Es war einmal

Stadtarchivar Dr. Helge Wittmann mit einem der Geschossbücher.
 
Dr. Helge Wittmann

Geschichten aus dem alten Mühlhausen und wie sie aufbewahrt werden



Von Wolfgang Rewicki

MÜHLHAUSEN. Wenn vor etwa 500 Jahren ein Mühlhäuser Bürger etwa zu Michaelis seine Grundbesitz- und Einkommensteuer zu entrichten hatte, dann geschah das ausschließlich in bar. Er begab sich dazu ins Rathaus und legte den Betrag, welchen er aufgrund seines Vermögens schuldig war, auf den Tisch. Klingt einfach, ist aber eigentlich hochkompliziert.

Welchen Betrag zum Beispiel ein Mühlhäuser Bürger, der zwischen 1418 und 1647 lebte, zu zahlen hatte, das steht verzeichnet in den 32 Bänden, Geschossbücher genannt, die im Mühlhäuser Stadtarchiv aufbewahrt werden. Das Vermögen jedes einzelnen steuerpflichtigen Bürgers wurde geschätzt und in einheitlichen Verrechnungseinheiten ausgedrückt, die man Geschossmark nannte. Je wohlhabender also einer war, desto mehr Steuern zahlte er. Das alles erklärt Dr. Helge Wittmann, der Mühlhäuser Stadtarchivar, im Beisein von sieben Inhabern von Steuerbüros, Fachleuten also, die in Mühlhausen ansässig bzw. tätig sind.

Die nämlich unterstützen ein Projekt des Stadtarchivs: die Verfilmung und Digitalisierung dieser historischen Steuerunterlagen. Dieser Beitrag zum Schutz und zur Sicherung wertvollen Kulturguts komme der Stadt gerade recht. Zumal in einer Zeit, da Brände in Bibliotheken und Unglücksfälle in Stadtarchiven in der Erinnerung noch sehr präsent seinen, betont Wittmann.

Infolge dieser Sicherungsmaßnahmen ist es dann auch gut möglich, die wertvollen Originale aus dem Verkehr zu ziehen. Die werden dann, auch dies ist eine Sicherungsmaßnahme, außerhalb Mühlhausens in einem anderen Archiv aufbewahrt.

Augrund der Angaben in den Geschossbüchern erfährt der Historiker aber noch viel mehr als nur die Höhe von Steuern. Zum Beispiel war in der angegebenen Zeit „Hans“ der gebräuchlichste Name und es gab um 1418 2.400 Steuerpflichtige in Mühlhausen und in den zur Reichsstadt gehörenden 19 Dörfern. Das Steueraufkommen liegt bei etwa 2.718 Schock und 42 Groschen. Das entspricht einer Menge von etwa 78 Kilogramm Silber. Ein ganz schöner Batzen also. Bei dem andere Steuern noch gar nicht mitgerechnet sind. Als da wären diverse Zölle (Wege-, Durchgangs-, Warenzölle u.ä.), Erlöse aus Badehäusern und Bordellen, aus der Belegung von Marktständen, aus der Nutzung der Stadtwaage, aus der Aufnahmegebühr von Neubürgern, nicht zuletzt Einnahmen der Gerichtskasse aus Buß- und Strafgeldern usw. Das klingt schon wieder alles sehr modern. Das Fazit der Steuerberater, die den Ausführungen Dr. Wittmanns ebenso interessiert wie fachkundig lauschten: „Es hat sich eigentlich nicht sehr viel geändert seit damals.“

Auch damals übrigens konnte man seine Steuerlast „kleinrechnen“. Denn hatte man Schulden, zahlte man weniger Steuer. Zuständig für die Festsetzung der Steuern war eine Gruppe von Bürgern, die gemeinsam mit dem Stadtschreiber die Erhebung vornahmen. Der Stadtschreiber, sozusagen die „Vorzimmerdame“ des Rates, wusste also über alles Bescheid. Noch eine Parallele zu heute!
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige
Anzeige