Wohnungsgenossenschaft (WGM) will städtische Wohnungsgesellschaft (SWG) kaufen

MÜHLHAUSEN. Bereits seit Monaten wird öffentlich darüber spekuliert - jetzt ist die Wohnungsgenossenschaft Mühlhausen eG (WGM) konkret geworden und will die Städtische Wohnungsgesellschaft GmbH (SWG) für 51,1 Millionen Euro kaufen. Nach Abzug der Schulden der SWG würden netto ca. 25,5 Millionen Euro in die Stadtkasse fließen. Die beiden WGM-Vorstände Babette Pickel sowie Stephan Degenhardt haben dieses Kaufangebot gestern Abend Oberbürgermeister Johannes Bruns übermittelt. Jetzt ist die Stadt Mühlhausen am Zug: Sie entscheidet über die Aufnahme von Verhandlungen, prüft dann die Ergebnisse und muss auch abschließend einen Beschluss des Stadtrates dazu herbeiführen. Zudem muss auch die Vertreterversammlung der WGM ein Verhandlungsergebnis bestätigen.
Aufsichtsratsvorsitzender Michael Hiemann hat diesen Schritt bereits im WGM-Aufsichtsrat sowie in einer schriftlichen Information an die WGM-Vertreter erläutert.

Im Mittelpunkt der Überlegungen steht die Absicht, sich als größeres Wohnungsunternehmen besser für die Zukunft zu positionieren, um so eine bedarfsgerechte Versorgung mit Wohnraum zu angemessenen Preisen langfristig sicher zu stellen. „Mit dieser Strategie wollen wir vor allem die gewaltigen Herausforderungen meistern, vor denen der Mühlhäuser Wohnungsmarkt insgesamt steht“, erklärte der Vorstand und nannte dabei die zentralen Punkte.



Hoher Investitionsbedarf

Aufgrund des Alters und der Bauweise vieler Objekte aus beiden Unternehmen muss erheblich investiert werden, um ein angemessenes und zeitgemäßes Wohnungsangebot zu sichern. Allein für die SWG wurde der kurz- bis langfristige Investitionsbedarf auf über 65 Millionen Euro geschätzt.

Bevölkerung in Mühlhausen schrumpft

Durch die demografische Entwicklung wird mittel- bis langfristig für rund 1.500 Wohnungen im Stadtgebiet keine Nachfrage mehr bestehen. In Fachkreisen herrscht bundesweit Einigkeit, dass in solchen Situationen, das Wohnungsangebot abgebaut werden muss. Die mit einer solchen Vorgehensweise verbundenen wirtschaftlichen Belastungen können jedoch nur von starken und hinreichend großen Wohnungsanbietern aufgefangen werden.

Bedarf nach seniorengerechtem Wohnraum wird zunehmen

Auch in der Stadt Mühlhausen wird der Anteil der älteren Einwohner in den nächsten Jahren deutlich steigen. Um ihnen altersgerechtes und barrierefreies Wohnen zu ermöglichen, werden zusätzliche Investitionen notwendig. Darüber hinaus müssen seniorengerechte Angebote wie hauswirtschaftliche Dienstleistungen, Kooperationen mit ambulanten Pflegediensten sowie angepasste Freizeitangebote bereitgestellt werden. Es kann davon ausgegangen werden, dass die Finanzierung dieser Maßnahmen weitgehend aus dem Gesamtbestand erfolgen muss. Schließlich ist der finanzielle Spielraum vieler Senioren in Mühlhausen eng begrenzt. Auch diese Herausforderung lässt sich durch größere Wohnungsunternehmen leichter realisieren.

Stadt- und Quartiersentwicklung muss vorangetrieben werden

Damit weiterhin möglichst auch junge Menschen sowie Familien mit Kindern in Mühlhausen leben wollen, sind hierfür geeignete Konzepte zu entwickeln und unter Mitwirkung der Wohnungsunternehmen umzusetzen. Auch das kostet Geld. Große und starke Wohnungsunternehmen bewältigen diese Herausforderungen besser
Diese Herausforderungen können zu einem Risiko für die Stabilität von WGM und SWG werden. Vor diesem Hintergrund liegt es nahe, die beiden Wohnungsunternehmen zu einer größeren Einheit zu verschmelzen, um so die großen Aufgaben besser zu bewältigen. Der Vorstand wies darauf hin, dass zum jetzigen Zeitpunkt SWG und WGM aus einer Position der Stärke zukunftsfähig verschmolzen werden können. Eine Fusion von bereits angeschlagenen Unternehmen hätte deutlich geringere Erfolgschancen und würde auch ein deutlich niedrigeres Kaufpreisangebot nach sich ziehen. Auch die aktuellen Zinskonditionen auf dem Kapitalmarkt bieten zurzeit optimale Rahmenbedingungen. „Aus diesen Gründen hat sich die WGM entschieden, zum jetzigen Zeitpunkt dieses Kaufpreisangebot abzugeben“, schloss der Vorstand seine Erläuterungen ab.

Mieter schützen

In ihrem Angebot verweist die WGM auch auf die Vorteile für die SWG-Bestandsmieter, die sich aus der satzungsgemäßen Bindung von Wohnungsgenossenschaften an die Mitgliederinteressen ergeben. Denn nur die genossenschaftliche Lösung garantiert, dass ohne Abstriche allein die Mieter- bzw. Mitgliederinteressen das Wohnungsangebot und dessen Ausrichtung bestimmen. Schon im Kaufangebot hat die WGM festgeschrieben, keine Erhöhung der Grundmieten - außerhalb von Modernisierungsmaßnahmen - in den nächsten fünf Jahren für die SWG-Bestandsmieter vorzunehmen. Darüber hinaus können diese Mieter Mitglieder der Genossenschaft werden und dafür ihre jeweilige Mietkaution in Genossenschaftsanteile umwandeln. Die WGM hat in den vergangenen fünf Jahren durchschnittlich 20,40 Euro in ihren Bestand investiert. Sie liegt damit weit über dem Durchschnittswert in Thüringen. Die WGM will diesen Weg fortsetzen und verpflichtet sich im Kaufangebot, auch zukünftig durchschnittlich 20 Euro pro Quadratmeter für die Instandhaltung und Modernisierung der erworbenen Wohnungen aufzubringen – zunächst bis Ende 2019.

Zukunftsfähigkeit schaffen

Darüber hinaus könnte der Verkauf der SWG die Entschuldung der Stadt ermöglichen, die zurzeit (Plan zum 31.12.2014) ca. 17,4 Millionen Euro beträgt und allein in 2014 mit einer Zinsbelastung von rund 788.000 Euro verbunden ist. Der Verkauf könnte also Spielräume für notwendige Investitionen in eine zukunftsfähige Stadtentwicklung schaffen. Darüber hinaus will die WGM – wie bisher auch - möglichst heimische Anbieter bei der Vergabe von Aufträgen besonders berücksichtigen.

Arbeitsplätze sichern

Ebenso sichert die WGM bereits im Kaufangebot die sozialverträgliche Integration der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu einem leistungsfähigen Team als weitere wesentliche Rahmenbedingung zu. Vor allem verpflichtet sie sich, alle bei der SWG zum 01.01.2015 beschäftigten Arbeitnehmer für mindestens weitere fünf Jahre zu mindestens gleichen Bedingungen wie bei der SWG zu beschäftigen. Dem SWG-Geschäftsführer wird angeboten, Mitglied des Vorstands zu werden und der Aufsichtsrat der WGM soll ab der auf den Kauf folgenden Wahlperiode um zwei Mitglieder erweitert werden. Dabei wird der WGM-Vertreterversammlung empfohlen, die zusätzlichen Mitglieder aus dem bisherigen SWG-Aufsichtsrat zu wählen.

Weiteres Verfahren

Die geplante Verschmelzung der SWG auf die WGM erfordert Beschlüsse des Stadtrates und der Vertreterversammlung der WGM bis Anfang Juli 2015. Insoweit müssen bis dahin mögliche Verhandlungen abgeschlossen werden.
Ausdrücklich wies der Vorstand darauf hin, dass die WGM selbstverständlich zu weiteren Erklärungen und Erläuterungen zum Beispiel vor den Mitgliedern des Stadtrates oder des SWG-Aufsichtsrates bereit sei. Und er verband dies mit dem Wunsch auf eine sachliche Diskussion in Politik und Öffentlichkeit. Schließlich gehe es um eine wichtige Zukunftsfrage für die Mieterinnen und Mieter sowie der Stadt Mühlhausen insgesamt.
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