Zur Geschichte der Wanderbewegung in Jena

Die Wandergruppe des Fritz Seeber

In diesem Jahr findet Ende Juli der 117. Deutsche Wandertag in Eisenach statt. Dies war ein Grund dafür, die Thüringer Wanderbewegung und deren Entwicklung von einem Historiker aufschreiben zu lassen. Diese schöne aber auch sehr komplexe Aufgabe hat Rayk Seela aus Jena im Auftrage des Landesverbandes Thüringen des Verbandes Deutscher Gebirgs- und Wandervereine zu dessen 25jährigem Jubiläum übernommen.
Die ehemalige Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht, die in Jena Theologie studierte und damals im Studentensport u. a. einer Handball- bzw. Volleyballgruppe angehört haben soll, ist die Präsidentin der Thüringer Gebirgs- und Wandervereine. Insgesamt acht Hauptvereine: Der Frankenwaldverein, der Harzklub 1886, der Thüringer Waldverein, der Rennsteigverein, der Rhönklub 1876, der Thüringer Gebirgs- und Wanderverein, der Bund der Bund Thüringer Berg-, Burg- und Waldgemeinden und der Werratal-Verein 1883 gehören zu ihrem Verband. Mit der SG Handel, der Wandergruppe „Paul Patzer“ und der WSG Neulobeda sind drei „richtige“ Wandergruppen aus Jena darunter. Außerdem kommen noch die Fuchsturm-Gesellschaft, die Jenzig-Gesellschaft, die Lobdeburg Gemeinde und die Berggesellschaft- Forstturm, bei denen das Wandern natürlich auch eine wichtige Rolle spielt, zu den Mitgliedern. Da im Rahmen der Jenaer Seniorentage, die immer im September stattfinden, und bei denen seit 22 Jahren eine Sternwanderung organisiert wird, bisher über 10 verschiedene Jenaer Wandergruppen teilgenommen haben, kann man davon ausgehen, dass das organisierte Wanderleben in Jena weitaus populärerer ist, als dies die Zahl der im Thüringer Wanderverband organisierten Vereine vermuten lässt.
Eine der stärksten Wandergruppen in Jena ist die Wandergruppe „Fritz Seeber“, die die oben genannte Sternwanderung von Beginn an organisierte. Bei der 22. Auflage konnte sie den Präsidenten des USV Jena e. V., Prof. Dr. Christian Lukas für die Schirmherrschaft gewinnen.
Am 6. Juni 1969 wurde bei der Veteranen-Gewerkschaft von Zeiss der Beschluss gefasst eine Wandergruppe aufzubauen, deren Leitung Fritz Seeber übernahm. Gestartet wurde bei der ersten Wanderung an der „Grünen Tanne“. 1987, im Zusammenhang mit der Stiftung einer Bank im Rosental gab sich die Gruppe den Namen „Wandergruppe Fritz Seeber“. Wer war Fitz Seeber und wie kam er zu dieser Ehre?
1900 in Saalfeld geboren, hatte er früh über die Arbeiterjugend Kontakt zu den Naturfreunden und den Wandervögeln. Nach Beendigung der Schule wurde er 1918 noch zum Militär eingezogen und musste in den I. Weltkrieg ziehen. Nach der Entlassung wollte er eigentlich am Lehrerseminar Grundschullehrer werden, was er aber abbrach und in Weimar eine Lehre als Kaufmann aufnahm und erfolgreich abschloss. In den schwierigen wirtschaftlichen Zeiten nach dem I. Weltkrieg, die durch hohe Arbeitslosigkeit, Inflation und politische Instabilität gekennzeichnet waren, wechselte er mehrfach den Beruf. Fritz Seeber arbeitete u. a. im Braun- und Steinkohlenbergbau. Mit Wanderfreunden war er in ganz Mitteleuropa unterwegs. Seine Touren führten ihn bis in die Karpaten. Bei einer Wanderung im Rheinland lernte er seine spätere Frau kennen. Gesundheitliche Probleme zwangen ihn den Beruf eines Bergarbeiters aufzugeben, und er kam nach Jena zu Zeiss, wo er als einfacher Arbeiter begann. 1927 heiratete er in Jena. Aus dieser Ehe gingen vier Kinder hervor. Bei Zeiss konnte er sich auf Grund seines vielseitigen Talents hocharbeiten, so dass er in den frühen 1940er Jahren mit Rudolf Müller den Auftrag erhielt, in Gablonz einen neuen Zeiss Produktionsbetrieb aufzubauen. Nach dem Krieg arbeitete er weiter auf verschiedenen Leitungsebenen bei Zeiss, bis er am Ende seiner Berufstätigkeit noch die Betriebs-Veteranengewerkschaft gründete und deren Vorsitzender wurde. Einer zentralen Festlegung folgend, wurden hier schrittweise alle bei Zeiss ausscheidenden Gewerkschaftsmitglieder erfasst und ein breites kulturelles und soziales Leben organisiert. 1969 sollten dann auch sportliche Aktivitäten ins Profil der Gewerkschaft aufgenommen werden. Fritz Seeber gründete selber die Wandergruppe, die bald über 100 Mitglieder hatte. Anfangs 14tägig wurde eine Wanderung, weitestgehend nur für ehemalige „Zeissianer“ organisiert. Fritz Seeber leitete diese Wandergruppe, die bis heute noch keinem Wanderverband angehört, bis 1976. Ihm folgten Hermann Ortlepp, Fritz Koppe, Heinz Bernhardt, Karl Ziegler und Dr. Gerhard Weiland als Vorsitzende der Wandergruppe, bevor der Sohn von Fritz Seeber, Horst für fast 10 Jahre Chef wurde. Ihm folgte Günter Radestock, der jetzt für die etwa 160 Mitglieder, die zwischen drei verschiedenen „Leistungsgruppen“ wählen können, den Hut aufhat. Der Altersdurchschnitt liegt zwischen 65 und 90. Nach der Wende und der Auflösung der DDR-Gewerkschaften fand die Gruppe Anschluss beim „Seniorenclub Schott Zeiss Jena e. V.“ ein. Gab es zu DDR-Zeiten Gelder über die Gewerkschaft, sind es heute die Mitgliederbeiträge und Zuschüsse vor allem von Schott, die den Finanzhaushalt der Gruppe absichern. Die Wandergruppe hat sich allen wanderfreudigen Seniorinnen und Senioren der Stadt geöffnet, ehemalige Angehörige von Zeiss und Schott bilden aber noch die Mehrheit. Der ständige Zuwachs an neuen Mitgliedern sorgt dafür, dass die Wandergruppe „Fritz Seeber“ im Gegensatz zu vielen anderen Wandervereinen nicht um ihren Bestand fürchten braucht. Auch die hohe Zahl von bis zu 30 Wanderleitern sorgt dafür, dass das wöchentliche Programm mit mehreren Wanderungen unterschiedlicher Streckenlängen gesichert ist.

Dr. Hans-Georg Kremer

Bildunterschrift: Fritz Seeber als Wanderleiter in den 1970er Jahren in seiner typischen Wanderkleidung.

In: Thüringische Landeszeitung vom 9. Juni 2017 Nr. 540
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige
Anzeige