Zur Geschichte des Jenaer Fußballs

Krauß bei der Spielvereinigung

Thüringische Landeszeitung 9. April 2015 Nr. 436

Im Zusammenhang mit dem Beitrag über das „Sechser-Turnier“ in Kahla im Jahre 1921 hatten wir berichtet, dass anlässlich dieses Turniers zwei Serien Notgeld erschienen seien. Eine Serie davon hätte die Spielvereinigung 1908 Jena herausgegeben. Wie der in München lebende Notgeldspezialist Wieland Knetsch herausgefunden hat, war diese Notgeldausgabe aber ohne die notwendige behördliche Genehmigung aufgelegt worden. In den Unterlagen, die er im Jenaer Stadtarchiv ausfindig gemacht hat, wenden sich sowohl der Stadtkämmerer als auch das Thüringische Innenministerium an die Jenaer Polizeiverwaltung und verweisen auf die Unrechtmäßigkeit von Geldscheinen zu 50 Pfennigen durch die Spielvereinigung 1908.
Wer war dieser Verein? Bekannt ist aus der Jenaer Sportgeschichte, dass es bis 1900 in Jena mit Vororten fast 10 Turnvereine gab. Der Fußballklub (FK später FC) Carl Zeiß, welcher 1903 gegründet wurde, war dann der erste Sportverein, der sich zunehmend zu einem Mehrspartenverein entwickelte. Gleich als Mehrspartenverein wurde der Verein für Bewegungsspiele (VfB, heute USV) 1911 gegründet. Dazwischen lag offensichtlich die Gründung der Spielvereinigung 1908, wie man aus dem Namen entnehmen kann. Wie „Carl Zeiss“ wurde die Spielvereinigung als reiner Fußballverein gegründet. Nach eigener Geschichtsschreibung wurde er am 23. Mai 1908 gegründet und ist damit der zweitälteste Sportverein in Jena. Sein Gründungsname war „Wacker Jena“, den er im Jahre 1909 wegen zentraler Bestimmungen des Gauvorstandes ablegen musste. Er nahm daraufhin die Bezeichnung „Sportklub Jena“ (SC) an. Am Ruder des Vereins stand zur Gründungszeit Otto Menge, der sich aber nach kurzer Zeit zurückzog und den Vorsitz Julius Bielig übergab, der ihn bis 1918 mit kurzen Unterbrechungen innehatte. 1909 wurde der SC im Fußball Meister der dritten Klasse. Bis 1911 stieg er sogar in die erste Gauklasse von Ostthüringen auf, womit er auf Augenhöhe zu „Carl Zeiss“ stand. Während des I. Weltkriegs, als die meisten jungen Männer als Soldaten eingezogen waren, schlossen sich verschiedene Fußballvereine zu einer Spielvereinigung zusammen. Diese Idee blieb auch nach Kriegsende bestehen, zumal die Möglichkeiten zum Sporttreiben bis in die 1920er Jahre stark eingeschränkt waren. Eine der Hauptspielstätten war die „Rasenmühlenwiese“ gewesen, die im I. Weltkrieg zu einem Gemüseacker umfunktioniert wurde. Vier Vereine mussten sich daraufhin einen Platz auf den Wöllnitzer Wiesen teilen. Am 10. Februar 1919 schlossen sich deshalb der SC mit dem vierten Jenaer Sportverein, dem FC-Jena-Nord unter dem Namen Spielvereinigung (SV) Jena zusammen. Das Emblem und die Abkürzung führte Anfangs immer zu Verwechslungen mit FK (FC) „Carl Zeiss“, der sich zwischenzeitlich in 1. Sportverein (1. SV) umbenannt hatte. Die Spielvereinigung firmierte daher zunehmen als SV Jena 1908 oder SpVg Jena 1908. Anfang der 1920er Jahre war SpVg Jena 1908 neben dem 1. SV und dem VfB ein ebenbürtiger Mehrsparten-Sportverein, zumindest im Fußball und der Leichtathletik. 1920 übernahm Paul Zierath die Funktion des Vorsitzenden. Der Verein zählte damals 260 Mitglieder, und „…hat fast alle Sportzweige in sein Programm aufgenommen, und so ist (er) infolgedessen (für) jedem jungen Mann eine empfehlenswerte Pflegestätte für alle Leibesübungen…“, kann man in einem Bericht in der Verbandszeitschrift „Mitteldeutscher Sport“ lesen. In den Reihen seiner Fußballer fand sich sogar der „Altinternationale“ Willy Krauß, der vorher lange bei „Carl Zeiss“ gespielt hatte. Er war nicht nur als Fußballer aktiv sondern wirkte auch als Übungsleiter. Zeitweilig startete Krauß noch als Leichtathlet, eine damals übliche Kombination. Schon beim Verbandsmeeting 1910 in der Leichtathletik gewann Krauß den Gau-Eilbotenlauf mit der Mannschaft W. Graf (Carl Zeiss), Dr. Fröbel, Dr. Wächtler (SC Weimar). Im gleichen Jahr wurde Krauß Gaumeister und deutscher Rekordhalter im Fußballweitstoßen mit 33,45 Metern.
Zurück zur SpVg Jena 1908: Im Adressbuch von 1933 existierten er mit den Abteilungen Fußball, Boxen, Schwimmen und Leichtathletik. Der 1. Vorsitzende war zu diesem Zeitpunkt der Stadtsekretär Otto Angelroth. Das Vereinslokal war der Felsenkeller, wo sich auch eine Ehrentafel für die 28 im I. Weltkrieg gefallenen Sportler des Vereins befand. Wirtschaftlich ging es dem Verein damals aber schlecht, was man daran erkennen kann, das z. B. am 19. März 1933 „eine Beitreibung der Miete in Höhe von 27,50 RM für die Nutzung des Universitäts-Sportplatzes angedroht“ wurde. Im Zusammenhang mit der Zwangsgleichschaltung aller Turn- und Sportvereine mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten nach 1933 verlieren sich die Spuren der SpVg 1908. 1939, nach einer Vereinigung mit dem Turnverein Wenigenjena löste sich die Spielvereinigung auf und wurde aus dem Vereinsregister gelöscht.
Noch ein Satz zum Notgeld, welches der Verein 1921 unberechtigter Weise herausgegen hatte: Dieses musste eingezogen und eingestampft werden.
Dr. H. Kremer

Bildunterschrift: Auf einem Notgeldschein der SpVg 1908 aus der Sammlung von Wieland Knetsch sieht man die zwei Siegermannschaften des Kahlaer Turniers den 1. SV und die SpVg 1908. Zweiter von rechts ist Willy Krauß.
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