Zur Geschichte des GutsMuths-Rennsteiglaufs

Wie der Rennsteiglauf zu GutsMuths kam

Wenn am Samstag der 44. GutsMuths-Rennsteiglauf gestartet wird, ist in diesem Jahr nach Prognoserechnungen mit einem neuen Melderekord zu rechnen. Der bisherige Rekord lag bei 17601 Anmeldungen zum 40. GutsMuths-Rennsteiglauf im Jahre 2012. Alle Mitglieder vom 115 Jahre alten USV Jena e. V. können mit großem Stolz auf dieses Ereignis blicken, ist doch der Rennsteiglauf das größte Sportereignis in Thüringen an dem der USV durch seine Mitgliedschaft im Rennsteiglaufverein beteiligt ist. Außerdem ist schon mehrfach in unserer Serie belegt worden, dass es ohne den Vorläufer des USV, die Hochschulsportgemeinschaft (HSG) Uni Jena den Rennsteiglauf nie gegeben hätte!
Spätestens ab 1971 waren Sportler der HSG und Wissenschaftler der Universität am Aufbau des Rennsteiglaufs beteiligt. In der Juniausgabe 1970 der Fachzeitschrift „der tourist“ hatte der Autor dieser Serie einen Artikel über „GutsMuths-Vater des Orientierungslaufes“ veröffentlicht. Als Diplomlehrerstudent Sport/Geschichte kurz vor der Zeugnisübergabe und jahrelanger Hilfsassistent beim Sporthistoriker Prof. Dr. Willi Schröder hatte er mit zunehmendem Interesse Quellen zum Leben und Wirken von Johann Christoph Friedrich GutsMuths studiert. In dem Quellenmaterial gibt es auch Passagen, in denen beschrieben wird, wie GutsMuths mit seinen „Zöglingen“ von der Salzmannschule in Schnepfenthal zum Inselberg „quer durch Gelände“ wanderte. Am Inselberg angekommen, bekamen die Schüler den Auftrag die ca. 15 Kilometer lange Strecke auf kürzestem Wege allein zurückzufinden. Dies kann man aus heutiger Sicht als eine Art Orientierungslauf ansehen. Der Autor wurde nach Diplomübergabe Assistent bei Prof. Willi Schröder und war gleichzeitig Begründer der Orientierungslaufgruppe in der HSG. Mit Mitgliedern dieser Gruppe, an der Spitze die Sportstudenten Wolf-Dieter Wolfram und später Jens Wötzel wurde dann der Rennsteiglauf entwickelt, der ursprünglich ein Mehretappen-Orientierungslauf werden sollte. Nachdem 1974, nach heutiger Zählung zum II. GutsMuths-Rennsteiglauf, erstmals Gastläufer anderer Sportvereine (Leipzig und Karl-Marx-Stadt) eingeladen worden waren, stand die Frage nach einem möglichst „medienwirksamen“ Startritual. Prof. Willi Schröder, der damals Schirmherr der „GutsMuths-Gedenkspielen“ in Schnepfenthal, einem vormilitärischer Wettkampf für Schüler der Oberschulen des Bezirkes Erfurt, war, begrüßte den Vorschlag, den Rennsteiglauf vom Heuberghaus nach Neuhaus über ca. 82 Kilometer im Rahmen dieses Wettkampf symbolisch zu starten und ihm die Bezeichnung „GutsMuths-Gedenklauf“ zu geben.
Willi Schröder, der an der Uni Halle studiert hatte und dort als Lehrkraft tätig gewesen war, war seit Mitte der 1950er Jahre „Kader“ des Staatssekretariats für Körperkultur und Sport und als Direktor für das „verweiste“ Jenaer Sportinstitut vorgesehen. Seine Forschungsarbeiten bezogen sich damals auf Friedrich Ludwig Jahn. Seine erste Dissertationsschrift, die er in Halle vorlegte, wurde wegen Plagiat nicht angenommen. Schröder verließ Halle und promovierte dann zum gleichen Thema an der Uni Leipzig erfolgreich und erhielt im April 1959 einen ersten Lehrauftrag in Jena. Bald schon bekam er eine Dozentur und wurde Institutsdirektor. Zu seinen ersten Amtshandlungen gehörte in Jena die Organisation einen Friedrich-Ludwig-Jahn Colloquiums. Jahn, der in der DDR unter anderem als Verfechter eines deutschen Einheitsstaates bis zum Mauerbau 1961 vielzitiert wurde, verschwand dann in Versenkung. Schröder, der sich forschungsmäßig auf Aspekte der Jenaer Urburschenschaften konzentriert hatte, stieß dabei verstärkt auf Bezüge zu GutsMuths und wurde in der Folge der führende GutsMuths-Historiker der DDR, der insgesamt für seine wissenschaftlichen Leistungen mehrmals mit dem „GutsMuths-Preis“, die höchste sportwissenschaftliche Auszeichnung in der DDR, geehrt worden war.
Die Anbindung des neu entstehenden Langstreckenlaufs über den Rennsteig an den Begründer des modernen Sportunterrichts, war für die Jenaer Akteure „Herzenssache“. Diese geriet 1976 noch einmal in Gefahr, als die Gesamtleitung des Rennsteiglaufs von Jena nach Goldlauter wechselte. Da auch der Traditionsstartort Schnepfenthal aufgegeben wurde, stand auch der etwas lange Name der Veranstaltung zur Disposition. Es gab sogar Überlegungen, dem Lauf mit dem Namen eines „Arbeitersportlers“ zu verbinden. Worauf die Jenaer Akteure im November 1977 ein wissenschaftliches Kolloquium zum Thema Rennsteiglauf in der „Jägerstube Zella Mehlis“ initiierten. Zu den Vortragenden gehörten Prof. Willi Schröder, der Sportmediziner Dr. Jochen Scheibe und der Sportorganisator Dr. Hans-Georg Kremer. In seinem sehr emotional vorgetragenen Referat zur Traditionspflege konnte Schröder die Anwesenden Sport- und Parteifunktionäre überzeugen, dass die Bezeichnung „GutsMuths-Rennsteiglauf“ eine zeitlose und weit in die Vergangenheit und aber auch Zukunft weisende Benennung sei.
Interessanter Weise hatte Schröder fast zeitgleich als Vorsitzender der Universitätssportkommission dafür gesorgt, dass der 1977 erstmals ausgetragene Jenaer Kernberglauf im Untertitel „zum Gedenken an Magnus Poser“ einen Bezug zu einem „Säulenheiligen“ der Ostthüringer Arbeiterbewegung bekam. Das ist aber eine andere Geschichte.

Dr. H. Kremer
Bildunterschrift: Prof. Willi Schröder (l.) als Schirmherr des III. GutsMuths-Rennsteiglaufs 1975 überreicht der Mannschaft von der DHfK Leipzig um Wilfried Ehrler den wertvollen Glaspokal für die schnellste Vierermannschaft.

In: Thüringische Landeszeitung vom 19. Mai 2016 Nr. 492
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