Ab-Dankung geschrieben von Karsten Ehegötz / Schwarzer Fritz

Impressionen der letzten Stunden meines Lebens

Bürger zu Tennstedt, wenn Ihr diese Zeilen lest, werde ich nicht mehr unter Euch weilen und den Weg vom Leben zum Tode beschritten haben.

Nun stehe ich hier als Verurteilter und schaue in einigen Stunden dem Tode ins Auge. Meinem Schicksal entgegen tretend, verfalle ich in Erinnerungen und beobachte die Menschen hier auf dem Marktplatz. Mein Blick schweift und ich sehe neben den vielen erwartungsvollen Gästen, die extra gekommen sind, um meiner Hinrichtung beizuwohnen, in viele bekannte Gesichter. Inmitten der Stände sehe ich ein paar fleißige Damen, deren musikalisches und organisatorisches Talent mir schon bei der Hochzeitsgesellschaft, welche ich mit meiner Bande überfiel, nicht verborgen blieb. Heute bieten sie ihren leckeren Kuchen feil. Es sind die Weiber des Frauenchores zu Tennstedt.
Doch was hören da meine Ohren … eine kleine Meute Mannsbilder spielen Volksweisen zur Belustigung der Gäste. Waren es nicht die Selbigen, sogenannten Bänkelsänger, die mir bei jedem unserer Überfälle vor die Augen und in die Ohren drangen? Auch heute sehe ich wieder in fröhliche Gesichter, die sich von Gitarre, Teufelsgeige, Flöte und Gesang unterhalten lassen. Man flüstert mir, dass Sie dem Männerchor „Liedertafel“ angehören.
Mein Blick richtet sich zur Turmuhr des Rathauses – es schlägt die 2. Glocke nach der Mittagsstunde und es naht der Zug der Gewerke, um wohl die Richtstätte, bei der sich der Zunftmeister in deren Perfektion wohl selbst übertroffen hat, zu vollenden. Voran des Zuges erklingt schwungvolle Blasmusik, die mich in ihrem Wohlklang kurzzeitig mein Schicksal vergessen lässt. Neben mir ruft eine Magd: „Oh hört, der Posaunenchor!“.
Inmitten des Zuges sehe ich eine große Kiste, aus der durch die Mannsbilder des Brieftaubenvereins zahllose Tauben gen Himmel gelassen werden. Ein traumhafter Anblick, obwohl der Anlass geradezu sarkastisch für mich erscheint.
Die Massen spenden tosenden Applaus.
Während die Gewerke sich der Richtstätte widmen, schweift mein Blick weiter über den Marktplatz. Auf der Wiese neben dem Rathaus sehe ich zahlreiche Kinder spielen. Ich blicke in die strahlenden Augen eines kleinen, niedlichen Mädchens, welches gerade durch das, durch den Kleintierzüchterverein aufgestellte Freigehege krabbelt und liebevoll die umher hoppelnden Kaninchen streichelt. Im Allgemeinen fällt mir auf, dass viele freudige Kinder gekommen sind. Ein kleiner Strolch, gekleidet wie ein kleiner Schusterjunge lässt sich die Beeren des Kleingartenverein „Goldborn“ sichtlich schmecken und treibt mir ein Schmunzeln ins Gesicht beim Anblick seiner rot verschmierten Schnute. Etwas weiter, hinter dem Gebüsch bemerke ich, wie ganz andere große und kleine „Kinder“ sich die Eisenkugeln um die Ohren werfen, um für ein Fass Gerstensaft so viele Eier wie möglich zu zerdeppern. Wem das Ziel zu klein ist, der kauft sich ein Ei und sucht sich größere Ziele … ich traue meinen Augen kaum … der Bürgermeister am Schandpfahl lässt sich mit Eiern bewerfen … der Bürgermeister auf den ich angeblich in der Ratssitzung geschossen haben soll … ich frage mich, wo bleibt da die Gerechtigkeit? … die kommen kaum mit den Eiern nach! Ein Schauer läuft mir über den Rücken, als ich inmitten der närrischen Truppe einen Lobgesang mir zu Ehren, bei der man auch mich zum Narren hält, wahrnehmen kann. Eigene Texte, eigene Melodien – mir wird heiß bei den Klängen dieses Trios. Diese närrische Truppe, welche auch meine Sympathie trägt, ist mir natürlich nicht unbekannt. Es sind die Spaßvögel des Tennstedter Karnevalvereins.
Der nächste Glockenschlag lässt mich zusammenzucken und bei dem Blick auf die Turmuhr bemerke ich, wie mir die Zeit davon läuft. Noch eine halbe Stunde blieb mir bis zu meinem Schicksal.
Plötzlich sprach mich ein Weib an und sagte: „Fritz, es wird Zeit für Deine letzte Mahlzeit!“ Mir war es eh schon flau im Magen und ich glaubte nichts hinunter zu bekommen, aber dem Anblick eines leckeren braungebrannten Kartoffelreibekuchen mit Apfelmus, gekocht von den Weibern des Vereins historischer Fahrräder, konnte ich nicht widerstehen. Ich glaube, so mancher würde dafür „sterben“.
Plötzlich bekomme ich einen heftigen Stoß mit einem Gewehrkolben in die Seite. Es sind die Gardisten, um mich für die Hinrichtung vorzubereiten und mich zurück zur Fronveste zu führen. Mein Blick in deren Gesichter ließ mich auch alte Bekannte erkennen. Waren Sie es doch, die unter dem Namen der Schützengilde zu Bad Tennstedt, uns kurzzeitig ihre Ländereien und Behausungen für unser Räubergelage überließen und einst ausgelassen mit uns die Hochzeit mit meiner, wie ihr sie gern nennt, „Metze“ Rebecca feierten. Die Erinnerung an das grandiose Feuerwerk als krönender Abschluss meiner Hochzeit mit meiner Rebecca macht es mir schwer in diesem Moment nicht die Fassung zu verlieren. In der Fronveste streift man mir ein weißes Hemd über, welches eigens für mich von einer begabten Näherin geschneidert wurde und ein guter Freund der närrischen Zunft verleiht meinem weichen Kern noch eine harte Schale, damit ich nicht allzu schmerzvoll die mich erwartende Prozedur über mich ergehen lassen muss, bevor sich der Zug zurück zum Marktplatz in Gang setzt. Ich zittere am ganzen Körper und die Angst vor dem Tode fährt mir durch alle Glieder. Voran des Zuges vernehme ich einen hellen Gesang von Kindern, die wohl dem Schulchor der Novalis-Regelschule angehören und eigens für diesen Tag vom Schulförderverein entsendet wurden.
Nun haben wir den Marktplatz erreicht und ich sehe schon, wie ungeduldig die hohen Gäste des Gerichtes, welche mir am Morgen schon, ähnlich einer Theatergruppe - allwissend über meine angeblichen Schandtaten zu meinem Urteil verhalfen. Allesamt Laienschauspieler des Kultur- und Heimatvereins. Mir bleibt nur noch der Gang die Stufen hinauf zur Richtstätte. Meine Angst nimmt mir die Luft zum Atmen.
Bei meinem letzten Blick in die Menschenschar erkenne ich die Kumpanen und Weiber meiner Bande. Der Blick in Ihre Augen lässt mich die eine oder andre Träne erkennen und mir wird in diesem Moment umso mehr bewusst, wie fest der Zusammenhalt in meiner Bande ist. Wie Pech und Schwefel hielten wir zusammen und meisterten gemeinsam so manche große Herausforderung. Ich verspüre in mir den Stolz, Hauptmann dieser duften Truppe sein zu dürfen.
Doch mein Schicksal ist nun besiegelt und ich vernehme eine Totenstille um mich herum. Bevor ich nun gleich den harten Schlag des Schwertes durch den Scharfrichter im Nacken verspüren werde und den Weg nach unten in Richtung Hölle antreten werde, möchte ich auch ihm für sein Mitwirken danken. Doch wer er wirklich ist, weiß nur der Henker!

Bürger zu Bad Tennstedt, mir war es ein Bedürfnis, Euch vor meinem Dahinscheiden diese Zeilen zu überlassen. Es erfüllt mich mit Stolz und größter Hochachtung zu sehen, zu was die Vereine in Bad Tennstedt gemeinsam zu leisten in der Lage sind, um auf ein gemeinsames Ziel hinzuarbeiten – ein hervorragend gelungenes Fest.
Nutzt nun die Gunst der Stunde und sucht und findet weiter die Wege zueinander. Jeder einzelne von Euch kann stolz auf das Gelungene sein und seinem Gegenüber mit einem herzlichen Klopfer auf die Schulter sagen: „Du warst ein Teil des Ganzen!“
„Leben und leben lassen…“ – rückt näher zusammen und sucht das offene Gespräch miteinander und lasst Euch nicht leiten von Gerüchten und Halbwissen!

Sollte meine Hinrichtung der Beginn und Fortlauf für ein gemeinsames Miteinander der Vereine in Bad Tennstedt sein, so hat es sich am Ende doch gelohnt und mein Kopf ist nicht umsonst gerollt.


In Gedenken an Johann Friedrich Müller
genannt der „Schwarze Fritz“
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