City unplugged in Thüringen: Berliner Band feiert mit Fans 40 Jahre "Am Fenster"

„Einmal wissen, dieses bleibt für immer“ – City steht in der Urbesetzung auf der Bühne, in der die Band „Am Fenster“ in Berlin 1977 eingespielt hat. Von links:Manfred Hennig (Keyboard), Fritz Puppel (Gitarre), Toni Krahl (Gesang), Klaus Selmke (Schlagzeug) und Georgi Gogow „Joro“ (Bass, Geige). (Foto: MDR/Junghans)
 
1972 gründete Gitarrist Fritz Puppel mit Schlagzeuger Klaus Selmke die City Band Berlin. Der 72-Jährige joggt beinahe täglich um die acht Kilometer und liebt Cowboyhüte. „Seit ich Bio-Glatze trage, ist das meine Bühnenfrisur.“ Sein bester Freund ist Dieter „Maschine“ Birr von den Puhdys, seit beide in der Beatband „Luniks“ spielten (1963-65). (Foto: MDR/Junghans)
 
Während der Unplugged-Tour zum Jubiläum der Hymne ist auch die "Am Fenster"-Trilogie zu hören, wie sie vor 40 Jahren eine komplette Albumseite füllte.

Anfangs wollte das Lied keiner haben, dann wurde "Am Fenster" über Nacht Kult. City-Gründer Fritz Puppel nennt es gar ein Geschenk des Himmels. 1977 wurde "Am Fenster" auf Schallplatte veröffentlicht. Zum 40. Geburtstag widmet City der Hymne eine Unplugged-Tour, macht im Januar Bad Langensalza, Arnstadt und Suhl Station und im Mai (mit neuem Album) in Erfurt. Vorab spricht Gitarrist Fritz Puppel über die Entstehungsgeschichte, unerklärliche Magie und eine pikante Entdeckung.

„Am Fenster“ entstand in einem Berliner Proberaum, noch bevor Toni Krahl bei City sang...
Es war im April 1974, wir haben jeden Tag geprobt, viel experimentiert. Unser damaliger Sänger Emil Bogdanow hatte die Idee, neben dem Hardrock mal ein bisschen Folkmusik zu machen mit akustischen Gitarren. Heute würde man unplugged sagen. Schlagzeuger Klaus brachte eine Geige mit, die ihm sein Onkel geschenkt hatte. Und plötzlich stellte sich heraus, dass unser Bassist auch Geige spielt. Bei diesem Experiment entstand „Am Fenster“.

Der Text ist ein Gedicht von Hildegard Maria Rauchfuß. Wie fand das zu Euch?
Wir haben damals nicht nur eigene Texte vertont, sondern auch überall herumgehorcht und in der Literatur gesucht. In einem Lyrikband wurden wir fündig. Man hört dem Lied ja an, dass es nicht die gewöhnliche Struktur mit Strophen und Refrain hat, dass es experimentell ist. Bei der Plattenfirma Amiga und beim Radio schlug man deshalb die Hände über dem Kopf zusammen: Sieben Minuten sind zu lang. Und was für eine Musikrichtung soll das überhaupt sein? Das brauchen wir nicht!

Für City war das aber noch lange kein Grund, das ­Fenster zu schließen?

Wir haben uns nicht beirren lassen. Auch nicht, als sich Sänger Emil nach Schweden absetzte. 1975 nahm Toni Krahl dessen Stelle ein und wir spielten „Am Fenster“ bei unseren Konzerten. 1976, als wir mal wieder im Aufnahmestudio standen, bot sich eine Chance. Die geplante Liedaufnahme war fertig und noch Studiozeit übrig. Da baten wir den Tonmeister: Stell einfach mal die Instrumente ein, wir wollen ein gutes Demo von „Am ­Fenster“ machen. Er drückte den Knopf mit zwei Spuren und ging. Wir spielten drauflos, einfach so. Wie live in einem Stück. Da war plötzlich so eine Magie. Alle Leute, die den Song kennen, kennen genau diese Aufnahme. Wir hatten uns vorher nicht großartig Gedanken gemacht oder es 100 Mal probiert. Es war einfach einmalig – für uns ein Geschenk des Himmels.

Wie kam die Demo-Version auf eine Schallplatte?
Weil sie keiner haben wollte, baten wir einen befreundeten Rundfunk­redakteur, die Aufnahme mal im Radio laufen zu lassen. Das hat er in irgendwelchen Nachtsendungen getan. Peter Schimmelpfennig, ein Musikmanager aus dem Westen, der das Lied zufällig hörte, wollte es unbedingt veröffentlichen. So geriet Amiga unter Zugzwang. 1977 wurde die Single, 1978 die LP gepresst und wir waren über Nacht gefragt. Im Osten wie im Westen, ja europaweit ist das Lied raketenmäßig abgegangen. Ohne Übersetzung, ohne Marketing. Das war verrückt.

„Am Fenster“ beschreibt das intensive Fühlen, die Stimmung eines Augenblicks. Ist es diese Melancholie, die Menschen über Generationen anspricht?
In dem Song steckt eine gewisse Magie, eine Art Geheimnis. Jeder empfindet da etwas anderes. Wir glauben, wir könnten das Lied an jedem Punkt der Erde spielen, die Leute wären davon fasziniert. Keiner weiß warum. Man kann nicht mit dem Rechenschieber rangehen und eins und eins zusammenzählen. Das ist einfach so. Deshalb ­reden wir von einem ­Geschenk. Da hat uns der Himmel geküsst.

Wie reagierte die Dichterin?
Sie war verblüfft. Die Schriftstellerin hatte an dieses Gedicht gar nicht mehr gedacht. Sie erzählte uns, dass sie es in den 50er-Jahren geschrieben hatte – nach einer Trennung: „Einmal wissen, dieses bleibt für immer…“ Im Jahr 2000 ist Hildegard Maria Rauchfuß gestorben. Auf der Beerdigung erzählte uns die Tochter, dass auf dem Schreibtisch ihrer Mutter der Text von „Am Fenster“ lag.

Zwischendurch gab es eine Zeit ohne Geiger Georgi Gogow in der Band. Lag da „Am Fenster“ auf Eis?
Nein, wir haben es trotzdem gespielt, die Geige am Keyboard imitiert. Wir wollten keinen Vergleich haben zur Besetzung mit Joro, spielten ohne Bass und Geige, konzentrierten uns mehr auf das Keyboard. In dieser Phase entstand das Album ­„Casablanca“.

Toni Krahl beschreibt in seinem Buch „Rocklegenden“, dass auf der Hamburger Reeperbahn Prostituierte den Song als Begleitmusik sehr schätzten. Stimmt die Geschichte?
Ja, dafür bürge ich. (lacht) Das war 1978 oder 79. Gerade bekannt geworden, traten wir auch in Hamburg auf. Wir waren schüchtern, aber auch neugierig. Dachten Wunder was da auf der Reeperbahn passiert. Also legten wir zusammen und delegierten Klaus, es herauszufinden. Er sollte unser Kolumbus sein, der Entdecker dieses fremden Planeten. Er kam unverrichteter Dinge zurück, hatte stattdessen Autogramme gegeben. Wir konnten nicht fassen, was er berichtete: Die Damen legten zum Liebesspiel unser „Am Fenster“ auf.

Die Band City besteht 2017 seit genau 45 Jahren. Ist das nicht auch ein Grund zum Feiern?
Ja, aber das ist uns nicht so wichtig. Das ist einfach nur eine Zahl. 40 Jahre „Am Fenster“ dagegen – das Jubiläum einer Hymne – das hat emo­tionale Kraft. Viele Leute teilen uns mit, was sie mit diesem Lied erlebt haben. Es wird zur Geburt gespielt, zu Hochzeiten, zu Todesfällen. Das Lied hat kein Verfalls­datum, es ist zeitlos.

Seit 40 Jahren geben Sie kaum ein Konzert ohne „Am Fenster“. Wie viele Stunden Ihres Lebens haben Sie es wohl gespielt?
Es waren geschätzt 5000 Konzerte, davon jeweils 10 Minuten „Am Fenster“... Aber wir werden nicht müde, das zu spielen. Es ist jedes Mal wie ein Blind Date. Wir wissen nur, wir haben eine Verabredung mit jemandem. Wir wissen nicht, wer dieser Jemand – das Publikum – ist. Man gibt sich hin, will den besten Eindruck erreichen und guckt, was der Partner des Blind Dates macht. Jeder Abend ist anders. Sicher nur minimal, aber immer spannend. Zum Jubiläum spielen wir die Trilogie – Tag, Tagtraum und Am Fenster, also die komplette, fast 18 Minuten lange Albumseite von damals.

Termine

• 21. Januar, Bad Langensalza, Kultur- und Kongresscentrum, 19.30 Uhr
• 22. Januar, Arnstadt, Theater, 18 Uhr
• 28. Januar, Suhl, CCS, 20 Uhr

• 13. Mai, Erfurt, Alte Oper, 19.30 Uhr - Tour zum neuen Album
Karten an allen bekannten VVK-Stellen und unter www.ticketshop-thueringen.de

https://www.youtube.com/watch?v=iGu68qQL7bM
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