Gepflegte Musik

 
Instrumental-Quartett (Foto: Archiv Kämmerer)

Erinnerungen an 55 Mühlhäuser Tanzkapellen und eine schöne Jugendzeit hat Rolf Kämmerer gesammelt



Von Wolfgang Rewicki

MÜHLHAUSEN. Wohlklingende Namen hatten sie auf jeden Fall, all diese Bands, die Rolf Kämmerer in seinem Buch „Gepflegte Musik - ein Begriff“ (Mühlhäuser Tanz- und Unterhaltungskapellen ab 1946) vereint hat. „Niemanden hielt es damals auf den Stühlen, wenn in den Tanzsälen die Kapellen [...] aufspielten. Noch heute erinnern sich mehrere Generationen daran, wenn Klaus Jakobi von MJS (Mühlhäuser Jugendsextett) das Lied 'Das ist die Liebe im vorübergehen', auch 'Gummi-Mambo' genannt, auf seiner Trompete spielte. Ich hoffe, dass ich mit dem Auffinden dieser Musikgruppen eine Erinnerung an das Musikleben der Nachkriegszeit erreicht habe“, schreibt er auf Seite 96 seines kürzlich im Eigenverlag herausgegebenen Buches, das allerdings mit einer Auflage von 50 Stück die große Leserschaft nicht erreichen kann. Leider. Immerhin konnte er all seine Informanten mit je einem Exemplar beglücken, mehr will sich der Autor nicht zumuten.

Rolf Kämmerer, Jahrgang 1939, ist eigentlich Zimmermann. Viele Jahre hat er diesen Beruf unter Tage ausgeübt, denn „im Schacht konnte ich besser verdienen“. Nach der Wende und dem Ende des Bergbaus in Menteroda hat er noch zehn Jahre in seinem Beruf gearbeitet, nun ist er schon lange Pensionär. „Irgendwann bekam ich etwas Material in die Hände, vertiefte mich in die Materie und aus einer fixen Idee wurde ein Hobby“, erklärt er sein Interesse an diesem speziellen Teil der Mühlhäuser Nachkriegsgeschichte.

Was aber schon verwunderlich ist, denn Kämmerer war keiner von denen, die an den Wochenenden ständig in die diversen Tanzlokale strömten. Denn in seinem Elternhaus ging es schon ziemlich streng zu. Der Vater war Polizist. „Im Sommer sind wir barfuß gelaufen, weil wir keine Schuhe hatten, aber wir hatten doch eine schöne Jugend“, bemerkt er rückschauend. „Ab 1957 habe ich dann doch hin und wieder Tanzveranstaltungen besucht“, erinnert er sich weiter, „und ein paar Musiker kannte ich auch persönlich.“

Ins Puschkinhaus ging man damals, zum Schützenberg, zum Stadtberg oder in das Geschwister-Scholl-Heim. Da spielten sie zum Tanz auf oder zum Tanztee, die „Amazonas“, das „Astra-Sextett“, „Bewa-Pari“, die „Gert-Ewert-Combo und wie sie alle hießen, die Ensembles, bei Kämmerer sind es insgesamt 55. Einige der aufgeführten Musiker sind noch heute aktiv. Jürgen Thormann und Herbert Haberkorn zum Beispiel (damals bei der Tilenau Swing Band), Volker Riemann und Bernd Wuttke, die ab 1970 bei „De Sound 60“ spielten. Oder Harro Luhn, der zu der Zeit noch kein Professor, dafür aber anscheinend ein rechter „Hans Dampf in allen Gassen“ war.

Anschaulich ergänzen Reproduktionen alter Postkarten, Zeitungsausschnitte, Plakate und andere Dokumente das kleine Kompendium. Zum Beispiel eine Einschätzung des Kreiskabinetts für Kulturarbeit, welches die Leistungen der „Schwarz-Weiß Combo“ als „perfekt“ bewertete - „Einstufung“ wurde ein solches Votum damals genannt und dieses berechtigte zu öffentlichen Auftritten und (wenn auch bescheidenen) Honorarforderungen. Schließlich kann der heutige Betrachter bei manch einem dieser Fotos das Schmunzeln nicht unterdrücken. Wenn beispielsweise bei einem Auftritt der „Betriebskapelle Medizin“ auf der Bühne die Parole prangt: „Der Sozialismus ist die beste Prophylaxe“. Quod erat demonstrandum!
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