„Erinnerung ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe“

Interessierte Nachfragen aus dem Publikum zur Geschichte des KZ Mittelbau-Dora: Gedenkstättenleiter Dr. Jens-Christian Wagner beim Nordhäuser Flohburg-Gespräch. Foto: Andreas Froese-Karow, KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora
Nordhausen: Flohburg |

Beim Nordhäuser Flohburg-Gespräch zum 70. Jahrestag der Gründung des KZ Mittelbau-Dora blickte Gedenkstättenleiter Dr. Jens-Christian Wagner auf aktuelle und zukünftige Herausforderungen des Umgangs mit der NS-Geschichte

Anlässlich der Ankunft des ersten Häftlingstransports aus dem Konzentrationslager Buchenwald am Kohnstein vor genau 70 Jahren sprach Gedenkstättenleiter Dr. Jens-Christian Wagner am vergangenen Mittwoch vor rund 80 Zuhörern im Museum Flohburg über die Bedeutung des KZ Mittelbau-Dora für die Nordhäuser Stadtgeschichte. Anschließend stellte er sich den interessierten Nachfragen des Publikums und von Museumsleiterin Dr. Cornelia Klose.

„Das Konzentrationslager Mittelbau gehörte damals für jedermann sichtbar zur Region dazu“, berichtete Wagner. Er verwies auf die zahlreichen Gruppen von KZ-Häftlingen, die täglich von Wachleuten durch die Straßen der umliegenden Städte und Gemeinden zur Zwangsarbeit auf Baustellen und in Firmen getrieben wurden. Auch die bauliche Errichtung des Lagers und seine ständige Belieferung mit Gütern und Rohstoffen aus der näheren Umgebung habe vielen Firmen wirtschaftliche Profite beschert: „Allein das Hauptlager am Kohnstein war durchschnittlich mit etwa 15.000 Häftlingen belegt: Das entspricht der Größe einer kleinen Stadt, die versorgt werden musste“, erklärte Wagner. Hinzu kamen rund 40 Außenlager in der Umgebung, die die Region Südharz ab Frühjahr 1944 in eine dicht vernetzte KZ-Landschaft verwandelten.

Das Lagersystem habe die Gegend um Nordhausen binnen kurzer Zeit und nahezu allgegenwärtig durchdrungen. Deshalb dürfe sich das heutige Gedenken nicht allein auf das Gelände und die Institution der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora beschränken. „Erinnerung ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe“, meinte Wagner. Auch Schulen und andere Bildungsträger, politische Vertreter, kulturelle Einrichtungen und vor allem die Eltern seien dabei gefragt.

Die Schändungen der Gedenkstätte und des Ehrenfriedhofs durch Schmierereien in den vergangenen Jahren seien sichtbare Belege für das Fortdauern rechtsextremer Einstellungen. Ebenso gefährlich sei es, die nationalsozialistische V-Waffen-Produktion zu einer technischen Ingenieursleistung zu mythisieren: „Das einzige Produkt am Kohnstein war der massenhafte Tod von KZ-Häftlingen."

Das nachbarschaftliche Verhältnis zwischen der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora und der Stadt Nordhausen habe sich erfreulich entwickelt, so Wagner. Fortschritte sieht er vor allem bei der gemeinsamen Organisation von Veranstaltungen. Er kündigte an, die Gedenkstätte werde diese Zusammenarbeit weiter vertiefen: „Wir verbarrikadieren uns nicht am Kohnstein, sondern suchen das Gespräch mit den Bürgern auch gerne mitten in der Stadt."

Für die Zukunft wünscht sich der Historiker unter anderem eine bessere Anbindung der Gedenkstätte an den öffentlichen Nahverkehr. Um die Zusammenarbeit mit Vereinen, Bürgerinitiativen, Bildungs- und Kultureinrichtungen zu vertiefen, hofft er auf ein engagiertes öffentliches Interesse an der Gedenkstätte auch außerhalb der offiziellen Gedenktage. Den umliegenden Gemeinden, die die Errichtung von Gedenkorten an den ehemaligen Standorten von Außenlagern planen, bot er eine Mithilfe der Gedenkstätte an: „Wir stehen Ihnen gerne beratend zur Seite."

Weitere Infos unter: www.dora.de
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