Von der Weltrekordlerin zur Firmenchefin

Sabine Günther an ihrem Arbeitsplatz im Autohaus. Das Foto auf dem Bildschirm zeigt die Staffel nach ihrem Weltrekordlauf von Canberra. Foto: Hausdörfer
Ein bisschen traurig war Sabine Günther schon: In London ist der schier ewige Leichtathletik-Weltrekord im Staffelsprint über 4x100 Meter der Damen nun doch gefallen. Beim Weltcup im australischen Canberra am 6. Oktober 1985 hatte die DDR-Staffel, nicht zuletzt durch ihre bis ins Letzte ausgefeilte Wechseltechnik, die Fabelzeit von 41,37 Sekunden erreicht, die fast 27 Jahre Bestand haben sollte. "Eigentlich war ich nur Ersatzläuferin", erinnert sich Sabine Günther im AA-Gespräch, "doch ich kam zum Einsatz und bei diesem Lauf hat wirklich alles gestimmt." Am Start waren neben Sabine Günther mit Marlis Göhr und Ingrid Auerswald zwei weitere Jenaerinnen und Silke Gladisch aus Rostock. Natürlich schaute Sabine Günther später bei allen internationalen Leichtathletik-Großereignissen genau hin mit der Frage im Hinterkopf: Hält er oder hält er nicht?

Ihr Verhältnis zu Olympia ist dagegen eher getrübt. Der Revanche-Boykott des Ostblocks 1984 und eine Verletzung 1988 verhinderten ihre Starts in Los Angeles und Seoul. 1992 in Barcelona, kurz vor ihrem Karriereende, war sie dann doch dabei, als Läuferin in der ersten gesamtdeutschen Staffel. Doch gerade die vielgelobten Wechsel klappten ob der in Ost und West unterschiedlich eingeübten Techniken nur mäßig und die Medaille war futsch.

Das Karriereende bedeutete für die bei Zeiss ausgebildete Feinmechanikerin eine totale berufliche Neuorientierung. "Zu DDR-Zeiten wurden wir als Leistungssportler vom Zeiss-Kombinat sehr unterstützt. Wir arbeiteten vier Stunden und hatten dadurch Zeit für zweimal Training am Tag", erzählt Sabine Günther. Ab 1993 war damit Schluss und die Sportlerin wurde zur Geschäftsfrau durch den Einstieg in das Skoda-Autohaus ihres Mannes Bernd Günther, mit dem sie heute gemeinsam das Unternehmen mit 16 Mitarbeitern als Geschäftsführerin leitet. Am Anfang war es für sie nicht einfach gewesen, ganz ohne eine kaufmännische Ausbildung. Die hat sie inzwischen längst nachgeholt. Und was war eigentlich das Schwierigste? "Mit Leuten umzugehen, war eigentlich kein Problem, so etwas lernt man im Sport. Aber auf einmal Leute anzuleiten, zu sagen, das geht so und so und auch Kritik einstecken zu können, das ist schon eine andere Sache. Als Chef ist man nicht immer der Beliebteste. Man muss aufpassen, dass man Menschen nicht verletzt, sondern einfach nur führt."

Ob es ähnlich wie beim Sport auch im neuen Job ganz besonders schöne Erlebnisse gibt, wollte der AA noch wissen. "Früher waren es natürlich die Medaillen. Schöne Momente sind heute zum Beispiel, wenn man merkt, dass langjährige Kunden - wir feiern in diesem Jahr ja unser 20-jähriges Firmenjubiläum - immer noch zu einem stehen", so Sabine Günther.

Und wie sieht es bei der ehemaligen Spitzensportlerin heute mit sportlicher Betätigung aus? Einmal in der Woche spielt sie in einem Freizeitteam mit anderen Frauen Basketball, darunter auch Renate Stecher, ebenfalls eine frühere Weltklasse-Sprinterin. "Im Sommer gehen wir auch immer ins Stadion und machen unser Sportabzeichen. Wir sind überhaupt eine ganz tolle Truppe", schwärmt Sabine Günther von ihren neuen Sportkameradinnen.
Zum Schluss noch einmal zurück zu Olympia: Mit ihrer Canberra-Zeit hätten Günther & Co. in London immer noch locker Silber gewonnen…
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