisplätze auf 308 beziffert, davon 135 für Damen und 183 für Herren und davon wiederum 37 Schüler und zusätzlich 109 Karten für Studenten.
Hermann Peter galt ganz offensichtlich als der Fachmann für den Sportplatzbau in der Region. 1905 holte ihn z. B. das Weimarer „Law-Tennis-Consortium“ zum Bau einer Tennisanlage „entsprechend den Jenaer Plätzen als Sandplätze“ in die Residenzstadt. Der Kontakt von Weimar zu Hermann Peter scheint dann nicht mehr abgerissen zu sein, denn im Juli des gleichen Jahres wurde das erste gemeinsame Tennisturnier von Weimar und Jena auf den Plätzen an der Saale organisiert. Das Turnier existierte bis 1913 und wurde abwechselnd in Jena und Weimar, als „Internationales Law-Tennis-Turnier“ organisiert.
Nach dem Muster des Weimarer Vereins gründete sich 1907 der „Tennis-Wettspiel-Verein Jena“ auf den Anlagen des Spielplatzvereins. Für das „Internationale Lawn-Tennisturnier“ wurden immer hochwertige Siegerpreise ausgelobt. 1907 hatten die Professoren Hagen, Tübbecke sowie der Kunstmaler Hansen (alle von der Kunstschule in Weimar) wertvolle Bilder als Preise gestiftet. „Das Turnier, zu dem höchstwahrscheinlich Spieler von Weit und Breit erscheinen werden, ist für unsere Stadt von großer Bedeutung und es wäre höchst wünschenswert, wenn noch recht schöne Turnierpreise seitens der Freunde des Tennissports gestiftet werden“, kann man in der in Weimar erscheinenden Zeitung „Deutschland“ lesen.
Ein großzügiger Sponsor von Siegerpreisen war regelmäßig der Großherzog von Sachsen-Weimar-Eisenach, Ernst Wilhelm. So findet man 1909 unter den ausgelobten Preisen einen goldenen Pokal des Großherzogs für die Herren und ein goldenes Teeservice für die Siegerin bei den Damen. „Dem Vernehmen nach beabsichtigt übrigens S. K. H. der Großherzog einen weiteren Ehrenpreis zu stiften, der künftig unter den Gymnasiasten und Realgymnasiasten von Weimar und Jena ausgespielt werden soll“ kann man in einem Zeitungsbericht lesen.
Zurück zum „Tennis-Wettspiel-Verein Jena“: 1913 wurde als Vorsitzender des Tennis-Wettspielvereins Dr. Siedentopf genannt. Vermutlich handelt es sich hier um den Physiker Henry Siedentopf, der bei Zeiss tätig war. Er versuchte zu dieser Zeit unter Umgehung des „Spielplatzvereins“ die Tennisplätze dem „Tennis-Wettspiel-Verein“ eigenmächtig unterzuordnen. Für das „Lawn Tennis Jahrbuch“ meldet er für Jena nur den Tennis-Wettspielverein mit 20-30 Mitgliedern. Die übrigen Tennisspieler waren wohl vor allem bei dem 1911 gegründeten „Verein für Bewegungsspiele“ (VfB, heute USV) organisiert. Siedentopfs Aktivitäten könnten mit als ein Grund angesehen werden, dass Hermann Peter eine neue Zuordnung der Spielplätze bei der Universität anstrebte.
1914 kaufte die Uni alle Spielplätze offiziell und der Tenniswettspielverein wurde „Mieter“ der Tennisplätze. Der Tennis-Wettspielverein firmiert spätestens ab 1919 als eigenständige Abteilung des VfB. Damit könnte man als frühesten Gründungstermin einer USV-Abteilung auf das Jahr 1907 vorverlegen, womit die Tennisspieler 2017 ihren 110jährigen Geburtstag feiern könnten.
Der Tennis-Wettspielverein war im VfB so etwas wie ein Verein im Verein. Er schloss zur Nutzung der Plätze in der Oberaue mit der Uni eigene Verträge ab. Er „besorgte“ die Pflege und Unterhaltung der gesamten Anlage. Weitere zeitweilig bis zu vier Vereine waren als „Untermieter“ auf der Anlage. Im VfB gab es eine eigene Sparte, in der die meisten tennisspielenden Studenten organisiert waren, die vom Universitäts- Turn- und Sportlehrer Hermann Eitel und einem Tennislehrer betreut wurden.
Im Zuge der Gleichschaltung aller Vereine nach 1933 wurde die Eigenständigkeit des Tenniswettspielvereins aufgelöst.

Dr. H. Kremer
Bildunterschrift: Das früheste Tennisfoto von Universitätsmeisterschaften, die auf Initiative von Wilhelm Tell seit 1990 wieder durchgeführt werden, stammt aus dem Jahre 1927.

Entnommen: Thüringische Landeszeitung 3. September 2015 Nr. 457
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