Zur Handballgeschichte in Jena

Als Lichtenhain im Raffball siegte

Das Jena eine „Hochburg“ des Fuß- und Basketballs ist, war nicht immer so. Vor dem II. Weltkrieg stand wohl das Turnen im weitesten Sinne an vorderster Stelle, wenn man nach der Zahl der Vereine und Mitglieder geht. Dann folgten fast gleichwertig Fußball, die Leichtathletik und Hockey. Der Handballsport wurde weitestgehend unter dem Dach der Turnvereine betrieben. Bis 1933 waren beim Handball auch die Arbeitersportvereine sehr aktiv. Die erste Nachricht über ein Handballspiel in Jena stammt vom Sommer 1920, als der Spiel- und Turnplatz in Lichtenhain eingeweiht wurde. Bei einem Faustballspiel gewann Lichtenhain gegen Glashütte mit 89:72, beim Raffball (einem Vorläufer des Handballs) gewann Lichtenhain ebenfalls gegen Glashütte mit 10:8, kann man in der Jenaischen Zeitung lesen. Damit lag man im Trend der Entwicklung, denn Handball wurde erst im Oktober 1917 „erfunden“, als der Berliner Oberturnwart Max Heiser festlegte, dass das 1915 von ihm für Frauen entworfene Spiel „Torball“ zukünftig „Handball“ heißen solle. Mit dem Spiel wollte er für Mädchen eine Möglichkeit schaffen, sich auszutoben, da ihm beispielsweise der Fußball zu körperbetont erschien.
Ein erstes großes Handballturnier in Jena gab es dann schon 1921. Dieses fand im Rahmen des 1. Thüringer Kreis-Spiel- und Sportfestes des Gaus Thüringen der Deutschen Turnerschaft, was man etwa mit den heutigen Landesturnfesten vergleichen könnte, statt. Der Gau Thüringen reichte damals von Coburg über Zeitz bis Weißenfels und Nordhausen und von dort über Eisenach, die Rhön bis nach Coburg. Kreismeisterschaften, vergleichbar mit den heutigen Landesmeisterschaften, wurden bei diesem Fest im Handball, Schlagball, Faustball und Barlauf ausgespielt. Das Endspiel beim Handball gewann die Turngemeinde Mühlhausen gegen den Männer-Turn-Verein Zeitz mit 4:2. Die Spiele fanden prinzipiell auf den Fußballplätzen statt. Hallenhandball im Punktspielbetrieb kam erst in den 1950er Jahren auf.
Ab Mitte der 1920er Jahre war die Handballmannschaft des Jenaer Turnvereins 1859 (TV), der seinen Sitz in der Turnhalle in der Lutherstraße, heute der Uni gehörend, hatte, eine der führenden Mannschaft in der Stadt. Auch im „Hochschulsport“ der Uni wurde Handball gespielt. Nach einem Artikel in der Jenaischen Zeitung vom 23. Februar 1927 fand ein Zwischenrundenspiel der Handballmeisterschaft des Hochschulkreises 4 (Mitteldeutschland) zwischen den Universitäten Jena und Leipzig in Leipzig statt. In der Vorrunde schlug Jena die Uni Halle mit 5:2.
Im Mai 1928 fand auf dem großen Universitäts-Sportplatz ein Freundschaftsspiel zwischen dem TV Jena, der Mittelthüringischer Meister war und der Turngemeinde Jena im Handball statt. Hier sind sogar die Namen der Mitspieler des TV erhalten geblieben. Es waren: Schorcht, Bergner, Friedrich, Oehrlein, Müller, Kunath, Jäschke, Großmann, Hage, Kühn und Albrecht (Tor).
Auch die Sportvereine hatten in den 1920er Jahren eigene Handballmannschaften und eine eigene Wettkampfrunde außerhalb der Turner aufgebaut. So berichtet die Jenaische Zeitung über ein Punktspiel, bei dem der FC Thüringen Weida als Gaumeister gegen den 1. SV (heute FC Carl Zeiss) mit 1:3 verlor.
Nach dem II. Weltkrieg war Handball unter den ersten Sportarten, die wieder aktiv betrieben wurden. Otto Lindner war in dem, im Sommer 1945 gegründeten Sportausschuss der Stadt, für den Handball zuständig. Auch unter den Studenten der Uni erfreute sich das Handballspiel großer Beliebtheit. Da es aber noch keine unieigene Sportgemeinschaft gab, spielten die Studenten im Punktspielbetrieb geschlossen als II. Mannschaft der Sportgemeinschaft Carl Zeiss. Die erste große Sportfahrt der Hochschulsportler führte 1948 nach Rostock. Hier gewannen die Jenaer Handballer gegen den amtierenden Ostzonenmeister.
Eine Episode blieb die Handballmannschaft vom SC Motor Jena in der 1. DDR Liga: Die Schott-Männermannschaft, die ausgesprochen leistungsstark war, hatte den Aufstieg in die 1. DDR-Liga geschafft. Daraufhin wurde diese Mannschaft in den SC Motor übernommen um sie besser fördern zu können. Nach einer Saison stieg die Mannschaft wieder ab und wurde umgehend aus dem SC Motor wieder ausdelegiert.
Ähnlich wie 1947/48 gab es ab den 1970er Jahren eine „Handball Spielgemeinschaft Uni-Zeiss“. Der erste Vorsitzende war Dr. Dietmar Stadermann. Anfangs waren nur Frauen und Männermannschaften im Punktspielbetrieb der Spielgemeinschaft. Ab 1974 umfasste diese auch Nachwuchsmannschaften. Sie bestand bis 1984. Besonders erfolgreich war das Damenteam, welches daraus hervorging und unter Zeiss 1990 in die II. Bundesliga aufstieg. Bei den letzten DDR-Meisterschaften belegte es Platz 5.
Für die Studentensport-Handballer war ab den 1970er Jahren Elisabeth Steinbach und später Hartmut Piper zuständig. Bei den DDR-Studentenmeisterschaften 1974 holten sich die Handballerinnen die Bronzemedaille, ebenso wie 1989 beim DDR-Studentenpokal. Die Endrunde fand in der großen Spielhalle in Neulobeda statt. 1990, bei der letzten DDR-Studentenmeisterschaft, konnte die Jenaerinnen sogar Gold holen. Nachdem Hartmut Piper Mitte der 1990er Jahre seine Übungsleitertätigkeit aufgegeben hatte und auch die Hallenzeiten immer knapper wurden, gab es nur noch gemischte Hochschulsportgruppen im Handball.

Dr. H. Kremer

Die Spielgemeinschaft Uni-Zeiss verfügte über ein eigenes Emblem, welches sich mit dem blau-gelben Streifen an das Logo des VfB Jena (Vorläufer des USV) und der SG Ernst Abbe (Vorläufer von Zeiss) als Vorbild anlehnte.

In: Thüringische Landeszeitung vom 4. Februar 2016 Nr. 477
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