Verdienen nicht, was sie verdienen

Mühlhausen/Thüringen: Storchennest |

Kurzfristige Lösung bis gefunden zum 1. Juli 2015

Ein paar Holztreppen geht es hinauf. Über einen Außenflur. So, wie ihn früher fast jedes Gehöft besaß. Noch um eine Ecke und schon können die jungen Mütter und die, die es noch werden wollen, ins Mühlhäuser Storchennest einflattern. Vier Hebammen haben es dort genau so eingerichtet, dass Frauen in Erwartung des freudigen Ereignisses sich sicher und geborgen fühlen. Zwei der Hebammen sind Britta Näher und Ilona Weiz. Frauen in einem Beruf, der regelmäßig vom Aussterben bedroht ist. Nicht erst seit der jüngsten Erhöhung der Haftpflichtgebühren. Diese wird bei freiberuflichen Hebammen jährlich teurer. Zuletzt bei denen, die freiberuflich Geburtshilfe leisten, um 20 Prozent auf nun 5091 Euro im Jahr.

Bei denen, die sich auf Kurse, Vor- und Nachsorge konzentriert haben, liegt sie immerhin bei 700 bis 800 Euro, was unbedenklich wäre, wenn der Gesellschaft die Geburt ebenso am Herzen liegen würde, wie etwa die ebenfalls wichtige Arbeit von Radiologen, Augenärzten oder Zahnmedizinern. So ist es aber nicht. Die Lage bleibt angespannt, gerade im ländliuchen Bereich. Eine langfristige Lösung ist noch nicht in Sicht. Hebammen verdienen nicht, was sie verdienen. Zwischen 1200 und 2800 Euro Brutto sind es im Monat, je nachdem ob sie im öffentlichen Dienst angestellt sind, Beleghebammen, frei arbeiten oder ein Mischlösung aus alle dem gefunden haben.


Britta Näher und Ilona Weiz leisten keine Geburtshilfe mehr, viele Jahre in der Klinik haben sie das gemacht. Die Probleme sind ihnen vertraut. Inzwischen bietet das Storchennest Vor- und Nachsorge sowie Kurse an. Ilona Weiz, Hebamme seit 1978 und freiberuflich seit 2012, kennt alle Facetten dieses Berufes, den sie trotz schlechter Bezahlung gegen keinen anderen der Welt eintauschen möchte. „Bis zum kommenden Jahr gibt es für die Kolleginnen eine Überganglösung, wie es dann weiter geht, weiß niemand“. Übergangslösungen, so wie in jedem Jahr. Dabei ist die Geburt zu Hause statistisch betrachtet nicht gefährlicher als eine im Krankenhaus, glaubt man Studien aus Großbritannien. Das Argument der Versicherer für die Preiserhöhungen ist aber: Die Nachbetreuung im Falle eines Schadens sei heute deutlich teurer geworden.

„Hier muss es eine politische Lösung geben, sonst ist eines Tages die Freiheit der Wahl des Geburtsortes des Kindes nicht mehr gegeben“, findet Weiz. „Wir fordern weiterhin eine strukturelle Lösung der Haftpflichtproblematik. Seit dem 1. Juli gab es eine Erhöhung, die aber nur kurzfristiger Natur ist. Wir brauchen eine Lösung, um die Versorgung mit Hebammenhilfe langfristig zu sichern und Frauen die im Sozialgesetzbuch garantierte Wahlfreiheit des Geburtsortes zu ermöglichen“, erklärt Martina Klenk, Präsidentin des Deutschen Hebammenverbandes.


„Seit dem 1. Juli gab es wegen der gestiegen Kosten eine Einigung zur Erhöhung der Honorare“, erklärt Ilona Weiz. „Ich musste aber zweimal hinschauen, bis auf der Abrechnung überhaupt den Unterschied erkannt habe. „Statt 31,28 Euro für einen 45-minütigen Hausbesuch, der auch mal länger dauern kann, kann ich jetzt 31,55 Euro abrechnen“. Das hilft nicht wirklich weiter, schon gar nicht langfristig, findet auch Kollegin Britta Näher. Unterstützung aus der Politik bekommen sie kaum. Gerade ein Partei hat das im Wahlkampf thematisiert. Und so wird auch ein Zahnimplantat in Zukunft deutlich mehr kosten, als ein neues Leben unbeschadet auf die Welt zu bringen. Denn für eine Hausgeburt bekommt eine Hebamme gerade 835,08 Euro, im Geburtshaus sind es sogar nur 627 Euro (Quelle: Dt. Hebammenverband), wenn man bedenkt, dass 500 Euro jeden Monat nur für die Versicherung gezahlt werden muss.
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