Zur Geschichte der Sportmedizin an der Universität in Jena

  Als Grober gehen musste…


In früheren Beiträgen, die in dem Buch „Jenas Sporthistorie in Wort und Bild“ nachgelesen werden können, hatten wir uns mit der Entwicklung der sportmedizinischen Ausbildung von Sportstudenten an der Jenaer Universität beschäftigt. Seit 1911 gibt es in Jena akademische Turn- und Sportlehrer Kurse, die das Ziel hatten, den zunehmenden Bedarf an ausgebildeten Fachlehrern für die Gymnasien in Thüringen abzudecken. In den Ausbildungsprogrammen gab es auch Inhalte, die man heute unter dem Sammelbegriff Sportmedizin zusammenfasst. Das begann bei der Anatomie und reichte bis zur Ersten Hilfe. Als Lehrkraft stand bis Mitte der 1930er Jahre der bekannte Medizinprofessor Julius Grober zur Verfügung. Auf seine Biografie wurde schon ausführlich eingegangen und darauf verwiesen, dass in der Handschriftenabteilung der Universitätsbibliothek ein noch weitestgehend unerschlossener Dokumentennachlass von ihm existiert.
Mit der Gründung eines eigenständigen Instituts für Leibesübungen an der Uni im Jahre 1934 unterstand die Ausbildung der Turn- und Sportlehrer dem „strammen“ NSdAP-Mitglied Hans Ebert, der die Ausbildung ganz im Sinne des Nationalsozialismus umgestaltete. Bereits im Juni 1934 schlug er vor, alle medizinischen Vorlesungen für das Studium der Leibesübungen Grober wegzunehmen und Prof. Dr. Alfred Noll zu übertragen. Noch bis 1935 war Grober aber für die sportmedizinischen Ausbildungsbestandteile verantwortlich. Es gab aber mehrfach Streitigkeiten mit Ebert, der sich ständig in die Kompetenzen von Grober einmischte. Grober war auch der zuständige Sportarzt für die Sportbefreiung von Studentinnen und Studenten, wo nach Eberts Ansicht wohl zu leicht Sportbefreiungen zu erreichen waren. Grober zog sich dann selber von der „nebenamtlichen“ Tätigkeit als Universitätssportarzt zurück. Ein Dr. van der Herden wurde nebenamtlich als Sportarzt tätig, und Alfred Noll hielt die Vorlesungen. Beide unterstanden aber der medizinischen Fakultät und Ebert wollte eine direkte Zuordnung zu seinem Institut, weswegen er 1936 beim Thüringischen Minister für Volksbildung die Einrichtung einer hauptamtlichen Assistentenstelle beantragte, was aber nicht genehmigt wurde. Nach Eberts unrühmlichen Abgang von der Jenaer Uni, was früher schon mal behandelt wurde, übernahm 1937 Dr. Karl Feige die Direktion des Instituts für Leibesübungen. Er versuchte die sportmedizinische Ausbildung wieder „in ruhiges Fahrwasser“ zu bringen. Nach mehrfachem Wechsel der Sportärzte (Dr. Lother, Dr. Gietz) erhielt 1939 Dr. Bernhard Knoche eine nebenamtliche Assistentenstelle, sowohl als Sportarzt als auch für die Vorlesungen, die mit 500, - Reichsmark pro Semester vergütet wurde. In einer umfangreichen Dienstanweisung vom 13. Juni 1939 wurde sein Aufgabenfeld genau abgesteckt. Es wurde u. a. aufgeführt: die Pflichtuntersuchungen, eine wöchentliche Sprechstunde, die theoretische Ausbildung, die sportärztliche Betreuung bei Sportveranstaltungen und die Kontrolle der Sanitätsstelle. Knoche wurde Prüfer im Fach Sportbiologie und kontrollierte die Durchführung von Sportkursen für Studenten, die wegen Fuß-, Herz- und anderen Schwächen nicht an der Grundausbildung teilnehmen konnten. Zu Knoches wissenschaftlichen Vorleistungen muss noch geforscht werden, seine politische Karriere in der Zeit des Nationalsozialismus (NS) ist teilweise erhellt. Er war ab 1938 Leiter des Amtes für Öffentlichkeitsarbeit im Thüringischen NS-Dozentenbund und damit unter anderem für die Kontrolle aller Veröffentlichungen der Professoren und Mitarbeiter der Universität zuständig. Er stand damit in der NSdAP-Parteihierarchie in einer Reihe mit Hans Ebert. Dieser hatte es sogar als nichtpromovierter Diplom-Turn- und Sportlehrer zum Führer des Thüringischen Dozentenbundes gebracht. Über Knoches Lehrtätigkeit ist wenig überliefert aber die Vorlesung „Grundlagen der körperlichen Erziehung“ und ein „Sport- und schulhygienisches Praktikum“ gehörten ebenso dazu wie ein Vortrag „Zum Nachweis der arischen Abstammung mit entsprechenden sportärztlichen Untersuchungen“. Nach Beginn des II. Weltkriegs 1939 wurde Knoche im November 1940 als Sportarzt zur Marine eingezogen, worauf ev. Karl Feige Einfluss genommen haben könnte, der selber als Marinepsychologe im Kriegsdienst war. Knoche wurde von einem Dr. H. Stützner vertreten. Später schied Knoche offiziell aus dem Jenaer Uni-Dienstverhältnis aus und ging zum anatomischen Institut der Uni in Danzig.
Mit fortschreitendem Kriegsverlauf wurde ständig der Arbeitsumfang des Universitätssportarztes erweitert. So beschwerte sich im Oktober 1943 der Uni-Sportarzt über den Umfang seiner Aufgaben, zu denen jetzt noch der Versehrtensport von über 100 kriegsversehrten Studenten gekommen wäre. Der Versehrtensport gewann zunehmend an Bedeutung, sowohl als Pflichtsport als auch in der Ausbildung der Sportstudentinnen. Noch Mitte Oktober 1944, also ein halbes Jahr vor Kriegsende wurde bei einer Dienstberatung der Leiter aller Hochschulinstitute Deutschlands unter anderem festgelegt, dass der Pflichtsport von drei auf alle Semester ausgedehnt werden solle und der Versehrtensport weitere ausgestaltet werden müsse.
Von der sportmedizinischen Tätigkeit an der Uni bis 1945 wurden bisher keine Fotos gefunden. Der bekannte Jenaer Numismatiker Thomas Kupke konnte aber eine Medaille mit dem Portrait von Julius Grober in den USA ausfindig machen und erwerben.

Dr. H. Kremer

Bildunterschrift: Da Julius Grober auch umfangreiche Ahnenforschungen betrieb, hat er diese Medaille 1952 eventuell selber in Auftrag gegeben.

Veröffentlicht in: Thüringische Landeszeitung 27. August 2015 Nr. 456
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