In diesen Tagen

Kürzlich war ich bei einem Symposium mit Bürgerrechtlern und Protagonisten der friedlichen Revolution 1989. Dort sagte Arnold Vaatz (Neues Forum, Dresden): „Die Weitergabe unserer Erfahrungen ist uns bis jetzt nicht gelungen.“ Das ist eine Feststellung, die mich selbst seit Jahren beschäftigt. Warum ist das so? Haben wir nicht wirklich Außergewöhnliches geleistet? Vera Lengsfeld formulierte es bei der gleichen Veranstaltung so: “Es ist eine weltgeschichtliche Revolution, daß eine Diktatur, ein Regime, das bis an die Zähne bewaffnet war, mit friedlichen Mitteln pulverisiert wurde, mit Kerzen!“ Und trotzdem ist das Interesse bei vielen, leider auch jungen Bürgern daran gering. Sätze wie: „Es war nicht alles schlecht.“, oder „Man sollte die Sache nun endlich mal ruhen lassen.“, erschrecken mich immer wieder. Ist es nur mangelnde Information über die wahren Zustände in der DDR oder ist das menschliche Gedächtnis so aufgebaut, dass furchtbare Erlebnisse schnell verblassen und nur noch die schönen Momente gegenwärtig bleiben? Am Gedächtnis kann es nicht liegen, denn, spricht man mit Angehörigen der Mauertoten, mit Zwangsausgesiedelten, mit Menschen, die wegen ihres Strebens nach Freiheit im Gefängnis waren oder auch nur ihrer wegen Kritik an der SED-Politik, erinnern sie sich sehr gut. Also müssen wir zukünftig, besonders die Jugendlichen besser darüber aufklären, wie und warum es zu dieser friedlichen Revolution kam, und, warum eigentlich so spät.

Unsere Jugendlichen können heute, bei Eignung und entsprechenden Leistungen, jeden Beruf ergreifen, den sie wollen. Schon der Zugang zum Abitur war damals nicht für jeden offen. Wer nach einer Berufsausbildung studieren wollte, musste das studieren, was sein Delegierungsbetrieb brauchte und nach dem Studium auch wieder dorthin zurückkommen. Oder er musste sich verpflichten dort 2 Jahre zu arbeiten, wohin er geschickt wurde. Wer erinnert sich noch an die Wohnungsnot, an das Heizen mit Braunkohle und an die Jagd nach ein paar Apfelsinen vor Weihnachten? Wer erinnert sich noch an die Umweltverschmutzung, an den Kampf um einen FDGB-Ferienplatz auf einem Zeltplatz an der Ostsee? Ja, es gab Krippenplätze und Mütter konnten nach einem Jahr wieder arbeiten, nein, sie mussten es auch, denn, 1. reichte ein Verdienst nicht aus und 2., wer länger zu Hause bleiben wollte, galt als faul und asozial. Schließlich brauchte die DDR-Wirtschaft jede Arbeitskraft und der Staat wollte sich den Einfluss auf die Erziehung der Kinder nicht nehmen lassen. Junge Männer mussten sich zu 3 Jahren Wehrdienst verpflichten, wenn sie Medizin studieren wollten, mussten drei Jahre der besten Lebenszeit in einer Kaserne verbringen. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Trotzdem begegnen wir heute täglich der Verharmlosung der DDR. Wo sind eigentlich die tausende von Menschen, die damals mit uns bei den Friedensgebeten, bei den Demonstrationen waren? Alle die, die ja schon immer dagegen waren? Ich frage mich, wann ist uns eigentlich der Elan der Aufbruchstimmung abhanden gekommen? Und übrigens, nach meiner Erinnerung ist die Mauer nicht gefallen, sondern sie wurde eingedrückt und gestürmt und zwar von der östlichen Seite.
Ruthild Vetter
7. November 2014
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