Verein aus Jena hat Opfer der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl nicht vergessen

Herbert Bartsch (links) und Jürgen Schmidt engagieren sich noch immer für Tschernobyl-Opfer. Ihr Hilfsverein informiert in einem Schaukasten am Jenaer Holzmarkt über seine Arbeit.
 
Wenn die Kinder aus Weißrussland Jena besuchen, gehört ein Ausflug auf die Berge der Saalestadt zum Programm. (Foto: Herbert Bartsch)
 
Schon Veronica Mutter wurde vom Jenaer Tschernobylverein unterstützt. Leider ist sie verstorben. Nun erfährt ihre Tochter Hilfe aus Jena. (Foto: Herbert Bartsch/Verein)

Vor 30 Jahre geschah der unfassbare GAU, der größte anzunehmende Unfall. Am 26. April 1986 explodierte im ukrainischen Kernkraftwerk in Tschernobyl ein Reaktor. In den Folgejahren gründeten sich viele Vereine, um den betroffenen Menschen zu helfen – auch auf dem Gebiet der ehemaligen DDR. Doch mittlerweile sind andere Katastrophen in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Zahlreiche Tschernobylverein gibt es nicht mehr. An Jena geht der Trend vorbei. Hier feiert der Verein "Hilfe für die Kinder in Tschernobyl" in diesem Monat sein 25-jähriges Bestehen. Die Unterstützung geht weiter.

Sie stehen mitten im Leben: Jürgen Schmidt und Herbert Bartsch. Ingenieur in leitender Funktion der eine, Polizeibeamter im Ruhestand der andere. Fast scheint es, als könne die beiden nichts umhauen. Ein Irrtum. Rührung überkommt die Männer, wenn sie von der kleinen Veronica erzählen.

Nach dem Tod der Mutter Hilfe für die nächste Generation


„Veronicas Mutter starb an Krebs, als das Mädchen nicht mal zwei Jahre war“, erzählt Schmidt. Kein Einzelschicksal im Kreis Krasnopolje in Weißrussland. In diesem Gebiet ging ein Großteil der durch den GAU freigesetzten Radionuklide nieder. Schmidt und Bartsch kannten ihre Mutter. Tanja Akinschewa gehörte zu jenen Kindern, die in den Anfangsjahren in Jena zu einem Ferienaufenthalt eingeladen waren. Der Kontakt zur Familie brach nie ab. „Wir mussten mit ansehen, wie Tanja immer schwächer wurde“, erinnert sich Bartsch.

Erdbeben, Flüchtlingsströme: Katastrophenmeldung fluten die Nachrichtenkanäle. Rund um den Globus sind Menschen in Not auf Unterstützung angewiesen. In immer kürzeren Abständen werden Elendsbilder durch neue überdeckt. Langfristiger Beistand scheint so kaum möglich. Schmidt, Bartsch und ihre Mitstreiter treten den Gegenbeweis an. Vor 25 Jahren gründete sich der Verein „Hilfe für die Kinder von Tschernobyl in Jena“, um jenen Menschen zu helfen, deren Leben sich durch die Reaktorexplosion von Grund auf änderte. Noch heute ist der Verein aktiv. „Wir sind davon überzeugt, dass Hilfe noch immer notwendig ist“, erklärt Herbert Bartsch.

Das zeigt auch das Beispiel der kleinen Victoria, die bei ihrer Großmutter aufwächst. Wenn Vereinsmitglieder nach Weißrussland fahren, haben sie immer Kleidung und Geschenke für das kleine Mädchen im Gepäck. Es sind enge Freundschaften entstanden zwischen den Weißrussen und den Deutschen. Durch und mit ihr lebt die Arbeit des Vereins.

Spenden einwerben wird immer schwieriger

Doch Unterstützung für diese Menschen zu organisieren, diese Aufgabe wird immer schwieriger. „Die Spendenbereitschaft für Tschernobylopfer entwickelt sich rückläuft“, stellt Schmidt fest. Es werde immer schwieriger, Geld und Sachspenden einzuwerben, Gasteltern für die Ferienaufenthalte der Kinder in Jena zu gewinnen. Der Gau in Tschernobyl ist im öffentlichen Bewusstsein nicht mehr präsent.

Der Jenaer Verein ist mit seinen rund 60 Mitgliedern heute der größte Hilfsverein dieser Art in Thüringen. Viele gibt es nicht mehr. In Gera sind noch neun Ehrenamtliche im Tschernobyl-Kinder-Verein aktiv. „In Sondershausen hat sich der Verein aufgelöst“, berichtet Schmidt. In Erfurt werde gerade einer abgewickelt. Auch in Weimar arbeitet der Tschernobylverein nicht mehr. Doch wie wichtig Hilfe ist, sehen die Jenaer immer wieder.

Plumpsklo und verstrahlte Lebensmittel


Oft fehlt es am Notwendigsten in den Dörfer der Region Krasnopolje. „Die Menschen leben zumeist beengt in Holzhäuser. Die Toilette ist ein Plumsklo auf dem Hof. Wasser fürs Kochen, das Vieh und die Körperhygiene werden aus dem Dorfbrunnen gepumpt“, erzählt Bartsch. Fließend Wasser gibt es nicht. Die Einkommen sind sehr bescheiden. Auch weil die Bauern im ländliche geprägten Gebiet ihre Erzeugnisse nicht verkaufen können. Sie sind noch immer verstrahlt.

Um so wichtiger sind die Reisen nach Deutschland. „Gesunde Lebensmittel und saubere Luft stärken das angeschlagene Immunsystem der Jungen und Mädchen“, berichtet Jürgen Schmidt. Um so bedauerlicher sei es, dass man die Ferienaufenthalte reduzieren musste. Über viele Jahren hinweg besuchten rund 50 Kinder in zwei Durchgängen die Saalestadt. Für vier Wochen bleiben sie. Mittlerweile kann nur noch ein Aufenthalt über drei Wochen für knapp 20 Kinder organsiert werden. Die Kosten sind explodiert. Zuschüsse gibt es nicht mehr. „Aber uns unterstützen noch immer einige Firmen und Privatpersonen“, freut sich Schmidt. „Ein Großteil unserer Gelder müssen wir aber über Kleiderspenden gewinnen“, ergänzt Bartsch. Kleidung, die die Kinder nach ihrem Urlaub in Jena nicht mit nach Hause nehmen können, wird verkauft.

Sehnsüchtiges Warten auf den deutschen Weihnachtsmann


Mit diesen Geldern und aus Spenden wird nicht nur der Erholungsaufenthalt finanziert, sondern auch der alljährliche Weihnachtstransport. Zum Jolkafest fahren Vereinsmitglieder nach Weißrussland. Vor Ort besorgen sie Geschenke für die Kinder: Konfekt, Nüsse und Apfelsinen. „Für die meisten ist das die einzige Überraschung zum Fest“, so Schmidt. Die Kinder warten sehnsüchtig auf die deutschen Weihnachtsmänner, die Erwachsenen auf konkrete Hilfe. So wurden bereits Waschmaschinen und Bettwäsche für Kindergarten oder Schule besorgt. Auch ein neuer Heizkessel für den Kindergarten konnte dank deutscher Hilfe eingebaut werden. Die weißrussischen Behörden hätten ihn sonst geschlossen.

Herzenswärme ist zu spüren, wenn Schmidt und Bartsch von ihrer Arbeit vor Ort berichten. Und Stolz, in ganz konkreten Fällen helfen zu können. Schmidts erstes Gastkind Wiktoria ist mittlerweile erwachsen, Mutter eines Kindes. Sie arbeitet in der Postverwaltung. Möglich wurde das, weil Schmidt und seine Familie Wiktoria ein Ausbildungsstipendium zahlten. Sie gaben ihr dadurch eine Lebensperspektive. „Das ist so wichtig für die Menschen dort, um aus dem Kreislauf zwischen Alkohol und Armut ausscheren zu können, der den Alltag in der Region zu oft dominiert“, erläutert Bartsch. Dankbarkeit und Freundschaft sind ihr Lohn. Dafür wollen sie sich auch künftig engagieren. Bartsch ist überzeugt: „Wir machen weiter, so lange uns Geld für diese Menschen anvertraut wird.“

Zur Sache

+ Der Vereine „Hilfe für die Kinder von Tschernobyl in Jena“ wurde im April 1991 gegründet. In Hochzeiten zählte er rund 130 Mitglieder. Heute sind es 61.
+ Der Verein organisiert Ferienaufenthalte für weißrussische Kinder aus der Region Krasnopolje. Rund 1100 Kinde rund Jugendliche waren seitdem zum Urlaub in der Saalestadt.
+ Der nächste Ferienaufenthalt findet vom 28. Mai bis zum 18. Juni statt. Dafür werden noch Gasteltern gesucht.
+ Jedes Jahr organsiert der Verein einen Weihnachtstransport. Im Gepäck sind Geschenke, die ehemalige Gasteltern ihren „Kindern“ zukommen lassen. Vor Ort werden aus Vereinsmitteln für rund 250 Kinder und Jugendliche Überraschungsbeutel mit Süßigkeiten und Obst gekauft.
+ Der Verein unterstützt auch den Nachwuchs mit Stipendien für Ausbildung oder Studium. 30 Euro pro Monat werden gezahlt. Über 50 Beihilfen dieser Art wurden bereits organisiert. Das Geld wird persönlich durch Vereinsmitglieder in Weißrussland übergeben.
+ In den Anfangsjahren wurden auch Hilfskonvois nach Weißrussland gestartet. Wegen veränderter Einfuhrbestimmungen und dem behördlichen Anspruch, die Hilfsgüter selbst zu verteilen, wurden die Transporte eingestellt.
+ Inform@tion: www.tschernobyl-verein-jena.de
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