Nicht allein: Unterstützung für Demenzkranke und Angehörige

Wer sich in das Demenz-Netzwerk des Landkreises Nordhausen einbringen möchte, kann sich bei ­Susanna Riemann-Störr im Pflegestützpunkt des Landratsamtes in der Behringstraße 3 melden.
 
Alltagskompetenzen gehen bei Demenzkranken langsam verloren. Ein großer Kalender zum Beispiel hilft bei der Orientierung.
 
Der Uhrentest wird zur Früherkennung von Demenzerkrankungen eingesetzt. Es soll eine Uhr augzeichnet werden. So sind Defizite in der räumlichen Vorstellungs- und Darstellungskraft zu erkennen.

„Lokale Allianzen“ bündeln die Hilfsangebote für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen – Auch der Landkreis Nordhausen baut ein solches Netzwerk auf.

Die Diagnose Demenz erzeugt Angst. Was geschieht, wenn die Krankheit nach und nach das Gedächtnis auslöscht, das Leben ­radikal verändert? Wie ist der Alltag zu planen, die Pflege zu organisieren? Um Betroffene und ihre Familien in dieser Situation nicht allein zu lassen, fördert ein Bundes­programm den Aufbau ­sogenannter „­Lokaler Allianzen für Menschen mit Demenz“. Auch in Thüringen werden solche Hilfsnetzwerke geknüpft, unter anderem im Landkreis Nordhausen. Redakteurin Sibylle Klepzig traf Susanna Riemann-Störr, die Ansprechpartnerin für das Projekt im Landratsamt Nordhausen.

Im Nordhäuser Pflegestützpunkt beraten Sie Pflegebedürftige und deren Angehörige. Wie oft dreht es sich dabei um das Thema Demenz?
Immer häufiger. ­Mittlerweile geht es in jedem zweiten unserer ­Beratungsgespräche um Demenz­erkrankungen. Das Erschreckende: Es gibt zunehmend auch jüngere Betroffene, 40-, 50-, 60-Jährige. Wir arbeiten bereits eng mit der Thüringer Alzheimergesellschaft zusammen. Mit Partnern wie dem Mehrgenerationenhaus, der Nordthüringer Lebenshilfe, dem Südharz-Krankenhaus und dem Sozialpsychiatrischen Dienst des Gesundheitsamtes haben wir ein loses Netzwerk mit Hilfsangeboten geschaffen. Das wollen wir jetzt im Rahmen des Bundesprogramms ausbauen.

Sie suchen also weitere Mitstreiter?
Ja, es gibt im Landkreis sicher Menschen, die sich für das Thema engagieren, die wir aber noch nicht kennen. Das können kleinere freie Träger sein oder Ehrenamtliche, die Demenzkranke in der Nachbarschaft versorgen. Wir freuen uns über jeden neuen Kontakt, um auch auf dem Land mehr Hilfsmöglichkeiten aufzeigen zu können. Hier gibt es noch Nachholbedarf.

Aber funktioniert die gegenseitige Hilfe im Dorf, wo jeder jeden kennt, nicht ohnehin?
Jein. Die Leute trauen sich meist nicht, sich zu öffnen.
Wir haben festgestellt, dass sich Menschen in der Stadt schneller Hilfe holen, offener mit der Krankheit umgehen.Auf dem Land sollen die Nachbarn oft nichts davon erfahren. Denn viele reagieren komisch, weil sie den Krankheitsverlauf nicht kennen. Die Angehörigen schämen sich dann und ziehen sich zurück. Das führt immer mehr zur sozialen Isolation.

Fehlt es an Feingefühl gegenüber Demenzkranken?

Manchmal schon. Betroffene bekommen durchaus Ablehnung zu spüren. Zum Beispiel das Ehepaar, das in seinem Stammrestaurant nicht mehr erwünscht ist, weil er plötzlich mit Fingern isst. Oder der Mann, der im Supermarkt mit Polizeiaufgebot vorgeführt wird, weil er einen Schoko­riegel eingesteckt hat. Er wusste einfach nicht mehr, dass man den bezahlen muss. Dabei hätte seine Frau die Summe sofort beglichen und sich entschuldigt. Man muss das Paar nicht vorführen.

Sensibilität ist wichtig

Wie wollen Sie das gesellschaftliche Verständnis verbessern?
Wir werden in den Kommunen Veranstaltungen anbieten, in denen wir nicht nur mit Fakten aufklären, sondern auch auf emotionaler Ebene schildern, was die Familien durchmachen. Wir möchten die Menschen sensibilisieren. Denn jeder kommt irgendwie mit dem Thema in Berührung – der Busfahrer, der Postbote, der Fleischer. Auch die Bäckersfrau. Sie sollte spüren, dass etwas nicht stimmt und nachfragen, wenn die ältere Dame, die alleine lebt, täglich 30 Brötchen kauft. Vor allem bei jüngeren Demenzkranken fehlt es im Umfeld an Akzeptanz. Sie sind körperlich gut drauf, fahren Rad, bewirtschaften den Garten. Die anderen denken: 'Der sieht doch gut aus, ist aktiv und braun gebrannt. Der soll krank sein?'

Wie unterstützen Sie Betroffene?
Sobald der Verdacht auf Demenz oder die medizinische Diagnose vorliegt, suchen wir im Pflegestützpunkt gemeinsam nach individuellen Lösungen. Für viele ist die Beantragung einer Pflegestufe ein wichtiger Schritt, um Dienstleistungen wie Kurzzeit- oder Verhinderungspflege in Anspruch nehmen zu können. Wir beraten, welche Dienstleister zur Verfügung stehen. Sehr gut angenommen wird die von uns entwickelte „Demenz-Mappe“, die wir beim ersten Besuch mitgeben. Sie bündelt Informationen zur Krankheit, zu Leistungsansprüchen und Hilfsmöglichkeiten. Auch Fachliteratur und Filme sind bei uns auszuleihen.


Geht es nicht darum, dass Demenzkranke so lange wie möglich selbstbestimmt leben können?
Natürlich und das wird durch sogenannte niederschwellige Angebote unterstützt, zum Beispiel durch wie Einkaufs- und Putzhilfe. Es gibt Dienstleister, die Demenzerkrankte begleiten. Vom Mehrgenerationenhaus zum Beispiel kommen Mitarbeiter nach Hause, um nicht für, sondern mit den Betroffenen zu putzen. Wichtig ist, dass sie noch mitgenommen werden im Leben. Es geht nicht darum, dass man ihnen alles abnimmt, sondern dass man sie selbstbestimmt und selbstständig erhält, sie begleitet und immer wieder animiert. Dass jemand da ist. Das ist für einen pflegenden Angehörigen die größte Belastung, weil er oder sie eigentlich 24 Stunden im Einsatz ist. Der Demenzerkranke baut immer mehr ab, erkennt mich nicht mehr und das ist natürlich auf der emotionalen Beziehungsebene für den Angehörigen sei es das Kind oder der Ehepartner der schwierigste Part.

Zurück in die Vergangenheit


Wie kann man in dieser Phase den Demenzkranken erreichen?

Bei jedem ist es anders. Man muss den Demenzerkrankten beobachten, die Biografie kennen. Damit man weiß, was ist wichtig. Zum Beispiel eine Frau, die mit Leib und Seele Kindergärtnerin war, der kann man wahrscheinlicht mit einer Puppe eine Freude bereiten, weil sie dann die Fürsorge weiterhin tragen kann, oder mit Kinderliedern, weil sie Erinnerungen wachrufen. Man muss ergründen, was dem Menschen immer Freude bereitet hat und es einfach probieren. Manchmal sind es ganz simple Sachen aus der Vergangenheit. Es lohnt, ein bisschen selbst zu fantasieren, um die Ecke zu denken, andere Sichtweisen zu entwickeln. Der Erkrankte kann sich nicht mehr verändern. Es liegt an dem Gesunden, sich auf ihn einzustellen, auf die Sprache, auf den Lebensabschnitt, in dem er sich gerade bewegt.

Aber genau das ist ja so schwer für Angehörige, dass logische Erklärungen nicht mehr weiterhelfen...

Genau. „Ich habe dir doch das schon zehnmal gesagt. Jetzt ist es aber gut.“ Immer wieder wird das Defizit vor Augen geführt. Keine Frage, es kostet den Angehörigen Kraft, immer wieder von neuem die Frage so zu beantworten, als wäre es für einen das erste Mal. Aber es ist der einzige Weg.
Es gibt ein Buch, das heißt „Das Herz wird nicht dement“. Kann der Kranke auch meine Worte nicht verstehen, so wird er aber den Klang meiner Worte hören, er wird wahrnehmen, ob ich wütend bin, ob ich Freude habe. Er wird meine Augen sehen und ihren Ausdruck bewerten. Ein Demenzkranker wird eher diese emotionale Wahrnehmung haben und daraus schlussfolgern: Was ist jetzt? Habe ich jetzt was verkehrt gemacht? Mein Gesichtsausdruck, meine Mimik und Gestik werden ein Spiegel sein.

Wie schwer fällt es Angehörigen, sich zu öffnen?

Es sind lange Gespräche, die wir führen. Bei Bedarf machen wir auch Hausbesuche. Es dauert seine Zeit, bis sich Menschen emotional öffnen und bereit sind preiszugeben, was sich alltäglich abspielt. Denn die Umstände sind schwierig, weil einfach die Hilflosigkeit überwiegt. Auf der einen Seite der Partner, der alles macht, nachts kaum noch schläft, weil er immer ein Ohr auf den Kranken richtet und irgendwann erschöpft oder frustriert ist - auf der anderen Seite der Kranke, der vielleicht aggressiv reagiert. Nach so intensiven Gesprächen besteht oft über Jahre Kontakt, kommen die Menschen immer wieder, zum Beispiel wenn sich die Phase der Krankheit verändert.

Unüberwindbare Türschwelle

Sie geben Angehörigen Hinweise, wie sie mit der Belastung umgehen können?
Im Leistungsspektrum für Menschen mit Demenz hat sich in den vergangenen Jahren sehr viel zum Positiven verändert. Duch die Pflegestufe 0 erhalten auch sie finanzielle Unterstützung, können den Demenzkranken auch mal zur Betreuung abgeben und sich selbst mal zwei Tage in die medizinische Versorgung begeben oder Urlaub machen. Neu ist zum Beispiel das Ratzeburger Modell, dabei können Angehörige mit dem Demenzkranken zusammen eine Kur machen, die mehr auf die Angehörigen ausgelegt ist. Damit sie zur Ruhe kommen. Sie lernen dort besser, mit Demenz umzugehen und der Betroffene wird dort betreut.
Wir geben auch Hinweise zur Wohnraumanpassung. Wie strukturiere ich mein Wohnumfeld, mache ich erkennbar, was ist was? Was sind Schwierigkeiten, Sturzgefährdungen? Wir hatten mal jemanden, der ist von heute auf morgen nicht mehr zur Tür herausgekommen, wollte nicht mehr aus dem Raum. Die Türschwelle hat er in seinem Kopf als so hohe Barriere wahrgenommen, dass er dachte, er kommt aus dem Zimmer nicht mehr raus und bekam aggressive Anfälle. Als die Türschwellen überall entfernt wurden, war das Problem gelöst. Das ist manchmal ganz banal. Man muss nur drauf kommen.

Wie früh sollte man mit der Aufklärung über das Thema Demenz beginnen?
Auch Kinder werden damit konfrontiert. Also muss es auch schon in die Schulen anfangen. Zum Vorlesetag lese ich in Grundschulen aus dem Buch „Als Oma komisch wurde“. Damit Kinder lernen, da steckt eine Krankheit dahinter.
Der Film „Honig im Kopf“ hat das Thema einer breiten Masse zugänglich gemacht. Er gibt einen Eindruck, was die Krankheit bedeuten kann. Diejenigen, die es selbst erleben, finden es natürlich nicht so lustig wie im Film. Eine Tragödie aber hätte wohl nie die Zuschauerzahlen erreicht. Und es ist wichtig, dass in der Gesellschaft über Demenz gesprochen wird.

Lokale Allianzen für Menschen mit Demenz in Thüringen

Landkreis Nordhausen, Pflegestützpunkt, Tel. 03631/91 15 63
Caritativer Pflegedienst Eichsfeld, Tel. 03 60 76 / 99 31 67
Malteser Hilfsdienst e. V. Erfurt, Tel. 03 61 / 3 40 47 - 81
• AWO Kreisverband Erfurt e.V., Tel. 03 61 / 2 13 00 04 00
• Diakonische Bildungsinstitut Johannes Falk, Eisenach, Tel. 0 36 91 / 81 02 00
• Innova Sozialwerk e. V. Altenburg, Tel. 0 34 47 /  8 51 80
• Saale-Neckar-Diakonie Bad Lobenstein, Tel. 03 66 51 / 3 98 90
• Stadtverwaltung Gera, Dezernat Soziales, Tel. 0365/ 8 38 - 30 20
• Ökus e. V. Unterwellenborn, Tel. 0 36 71 / 46 34 0
• Alzheimer Gesellschaft Thüringen e. V., Tel. 03 61 / 2 10 31 - 555

Weitere Informationen: www.wegweiser-demenz.de
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