Jenaer Tschernobylverein sucht Gasteltern für weißrussische Kinder

Constanze Gebauer,Georg Gebauer und Mandy Bialezki (von links) schönkern im akutellen Journal des Tschernobylvereins. Auch in diesem Frühsommer kümmern sie sich um weißrussische Kinder, die zur Erholung nach jena kommen.
 
Weißrussische Kinder während eines Ferienaufenthaltes in Jena. (Foto: Tschernobylverein Jena)
 
Weißrussische Kinder während eines Ferienaufenthaltes in Jena. (Foto: Tschernobylverein)
Jena: Am Plan 8 | Frau Gebauer, Ihr Verein „Hilfe für die Kinder von Tschernobyl in Jena“ sucht Gasteltern für weißrussische Kinder. Wann kommen diese nach Jena?
Die Kinder reisen am 16. Juni aus Weißrussland an. Die erste Woche verbringen alle gemeinsam in Kunitz, sozusagen zur Akklimatisierung. Vom 20. Juni bis zum 5. Juli sind sie bei Gasteltern untergebracht. Für vier Jungen im Alter von 12 und 13 Jahren suchen wird derzeit noch eine nette Familie. Insgesamt kommen 16 Kinder im Alter von 11 bis 16 Jahren und zwei Lehrerinnen. Sie stammen aus der Region Krasnopolje.

Welche Voraussetzungen sollten Gasteltern mitbringen?
Eigentlich nur ein offenes Herz und ein freies Bett. Mehr ist nicht erforderlich. Die Kinder stammen aus Familien, die oft nicht über ein regelmäßiges Einkommen verfügen. Sie sind es nicht gewohnt, dass jeder ein eigenes Zimmer hat und erwarten das auch nicht von ihrer Gastfamilie.

Muss man bei der Verpflegung auf Besonderheiten Rücksicht nehmen?
Wurst und Fleisch werden sehr gern gegessen, dazu alles mögliche aus Weißkraut, natürlich Kartoffeln in vielen Varianten, zudem Rote Beete, Möhren und Paprika. Erbsen und Blumenkohl sind weniger beliebt. Aber das ist natürlich vom Gastkind abhängig. Meinem Gastmädchen aus dem letzten Jahr haben Erbsen sehr gut geschmeckt.

Wie kann man die Verständigung organisieren?
Die Kinder lernen in der Schule Deutsch, nach Weißrussische als Muttersprache und Russisch als 1. Fremdsprache. Aber die Kommunikation klappt meist auch ohne große Fremdsprachenkenntnisse. Wir als Verein geben zudem ein kleines Wörterbuch mit, in dem die wichtigsten Vokabeln stehen. Das hilft Kindern und Gasteltern.

Für Berufstätige könnte es schwierig werden, sich als Gasteltern zu engagieren.
Eigentlich nicht. Die Kinder werden tagsüber von 7 bis 18 Uhr durch unseren Verein betreut. Sie können nach Absprache auch länger bleiben. Aber natürlich ist eine solche Aufgabe mit Mehraufwand verbunden. Deshalb wissen wir es sehr zu schätzen, wenn sich Familien bereit erklären, ein Kind zu beherbergen.

Wer legt fest, in welche Familie die Kinder kommen?
Das macht der Verein. Wir schauen, welches Kind zu welcher Familie passt. Die Chemie muss stimmen, auch das Temperament.

Wie sollten die Kinder am Wochenende betreut werden?
Das können die Gastfamilien selbst entscheiden. Viele machen sich unnötig Gedanken, auch über die Kosten. Oftmals kommen die Kinder aus kinderreichen Familien. Zu Hause müssen sie viel in der Landwirtschaft helfen, für frisches Wasser aus dem Brunnen sorgen, denn fließend Wasser gibt es nicht. Sie sind deshalb froh, wenn sie mal Zeit für sich haben. Ein großes Kulturprogramm wird von den Gasteltern nicht erwartet. Der Verein bietet ja die Woche über viel an.

Was haben Sie denn geplant?

Wir wollen in den Kletterpark und in den Tierpark. Wir besuchen die Heidecksburg, fahren Inliner und sind in die Pfarrgemeinde Magdala eingeladen. Und natürlich gehen die Kinder sehr gern baden. Auch diesmal sind wir im Galaxsea.

Unterstützen die Einrichtungen Ihre Angebote?

Nur wenige, aber denen gilt ein großes Dankeschön. Das meiste finanzieren wir aus Spenden, die der Verein einwirbt. Oftmals haben wir sogar Probleme, überhaupt Ermäßigungen zu bekommen.

Wie viel kostet ein solcher Ferienaufenthalt?
Rund 5000 Euro, die wir allein tragen. Das ist ein enormer Kraftakt für uns. Leider sind unsere Gelder derzeit so eng bemessen, dass wir den zweiten Ferienaufenthalt, zu dem im Herbst immer die kleineren Kinder kamen, in diesem Jahr nicht durchführen können.

Darf man bei der Abfahrt Geschenke mitgeben?
Die Kinder dürfen zwei Gepäckstücke mit nach Hause nehmen. Von uns werden sie bei ihrer Ankunft eingekleidet. Natürlich können die Gasteltern außerdem etwas mitgeben. Süßigkeiten beispielsweise. So, wie es die Gastfamilie möchte. Geld ist wenig sinnvoll. Viele Familien haben kein geregeltes Einkommen. Zudem haben mache Eltern ein Alkoholproblem. Geld würde nur selten für den Zweck eingesetzt, den Gasteltern im Sinn haben.

Haben die Kinder gesundheitliche Beeinträchtigungen?
Wir werden oft gefragt, ob sie strahlen. Nein, das tun sie nicht. Ihr Immunsystem ist aber weniger stabil als das unserer Kinder. Niemand ist akut erkrankt. Wer nach Jena kommt, wir davor ärztlich untersucht.

Wie kommen die Kinder mit unserer Überflussgesellschaft zurecht?
Ganz gut. Sie kennen es ja alles aus dem Fernsehen. Auch in Weißrussland gibt es Milka-Schokolade oder Nutella. Nur können sich die Eltern das nicht leisten. Die Kinder wollen nicht hierbleiben, nur weil wir einen besseren Lebensstandard haben. Egal, wie die Verhältnisse im Elternhaus sind, nach drei Wochen möchten sie wieder heim. Eine Familie ist schon etwas anderes als jeden Tag ein Eis oder eine Banane.

Gibt es über den Ferienaufenthalt hinaus Möglichkeiten, die Kinder zu unterstützen?
Ja, wir sammeln jedes Jahr Geld für unsere Weihnachtsaktion. Jedes Kindergarten- und Schulkind sowie alle Neugeborenen in den von uns betreuten Dörfern bekommen von unserem Verein ein Weihnachtspäckchen im Wert von 5 Euro. Den Inhalt kaufen wir in Weißrussland. Auch das beliebte russische Konfekt gehört dazu. Das können sich die Familien nämlich nicht selbst leisten. Zudem vergeben wir Stipendien für Kinder aus einkommensschwachen Familien, die einen Beruf erlernen oder ein Studium aufnehmen wollen. Sie bekommen 25 Euro im Monat. Fünf Euro werden zusätzlich für später angespart. Derzeit unterstützten wir auf diese Weise sieben Jugendliche.

Anmeldung für Gasteltern

Wer Kinder aufnehmen möchte, kann sich unter den Rufnummern 036692/37697 (abends) oder 03641/394994 (Vereinstelefon) melden. Mehr Infos unter www.tschernobyl-verein-jena.de

Zu Sache

- Der Verein wurde 1991 gegründet und zählt derzeit 61 Mitglieder. Er finanziert sich ausschließlich über Spendengelder.
- Seit 1992 organisiert der Verein Erholungsaufenthalte für weißrussische Kinder in Jena.
- Der Aufenthalt ist für die Kinder kostenlos. Eltern müssen sich nur um einen gültigen Pass bemühen. 2 bis 3 Mal wird den Kindern während ihrer Schulzeit ein Aufenthalt in Jena ermöglicht.

Zur Person
Constanze Gebauer ist stellvertretende Vereinsvorsitzende. Seit vielen Jahren nimmt ihre Familie weißrussische Kinder bei sich auf. Besonders ist ihr Ira in Erinnerung geblieben. Auch sie kam neben den Ferienaufenthalten in den Genuss eines Vereinsstipendiums. Heute ist sie Ärztin und pflegt weiterhin den Kontakt zu Familie Gebauer. Für Sohn Georg ist sie die große weißrussische Schwester.
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