Zwischenbilanz beim FF USV Jena!

Auch bei den Männern des FCC schaut die Trainerin des FF USV in der gemeinsamen Heimstätte vorbei, wenn es ihre Zeit erlaubt
Es kam für viele überraschend, als Martina Voss-Tecklenburg im Sommer beim FF USV Jena als Cheftrainerin anheuerte. Im Februar 2011 beim FCR Duisburg entlassen war sie auf der Suche nach einer neuen Herausforderung. Diese führte sie nach Thüringen zu einem Verein, der nach seinem Aufstieg in die 1. Bundesliga vor drei Jahren vorrangig gegen den Abstieg spielte. Ungewohnt für eine Trainerin, die mit dem FCR vor allem Erfolge gewohnt war - auch international, wie mit dem UEFA Women`s Cup-Gewinn 2009. Eine Zwischenbilanz ihrer bisherigen Arbeit beim thüringischen Bundesligisten zog sie in einem Gespräch mit Steffen Langbein.

Guten Tag, Frau Voss-Tecklenburg, sie hinken – sind Sie verletzt?
Ach, das ist bei mir normal. Mein Knie ist schon lange kaputt, durch Verletzungen während meiner aktiven Karriere. Einige hatten das Ende meiner Karriere schon einige Jahre früher gesehen, aber ich habe mich noch mal zurück gekämpft und noch ein paar Jahre (bis 2003) gespielt.

Stichwort gekämpft – statt Kampf um die Medaillen steht hier in Jena für Sie Abstiegskampf auf dem Programm – ungewohnt für Sie, oder?
Ja, aber das haben wir hier alle erwartet. Für mich ist es wichtig, dass ich im Frauenfußball als Trainerin arbeiten kann und darf. Das ist meine Leidenschaft und der widme ich mich voll und ganz, egal, ob es um Titel oder gegen den Abstieg geht.

Fast ein Drittel der Saison liegt hinter der Frauen-Bundesliga, wie fällt Ihre Zwischenbilanz beim FF USV Jena aus?
Unsere aktuelle Situation stellt sich so dar, wie ich sie erwartet habe. Wir wussten vor der Saison, dass es eine schwierige Spielzeit wird, zudem noch ohne die torgefährliche Genoveva Anonma.
Wir wissen, wo unsere Stärken und wo die Schwächen sind und arbeiten täglich daran. Wir müssen noch mehr agieren, nicht nur reagieren, da haben wir schon Besserung erzielt durch das Training,
Das Zusammenspiel muss noch präziser werden, auch daran arbeiten wir.
Gegen die Topp-Teams der Liga reicht es derzeit noch nicht ganz. Vor wenigen Wochen in Duisburg beispielsweise waren wir eine Stunde gleichwertig, hätten sogar in Führung gehen können oder müssen. Dann bekommen wir durch einen Stellungsfehler das 0:1 – da spielen auch psychologische Aspekte eine Rolle. Zum Schluss war das 0:3 sicherlich etwas zu hoch.
Aber immerhin haben wir schon gegen Teams gepunktet (1:0 gegen Bad Neuenahr, 1:1 bei Bayern München), gegen die in der Vergangenheit verloren wurde.
Man muss auch bedenken, dass für manche Spielerinnen die Belastung von acht Trainingseinheiten pro Woche ungewohnt ist. Vielleicht waren wir im Oktober manchmal etwas müde.
Wir sind aber auf einem guten Weg, was sich im November hoffentlich auch in Punkten auszahlt. Im November kommen wichtige Spiele gegen Gegner (Leipzig, HSV, Leverkusen) aus unserer derzeitigen Tabellenregion. Mit den Ergebnissen werden wir sehen, in welche Richtung es für uns geht. Da muss die Mannschaft auch zeigen, was sie in der Offensive kann.
Ich möchte an dieser Stelle keine Einzelkritik machen, aber vielleicht Julia Arnold exemplarisch herausnehmen. Was Jule in den letzten Monaten geleistet hat, ist schon beachtlich. Ich denke, sie kann auf der Sechser-Position ihre Stärken auch besser ausspielen.

Nochmal zur Offensive - nur zwei Tore in den bisherigen sieben Saisonspielen – da scheint doch das Hauptmanko zu liegen?
Natürlich strahlen wir generell zu wenig Torgefahr aus, die Offensivspielerinnen sind oft noch nicht so, wie gewünscht, im Spiel. Bei Amber Hearn (und auch den anderen, muss der (Tor)Knoten noch platzen. Sie muss noch zielstrebiger werden, mehr in den Strafraum eindringen. Ebenso auch Sylvia Arnold. Aber Offensivspiel beginnt ja nicht bei den Stürmern, da ist das ganze Team gefragt. Auch die Abstimmung muss noch besser werden, vielleicht spielt da die noch vorhandene Sprachbarriere bei Amber eine kleine (manchmal entscheidende) Rolle. Pech auch, dass Sabrina Schmutzler zu Saisonbeginn verletzt war, aber dies scheint ja überwunden und sie wird uns vorn helfen können.

Genau diese fehlende Torgefahr führte offensichtlich jetzt auch zum Ausscheiden aus dem DFB-Pokal in München, oder?
Ja, leider. Wir hatten mehr vom Spiel und auch, vor allem in der ersten Halbzeit, die besseren Chancen, die wir nicht zur Führung genutzt haben. Schade!

Es fällt auf, dass bei Ihnen erfreulicherweise auch junge Spielerinnen, wie Vivien Beil und Sara Löser, ihre Chancen bekommen...
… ja, und diese auch genutzt haben. Bei mir zählt die Leistung, nicht das Alter, ich weiß, was auch die jungen Spielerinnen können. Sara Löser und Vivien Beil bekommen ihre Chance, weil sie die Leistung bringen. Bei Vivien bin ich mir sicher, dass sie ihren Weg gehen wird. Man muss aber auch bedenken, dass sie bisher immer in allen Altersklassen gesetzt war und nun auch erst Mal mit ihrer Rolle zurecht kommen muss, wenn sie mal nicht spielt.
Ich stelle die vermeintlich Besten zum Spiel auf, da spielen natürlich auch die Trainingsleistungen eine Rolle. Das ist auch ein Signal für alle, wenn sie die Leistung bringen, bekommen sie auch ihre Chance.

Es ist normal, dass die, welche nicht spielen, unzufrieden sind. Wie halten sie die bei Laune?
Natürlich können nur elf in der Startformation stehen. Es heißt aber nicht, dass die, die nicht in der Startelf spielen, weniger Vertrauen genießen. Wir haben einen Kader von 25 Spielerinnen, die wir alle brauchen, bei Verletzungen und Formtiefs brauchen wir möglichst gleichwertigen Ersatz. Wer z.B. auf der Bank sitzt und eingewechselt wird, dem vertrauen wir als Trainerteam ja auch, sonst würden wir sie ja nicht einwechseln.
Wir führen viele Gespräche mit den Spielern, um den Teamgeist zu fördern und allen zu vermitteln, dass sie gebraucht werden und jeder ein wichtiges Teil dieses Teams ist. Wir haben eine Mannschaft, die die Qualität hat, in der Liga zu bleiben.

Die Sportschule und die Jugendarbeit spielt auch eine sehr positive Rolle im Konzept des Jenaer Frauenfußballs.
Natürlich, an der hiesigen Sportschule sind 40 Fußballerinnen. Die Zusammenarbeit mit den dort Verantwortlichen Heidi Vater und Dr. Michael Zahn ist für den FF USV und mich sehr fruchtbar. Die Leistung zählt, nicht das Alter. Dazu gehört auch die Kooperation mit der zweiten Mannschaft, als Gerüst für die Erste. Zu Trainer Christian Kucharz habe ich sehr guten Kontakt, wir berichten auch dem Vorstand regelmäßig über die sportlichen Dinge. Einige (3-4) Nachwuchsspielerinnen im Alter 15-17 sind ja auch Stammkräfte im Kader der zweiten Mannschaft.
Ohne gegenseitige Unterstützung geht es nicht, die Erste braucht die Zweite und die Zweite braucht die Erste. Wir sind ein Verein. Das war aber in Duisburg genau so.
Ich habe auch allen Spielerinnen der Zweiten angeboten, bei uns mit zu trainieren (wenn sie trainingsfrei haben), einige nutzen dies auch, bei manchen geht dies natürlich auch aus organisatorischen Gründen nicht.

Wie bewerten Sie aus Ihrer Sicht das Umfeld/Management des FF USV Jena. Bevor Sie verpflichtet wurden, gab es da ja einigen Trouble?
Was vor meiner Verpflichtung hier passierte, dazu kann und möchte ich nichts sagen, das ist auch Vergangenheit. Wichtig ist, dass wir jetzt gut zusammen arbeiten. Es ist ein tolles engagiertes Funktionsteam im Verein sowie Geschäftsstelle und Vorstand. Mit dem sportlichen Leiter habe ich fast täglich Kontakt, auch oft mit Geschäftsführer Michael Krannich und mit Präsident Dr.Schmidt-Röh führe ich Gespräche. Und das „Urgestein des Vereins“Prof. Werner Riebel ist immer da, wenn man etwas braucht. Was soll ich noch zu dazu sagen, wenn jemand nachts 24 Uhr am Hotel auf mich wartet bei meinem zweiten Besuch...
Die medizinische Betreuung durch die Zusammenarbeit mit der Uniklinik passt ebenso.
Viele Leute bringen sich hier mit viel Herz ein und sind mit viel Engagement bei der Sache, ohne großes Geld zu bekommen. Ich bin der Überzeugung, dass hier viele gute Leute sind. Auch das Trainerteam funktioniert prima. Daniel Kraus ist ein hervorragender Co-Trainer, er gibt viele Hinweise und bringt Ideen ein. Und wenn ich sehe, wie Bernd Lindrath immer wieder mit seinen Torhüterinnen spricht und trainiert, einfach Klasse. Dazu das Athletiktraining von Rico May, welches sich schon mit Verbesserung der Schnelligkeitswerte der Spielerinnen ausgezahlt hat.

Haben Sie in der, sicherlich begrenzten, Freizeit auch schon die Gelegenheit gehabt, Land und Leute kennen zu lernen?
Wenn es die Freizeit erlaubt, schaue ich mir schon die schöne Thüringer Gegend an. Mit dem Fahrrad, das ich mir extra für hier besorgt habe, bin ich immer mal auf Tour. In Weimar habe ich mich verliebt. Und auch in Jena habe ich schon die ein oder andere Lokalität kennen gelernt. Meine Trainerkollegen und auch andere Leute zeigen mir da schon das ein oder andere.

Sie pendeln aber auch regelmäßig nach Hause in ihre Heimat...
… es stimmt auch, dass ich regelmäßig nach Hause fahre. Montags ist Regenerationstraining, welches von meinem Trainerteam geleitet wird, das ist so abgesprochen. Manchmal bleibe ich auch Dienstag noch, aber das klappt alles prima, wir arbeiten wunderbar zusammen.
Vor dem Winter habe ich allerdings schon ein paar Manschetten. Aber da werde ich nichts erzwingen, wenn ich eben manchmal nicht fahren kann wegen dem Wetter, dann ist das auch o.k.

Apropos Heimat - mit Nationalstürmerin Inka Grings, wie sie ein Duisburger Urgestein, haben Sie lange zusammen gespielt bzw. sie als Trainerin in der Mannschaft gehabt. Für viele kam es überraschend, dass sie jetzt kürzlich nach Zürich ging. Was sagen Sie dazu?
Inka war lange Zeit in Duisburg das Gesicht des Vereins (und wird es auch bleiben). Sie ist eine absolute Führungsspielerin mit Siegermentalität. Egal ob sie Fußball oder Karten spielt – sie will immer gewinnen. Natürlich hat sie auch ein paar Macken (wie wir alle, oder?). Ich freue mich für sie, dass sie diesen Schritt gegangen ist und sich in Zürich, einem gut geführten Verein, wohl fühlt. Dies wird auch dem Schweizer Frauenfußball insgesamt einen positiven Schub geben.

Welches Ziel setzen Sie sich, sagen wir bis Weihnachten? Verraten Sie uns das?
Wir haben natürlich ein Punkteziel, welches wir auch mit der Mannschaft besprochen haben. Dazu werde ich aber in der Öffentlichkeit nichts sagen. (mit Augenzwinkern: Wenn dieses in der Öffentlichkeit bekannte Ziel schon drei Wochen vor Weihnachten erreicht wäre, wie soll ich die Mannschaft dann noch motivieren?)

Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg Ihnen und Ihrem Team!
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