Heinz Rudolf Kunze im Interview: Ich bin ein Dichter von Beruf

Wann? 28.09.2014 19:00 Uhr

Wo? Bürgerhaus, Nicolaiplatz, 99734 Nordhausen DE
Heinz Rudolf Kunze, Jahrgang 1956, stellt seinen Roman vor. Foto: Martin Huch (Foto: Foto: Martin Huch)
 
Der Roman „Manteuffels Murmeln“ erschien im Aufbau-Verlag. Die Geschichte: Zwei Männer, Manteuffel und Gruber, liegen mit einer Schusswunde im Krankenhaus. Gemeinsam versuchen sie, sich über ihre Situation klarzuwerden. Die rätselhafte Frau Minze treibt sie an, nach der Wahrheit zu suchen. Weiteres Personal: ein gewisser Doktor John Lennon und eine wie Joni Mitchell aussehende Krankenschwester. (Foto: Aufbau-Verlag)
 
Nach der Idee von Heinz Rudolf Kunze entstand jetzt das erste Vorleseabenteuer um den Quallenjungen Quentin mit Lieder-CD. Die Bilder zeichnete Illustratorin Julia Ginsbach. Cover: Loewe-Verlag (Foto: Loewe-Verlag)
Nordhausen: Bürgerhaus |

Heinz Rudolf Kunze schreibt über Seelennöte, aber nicht über die eigenen. Am 28. September stellt er in Nordhausen beim 9. poeTon-Musikfestival seinen Roman "Manteuffels Murmeln" vor. Redakteurin Sibylle Klepzig sprach mit dem Rockmusiker und Schriftsteller vorab.

Warum spielt Ihr Roman ausgerechnet im Krankenhaus?
Weil ich eine Situation brauchte, in der es glaubwürdig klingt, dass zwei Leute sich merkwürdige Geschichten erzählen. Die beiden sind ja verletzt und rekonvaliszieren ganz langsam. Deswegen haben sie viel Zeit, über Gott und die Welt zu plaudern.

War der Gedanke an weiße Kittel keine Seelenqual für Sie als Hypochonder?

Nein, ich habe mich nicht besonders gequält beim Schreiben – seelisch jedenfalls nicht, handwerklich schon. Ich glaube, die meisten Leute machen sich eine falsche Vorstellung. Sie denken, alles, was man zu Papier bringt, ist irgendeine Art von öffentlichem Tagebuch und handelt von eigenen Seelennöten. Aber ich bin nun mal ein Dichter von Beruf. Ein Erfinder von Situationen und Geschichten, in denen ich das eigene Leben nur manchmal als Bruchstück mit nutze.

Aber Sie sind doch Hypochonder, oder?
Ja, und ich werde regelmäßig von meinem Vertrauensarzt gelobt, weil er sagt: Sie sind so empfindlich, sie kommen gleich immer mit den ersten Anzeichen, sie werden wahrscheinlich 100 Jahre alt. Im Grunde ist das also ein gutes Frühwarnsystem.

Ihre Romanfigur Manteuffel fantasiert nach der Betäubung, verwechselt sich mit verstorbenen Gitar­risten der 60er- und 70er-Jahre. In wessen Haut würden Sie gern einmal schlüpfen?
Oh, da fallen mir zig Leute ein, die mich interessieren würden – sowohl Schriftsteller als auch Musiker als auch Künstler anderer Art. Ich habe eine riesige Musiksammlung und könnte da wirklich viele Namen nennen. Das ist so, als würden Sie Reich-Ranicki nach seinem Lieblingsbuch fragen... Also, ich würde schon neugierig sein, mal ein paar Tage in der Haut von Bob Dylan zu verbringen oder von Neil Young oder von Pete Townshend, meinem größten Helden.

12 Bücher, über 30 Alben, dazu Musicals – gehen ­Ihnen nie die Worte aus?

Nein, das ist wirklich ein Problem, das ich nicht habe. Dass mir etwas einfällt, ist Gott sei Dank regelmäßig der Fall, praktisch täglich. Ich lasse halt jeden Einfall zu. Sobald sich etwas meldet, sobald etwas aufblitzt, schreibe ich das gleich auf.

Inspiriert Sie ein weißes Blatt Papier?
Nein, genau diese Situation versuche ich zu vermeiden. Denn das weiße Blatt, wenn ich mich einfach nur tatenlos davor setze, ist schon eine Provokation und das hemmt mich. Ich warte eigentlich, bis der Einfall sich meldet und dann stürze ich zu einem Blatt.

Diese Produktivität verlangt selbst von einem Poeten Disziplin. Wie sieht Ihr Arbeitstag aus?
Sicherlich lebe ich nicht so chaotisch und in den Tag hinein, wie man sich das von Rockmusikern vielleicht als Klischee vorstellt. Ich stehe relativ früh auf, gegen acht. Da lachen natürlich normale Arbeitnehmer, das ist mir klar. Aber für einen Musiker ist das schon relativ früh. Ich bin ein Tagesarbeiter. Also abends arbeite ich nur, wenn ich auf der Bühne bin. Wenn’s ums Erfinden geht, ums Komponieren, ums Texten mag ich doch gerne Tageslicht. Und wenn ich zu Hause bin, dann halte ich es ähnlich wie Thomas Mann und Berthold Brecht, von denen ich gelesen habe, dass sie so gegen 18 Uhr den Stift haben fallen lassen und sich ihrer Freizeit zuwandten.

Brauchen Sie absolute Ruhe für Ihre Kreativität?
Nein. Ich kann es mir nicht leisten, auf die Situationen zu warten, in denen es absolute Ruhe gibt. Weil ich doch die Hälfte des Jahres unterwegs bin. Da muss man dann schon lernen, auch auf dem Beifahrersitz im Auto zu schreiben, oder im Hotelzimmer. Oder auch in der Garderobe, wenn man diese furchtbare tote Zeit hat zwischen dem Soundcheck und der Aufführung.

Und zu Hause im Arbeitszimmer schalten Sie Musik an.

Ja, das stimmt. Ich schreibe sehr oft bei Musikbegleitung. Am liebsten bei Ambient Musik von Brian Eno oder solchen Leuten, die ja fließt und nicht so einen starken Beat hat. Denn wenn ich Rockmusik höre mit einem klaren Vier-Viertel-Takt und habe gerade ein anderes Metrum im Kopf für Verse, dann fängt es an zu holpern. Also dann wähle ich lieber eine sehr ruhige Musik.
Ich habe auch sehr oft den Fernseher an, allerdings meist ohne Ton, um ein paar Bilder von der Außenwelt in meinem Arbeitszimmer zu haben. Und das bringt mich auch oft auf Ideen. Also, was ich da sehe, finde ich sehr inspirierend und sehr anregend, gerade ohne Ton, weil man sich da oft etwas anderes dazu denkt, als worum es eigentlich geht.

Apropos Fernsehen. Schon zweimal spielten Sie eine Gastrolle in der Serie „In aller Freundschaft“. Was reizt Sie an der Schauspielerei?

Das ist einfach eine Frage der Neugier. Ich habe seit Ende der 80er-Jahre sehr viel fürs Theater geschrieben, Musicals übersetzt, eigene Musicals geschrieben. Das heißt, ich habe mit der Schauspielerei-Welt schon sehr lange Kontakt. Aber bisher habe ich eben nur hinter den Kulissen für Schauspieler geschrieben und irgendwann hat mich einfach die Neugier gepackt und ich wollte mal wissen, wie das ist, wenn man selber die Sachen in den Mund nimmt und verkörpern muss.
Angefangen hatte ich im „Großstadtrevier“ mit Jan Fedder und Peter Heinrich Brix. Das war mein erster Fernsehauftritt. Dann kam der Dreh in der Sachsenklinik. Mit dem Team habe ich mich gleich beim ersten Mal angefreundet und dann gefreut, als sie mich noch einmal holten. Im Moment drehe ich gerade mit der „SOKO Wismar“ fürs ZDF und spiele einen sehr interessanten zwielichtigen Typen. Das ist jetzt das vierte Mal vor der Kamera. Ich genieße das sehr. Das ist ein Ausflug in eine andere Welt und man muss sich da anders konzentrieren als beim Musik machen im Studio.

Sind die neuen Medien, diese Flut und an Informationen, für Sie ein Fluch oder Segen?
Na ja, auf jeden Fall mindestens ein zweischneidiges Schwert. Man kann natürlich mit den neuen Medien auch gute Dinge anrichten. Zum Beispiel diese spontanen Hilfsaktionen bei den Fluten an Elbe und Oder, wenn sich über Facebook und Internet viele Leute zusammenfinden und helfen. Das ist natürlich mit den modernen Medien einfacher als früher. Aber dass man damit auch sehr viel Schaden anrichten kann, das wissen wir ja alle. Es hat aber wenig Sinn, darüber zu lamentieren, weil sich solche Entwicklungen erfahrungsgemäß ja nie zurückdrehen lassen. Man muss akzeptieren, dass es da ist und das Beste daraus machen.

Es scheint heutzutage eine Sucht, dass jeder zu jedem seine Meinung äußern muss...
Ich wundere mich manchmal schon, wie viel Zeit manche Leute haben. Eigentlich hat das der Kabarettist Dieter Nuhr auf den Punkt gebracht, wie man das nicht besser sagen kann: ‚In der Demokratie ist das Gute, man darf ja zu allem eine Meinung haben, man muss aber nicht.‘

Neuerdings schreiben Sie auch für Kinder. Gerade erschien das Kinderbuch „Quentin ­Qualle“ nach ihrer Idee. Wie kam es dazu?
Seit 30 Jahren haben mich immer wieder Leute angestoßen: Mach doch auch mal was für Kinder. Ja, wollte ich ja gerne. Mir fiel nur halt nichts ein. Vor drei Jahren ist endlich der Knoten geplatzt. Es machte Blub und die Gestalt Quentin Qualle tauchte vor mir auf. Dann auch sehr schnell seine Familie und seine Freunde. Ich schrieb ungefähr 30 Songtexte, die von dieser Meereswelt handeln. Um die herum baut mein Schlagzeuger Jens Carstens mit mir die Geschichten. Ich gebe also die Handlung mit vor. Er formuliert das aus .Die wunderbare Zeichnerin Julia Ginsbach hatte sofort einen Draht zu dieser Welt und macht die Figuren herrlich anschaulich. Ich finde, es ist nicht nur für die kleinen Kindern, sondern auch für die Erwachsenen ein Genuss, diese Bilder anzugucken. Man kann auch beim achten, neunten, zehnten Mal noch Details entdecken, die Julia da einbaut mit großer Genauigkeit und großem Witz. Bei dem Hörbuch bin ich der Vorleser, der Erzähler.

Jetzt sind Sie aber erst einmal mit „Manteuffels Murmeln“ auf Lesetour. Gitarrist Jan Drees begleitet Sie. Wird es eine musikalische Lesung?

Jan macht elektronische Gitarrenmusik. Es sind sehr angenehme Soundgebirge und -welten, die er da aufbaut – in der Stimmung von Pink Floyd oder Mike Oldfield. Er spielt zwischen den Texten, gibt den Leuten die Gelegenheit, ein bisschen durchzuatmen. Am Ende spielen wir ein paar meiner Lieder.

Termin:

9. poeTon-Musikfestival in Nordhausen, Bürgerhaus am Nikolai­platz
Am Sonntag, 28. September, ist Heinz Rudolf Kunze 19 Uhr mit seinem Buch "Manteuffels Murmeln" und dem Gitarristen Jan Drees zu Gast.
• Weitere Programmpunkte
25. September: 19 Uhr „Aktion Leichenhalle“, Lesung mit Prof. Hans-Hermann Krug
27. September: 20 Uhr „Steh auf & Scheine, Konzert mit Michy Reincke
Kartenvorverkauf: Stadt­information Nordhausen, Infos: www.nordhausen.de
Telefon 03631/696-221 oder -563
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2 Kommentare
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Dietmar Sommerlandt aus Gotha | 27.08.2014 | 10:54  
55
Dietmar Sommerlandt aus Gotha | 30.08.2014 | 10:32  
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