Zur Geschichte der Vorsitzenden des USV Jena e. V.

Erst Nationalspieler, später Lehrer im Paradies

Die Vorsitzenden des USV Jena e. V. aus der Zeit von vor 1945 konnten jetzt alle ausfindig gemacht werden. Es begann 1911 mit Oskar Leonhardt und Eugen Popp und endet mit Dr. Willy Völker und Paul Lange.
Willy Völker war Vorsitzender des USV Vorgängervereins, des Vereins für Bewegungsspiele Jena e. V. (VfB) von 1931 bis 1942. Er ist damit der am längsten aktive Vorsitzende des Vereins vor 1945. Bisher gab es nur wenige biografische Angaben zu ihm. Einem glücklichen Umstand ist es zu verdanken, dass es noch einige wenige Zeitzeugen gibt, die Willy Völker persönlich kennengelernt haben. Einer von ihnen ist Eberhard Krug, der als Schüler der Oberrealschule von Willy Völker für den VfB gewonnen wurde. Eberhard Krug wurde 1926 in Jena geboren, besuchte die Westschule und wurde Mitglied im Turnverein 1859, der seine Turnhalle in der Lutherstraße hatte. In der fünften Klasse wechselte Krug an die Oberrealschule, die eigentlich ihren Standort jenseits der Paradiesbrücke, wo sich heute die kooperative Gesamtschule „Adolf Reichwein“ befindet, hatte. Bei Kriegsbeginn mussten die Schüler aber ins Lyzeum, heute integrierte Gesamtschule „Grete Unrein“ umziehen, da das Schulgebäude in der Wöllnitzer Straße in ein Lazarett umgewandelt wurde. An der Oberrealschule war auch der Mathematiklehrer Dr. Willy Völker tätig, der gleichzeitig Vorsitzender des VfB war. Außer für den Mathematikunterricht war er auch für alle Stunden- und Raumplanungen zuständig. Im Gegenzug zu dieser Verwaltungsarbeit bekam er von der Schulleitung an den Nachmittagen viel Freiraum für seine Vereinstätigkeit eingeräumt. Täglich konnte man ihn auf dem Sportplatz als Übungsleiter, Sportplatzbauer und Sportorganisator antreffen. Sportlich talentierte Schüler seiner Schule wurden immer von ihm angesprochen und für den VfB geworben. So auch Eberhard Krug. Damals absolut üblich war, dass man sich in einem Verein nicht mit dem Training in nur einer Sportart begnügte. Krug trainierte daher in der Leichtathletik und im Hockey. Im Hockey schaffte er es bis in die Gebietsauswahl. Krugs Hockeyübungsleiter war anfangs Willy Völker, später Gerhard Schenk und in der Gebietsauswahl der Jenaer Zahnarzt Dr. Dietze. In der Leichtathletik waren als Trainer beim VfB u. a. Fritz Huhn (Hochsprung), Georg Spillner (Wurf), Siegfriede Dempe (Hürden) und Luise Lockemann (Weit- und Hochsprung) tätig. Mit fortschreitendem Kriegsverlauf und ständig steigenden Verlusten mussten immer jüngere Jahrgänge in den Kriegsdienst. Die Jungen, so wie Eberhard Krug, wurden als Luftwaffenhelfer eingezogen. Die Sportplätze in der Oberaue wurden teilweise in Kartoffel- und Gemüseäcker umgewandelt und der Wettkampfbetrieb weitestgehend eingestellt. Dr. Willy Völker übernahm 1942 zusätzlich zu seiner Tätigkeit an der Schule noch einen Lehrauftrag an der Universität, weshalb er seine Funktion als VfB-Vorsitzender an Paul Lange übergab.
Der Luftwaffenhelfer Eberhard Krug absolvierte erfolgreich die Aufnahmeprüfung zum Marineoffiziersanwärter, kam anschließend zum Reichsarbeitsdienst, noch mal kurzzeitig 1944 an die Schule und Anfang 1945 zu einem Minenräumdienst in Warnemünde. Nach Kriegsende versuchte er wieder seine sportlichen Aktivitäten aufzunehmen aber alle Sportvereine waren verboten worden. Erst Ende 1946 kam der Sportbetrieb in der „sowjetisch besetzten Zone“ langsam wieder in Gang. Krug ging zur Sportgemeinschaft „Ernst Abbe“, in der sich viele ehemalige Aktive des I. Sportvereins und des VfB fanden. Eine Zeit spielte er in der Hockeymannschaft und erlebte sogar das erste Freundschaftsspiel gegen eine indische Mannschaft in den 1949er Jahren, bevor er aus gesundheitlichen Gründen den Sport aufgeben musste. Später konzentrierte er sich auf sein berufliches Fortkommen.
Willy Völker, der 1889 in Kahla als Sohn eines Uhrmachers geboren wurde, die Schule in Gera besuchte und in Leipzig studierte und promovierte, gehörte bereits als Schüler einem Fußballverein an. Da er Schwierigkeit mit seiner Vereinszugehörigkeit beim BC Gera durch seinen Schuldirektor bekam, spielte er beim FC Apelles Plauen. Beim Studium in Leipzig wurde er wichtiger Abwehrspieler beim VfB Leipzig, wo er mit der Mannschaft 1913 Deutscher Meister wurde. 1914 wurde er in die Nationalmannschaft aufgenommen und kam in einem Länderspiel gegen Holland (4:4) zum Einsatz. Nach dem I. Weltkrieg kam er 1919 als Lehrer nach Jena, spielte aber noch eine Zeit in Leipzig. Nach seinem Eintritt in den VfB spielte er noch eine Zeitlang bei den „Alten Herren“ Fußball, wurde aber gleichzeitig auch Übungsleiter für die Jungen im Fußball und im Hockey. Mitte der 1920er Jahre war er die „Haupttriebkraft“ dafür, dass sich die VfB-Mitglieder auf den Universitätsplätzen einen Sportplatz mit allen damals üblichen leichtathletischen Anlagen bauten. Auch der Bau und die Aufstockung des Sportplatzgebäudes mit Umkleideräumen, Büro, Erfrischungshalle und Hausmeisterwohnung ging auf sein Wirken zurück. Im Verein eine hochgeachtete Persönlichkeit traf ihn die Entlassung aus dem Schuldienst 1945. Als Mitglied der NSdAP hatte er aber 1945 keine Chance des Verbleibs an der Schule. Seine fachliche Kompetenz, die auch für eine wissenschaftliche Karriere gereicht hätte und die erfolgreiche „Entnazifizierung“ führten dazu, dass er in der Ingenieurschule für Feinwerktechnik in Jena Mathematik unterrichten durfte. Der frühe Tod seiner Tochter und seiner Frau belasteten ihn schwer und führten dazu, dass er sich Anfang der 1970er Jahre ganz auf die Betreuung seines behinderten Sohnes konzentrierte. Er starb mit 82 Jahren am 30. Oktober 1973.
Dr. H. Kremer
Bildunterschrift: Hockeymannschaft der Sportgemeinschaft (SG) „Ernst Abbe“ Jena Ende der 1940er Jahre auf einer Fahrt zu einem Spiel beim Tennis- und Hockeyclub Brandenburger HC in Westberlin, 3. v. l. Eberhard Krug.

In: Thüringische Landeszeitung vom 25. Juni 2016
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