Zur Geschichte des USV Jena e. V.

Von Euken über Giera bis Kremer


Die kleine aber feine Ausstellung in der Universitätsbibliothek (THULB) über den international berühmten Wirtschaftswissenschaftler Walter Euken war Anlass nachzurecherchieren, ob er eventuell Mitglied des 1911 gegründeten Vereins für Bewegungsspiele (VfB, heute USV) gewesen sein könnte. Hintergrund ist, dass Walter Euken, Sohn des einzigen Nobelpreisträgers der Jenaer Uni, Rudolf Eucken, mit Erich Schott befreundet war. Walter Eucken ging mit Schott in Jena ans Carolo-Alexandrinum Gymnasium und studierte mit diesem 1912 in Jena. Erich Schott ist Sohn von Otto Schott. Seit 1927 gehörte er zur Geschäftsführung der Glaswerke. Nach 1945 hat er maßgeblich den Neuaufbau des Schott-Werkes in Mainz mitgestaltet. Während für Schott die Mitgliedschaft im VfB nachgewiesen werden konnte, gelang dies für Eucken nicht. Im Universitätsarchiv sind einige Namenslisten der akademischen Abteilung des VfB ab Wintersemester 1911-12 bis 1915 erhalten. Dort tauchte Walter Euken nicht auf.
Die Liste der Gründungsmitglieder liegt leider nicht vor. Ein halbes Jahr nach der Gründung sind 41 Namen der akademischen Abteilung in der Semesterliste 1911-12 im Universitätsarchiv verzeichnet, von denen einige bereits vorher in Wettkampflisten auftauchten und daher zu den Gründern des VfB gehört haben dürften, wie: Otto Bätz – med., Erich Bauer - chem., Walter Bauer - nw., Willy Böttger - med., Friedrich Bromeyer - nw., Curt Duster - jur., Georg Feigl - math., Eduard Frank - nw. und Albin Geupel - math. Ab dem Sommersemester 1912 gehörten der eigenständigen Abteilung des VfB 47 Mitgliedern an. Vorsitzender war der Jurastudent Oskar Leonhardt, und der Mathematikstudent Georg Feigl war Schriftführer. Feigel ist dann bis zum I. Weltkrieg immer als Schriftführer benannt. Während von Leonhardt bekannt ist, dass er aktiver Schwimmer und Wasserballer gewesen war, er wurde nach 1918 Vorsitzender des Gaus Thüringen des Deutschen Schwimmverbandes, war Georg Feigl offensichtlich ein sehr engagierter Hockeyspieler. Er gehörte zu den Gründern des Thüringer Hockeyverbandes, die sich am 25. Oktober 1913 im Weimarer Hotel „Sächsischer Hof“ getroffen hatten. Gründungsvereine waren: SC Erfurt, VfB Jena, SC Weimar, ATV Gothania Jena, HC Weißenfels und die Gothaer Vereinsjugend. Vorsitzender wurde der Weimarer W. A. Sömmering (SC Erfurt) und zweiter Vorsitzender Dr. Georg Feigl vom VfB Jena.
Der 1880 in Hamburg geborene Georg Feigl wurde ein bekannter Mathematikprofessor, der 1935 einen Lehrstuhl an der Breslauer Universität bekam. Er gilt als einer der Initiatoren des seit 1918 erscheinenden „Jahrbuchs über die Fortschritte der Mathematik“ und war zeitweilig dessen Schriftführer. Bei der Flucht vor der „Roten Armee“ aus Breslau kam er Anfang 1945 nach Wechselburg. Hier baute er unter primitivsten Bedingungen seine mathematischen Forschungen wieder auf. Er verstarb bereits wenig später, am 20. April 1945, da er seine Medikamente für sein Magenleiden nicht mehr bekommen konnte.
In der Gründerzeit des VfB war auch ein Heinrich Simon Mitglied im Verein. Ob dieser identisch ist mit dem bekannten Herausgeber der Frankfurter Zeitung Heinrich Simon (geb. 1880), bedarf noch der Klärung. Da der spätere Verleger Simon sein Abitur in Gotha ablegte, ist es aber durchaus denkbar, dass er ein Semester in Jena studiert haben könnte.
Interessant ist, dass der VfB vor 1914 auch einige ausländische Mitglieder hatte, die an der Universität studierten. So konnten für 1913 u. a. ermittelt werden: Achmed Scherif aus der Türkei, Morgan Taylor aus den USA und Samuel Weinbaum aus Russland.
Für die Zeit nach dem ersten Weltkrieg sind unter den bekannteren Mitgliedern vor allem erfolgreiche Sportler, wie der Olympiateilnehmer im Hochsprung Fritz Huhn (1928) oder die Studentenweltmeisterin Luise Lockemann (1939). Zu den Vereinsmitgliedern der Vorgängervereine des USV, die zu olympischen Spielen starten konnten, muss wohl auch die Sprinterin Heilwig Jacob (1964) gerechnet werden, obwohl sie gegen ihren Willen als Olympiakader zum SC Motor Jena wechseln musste.
Bisher nicht gewürdigt wurde der Schwimmer Gerhard Giera. Im Rahmen des II. Weltkongresses der Studenten 1950 in Prag fanden auch Sportwettkämpfe statt. Gerhard Giera gewann im Schwimmen über 100m-Schmetterling und 200m-Brust. Er stellt auch einen DDR-Rekord über 100m Brust auf. Bei dem gleichen Aufenthalt in der CSR schwamm Giera in Hradec Cralove mit 1:12,2 noch eine neue Bestleistung über 100m-Schmetterling. Bei einem Fußballturnier spielten die Jenaer Studenten Weber, Buschner und Trübner mit, wobei hier nicht sicher ist, ob sie auch Mitglieder des USV-Vorläufers HSG waren, oder ob sie „nur“ für die Uni starteten.
Einen interessanten Fund machte der Autor der Serie beim Beräumen seines Sportarchivs in der ehemaligen Wanderhütte der HSG Uni Jena in Obergneus. Als Gastmitglied der Abteilung Ski der HSG startete er für die DDR-Nationalmannschaft im Orientierungslauf (OL) in Bulgarien, der CSSR und Ungarn. Interessant ist vor allem ein Wettkampf bei Prag, wo er allerdings für seinen Heimatverein Lok Weimar gemeldet war, da er für die internationale Studentenwertung keine Startberechtigung bekommen hatte. Die Fachgruppe OL der DDR wurde von ihm erst in den 1970er Jahren in Obergneus gegründet, was aber eine andere Geschichte ist. Also bei dem OL-Wettkampf in der Nähe von Prag konnte er den Olympiasilbermedaillengewinner über 5000 Meter, den Britten Gordon Pirie, schlagen.
Dr. H. Kremer
Bildunterschrift: Kremer als Mitglied der DDR-Nationalmannschaft, hier 1968 mit Heide Lehmann aus Weimar in Bulgarien.

In: Thüringische Landeszeitung vom 19. April 2017 Nr. 535
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