Pop-Musik für Erwachsene: Purple Schulz gastiert in Nordhausen

Wann? 19.09.2015 20:00 Uhr

Wo? Bürgerhaus, Nicolaiplatz, 99734 Nordhausen DE
Weil Rüdiger Schulz mit 13 Jahren die Verkäufer im einzigen Kölner Orgelgeschäft mit Interpretationen von Deep Purples "Child in time" nervt, erhält er den Spitznamen Purple. (Foto: Agentur)
Nordhausen: Bürgerhaus |

Kindern erzählt man Geschichten zum Einschlafen – Erwachsenen, damit sie aufwachen, sagt Purple Schulz. Im Interview spricht der Kölner Musiker und Songschreiber über das Leben, die Sehnsucht und vermissten Bürgermut.

Im September steht Ihr 59. Geburtstag an, gehen Sie gelassen ins 60. Lebensjahr?
Ja, sehr gelassen. Ich habe keine große Angst vorm Alter, fühle mich wie 30 Jahre jünger.

Inwiefern?
Vor allem wegen der Möglichkeiten, die sich bieten. Mir machen die Konzerte immer noch furchtbar viel Spaß. Ich bin gern unterwegs, hasse es zwar, auf der Autobahn zu sein, aber ich werde entschädigt durch die drei Stunden auf der Bühne. Im Moment sprudeln wir einfach über vor Ideen, schreiben schon am Konzept fürs nächste Album.

Wir – damit beziehen Sie Ihre Frau Eri ein, mit der Sie die Texte schreiben. Hat sie eine andere Sicht auf die Dinge?

Natürlich, erst einmal sind es die männliche und die weibliche Perspektive, die zusammenkommen. Das allein eröffnet schon neue Blickwinkel. Meine Frau ist eine hervorragende ­Beobachterin, sie war jahrelang Therapeutin.

Wie kann man sich die Zusammenarbeit vorstellen?
Wir sind seit 29 Jahren zusammen, seit 26 Jahren verheiratet – wir kennen uns einfach. Da ist es toll, wie die Gedanken ineinander­greifen. Natürlich gibt‘s auch Reibungspunkte. Aber spannend ist doch, was am Ende dabei herauskommt: Wir schaffen es, die Menschen mit unseren Geschichten sehr tief zu berühren. Das ist das Schönste, was man erreichen kann als Künstler.

Tief berührt zum Beispiel das Lied „Fragezeichen“, das die Gefühlswelt eines Demenzkranken schildert. Ein schweres Thema für einen Pop-Song.
Aber es gehört zum Leben unserer Generation. Darauf gekommen bin ich durch meinen Vater, dessen Parkinson-Krankheit mit einer starken Demenz einherging. Das erste Mal mit der Krankheit konfrontiert wurde ich schon im Alter von sieben Jahren – durch meine dementen Großeltern.
Auf meiner Senderreise quer durch Deutschland, auf der ich wirklich alle Radiostationen mit meinem aktuellen Album abgeklappert habe, musste ich leider auch hören, dass so ein Song sicher ein toller Song ist, aber nicht im Radio gespielt werden könne, weil er vom Thema her zu unsexy sei. So etwas macht mich sehr ärgerlich. Man kann das Thema Demenz nicht sexy aufarbeiten. Das Video wird mittlerweile von Dozenten in der Altenpflege eingesetzt, um Pfleger und Angehörige von Demenz-Patienten für das Thema zu sensibilisieren.

Video "Fragezeichen"

Ein anderes ernstes Thema – den Tod – sprechen Sie im Lied „Der letzte Koffer“ an.
Ich möchte den Leuten sagen, dass es nichts bringt, den Tod zu ignorieren, dass es wichtig ist, seine Dinge zu regeln und bewusst Abschied zu nehmen.
Der Tod ist immer eine Katastrophe. Aber mit einem Abschied können wir ihn viel besser begreifen.

Sind Sie ein melancholischer Mensch?
Oh, man kann mit mir auch wahnsinnig viel Spaß haben. Ich bin eigentlich ein sehr lustiger Mensch, wurde jetzt vom Weltparlament der Clowns sogar zum Ehrenclown ernannt. Aber ich mache mir meine Gedanken, wie meine Frau auch. Wir haben viel Spaß, können aber in bestimmten Momenten zusammen auch sehr traurig sein, uns gegenseitig auffangen. Das Leben ist einfach so. Leute, die immer gute Laune haben, sind mir suspekt.

Als Kölsche Jung wagen Sie sich sogar, den Kölner Karneval auf die Schippe zu nehmen. Ist das nicht gefährlich?
Ja, in Köln ist das gefährlich. Wer in Köln Erfolg haben will, muss das ganze Jahr „Alaaf“ sagen. (lacht) Aber ich habe da ein sehr ambivalentes Verhältnis dazu. Einerseits finde ich den Karneval sehr lustig. Anderereits habe ich viele Jahre mit dem ­Ensemble der Stunksitzung, dem studentischen Antikarneval, zusammengearbeitet. Ein paar Nummern aus der Zeit gibt‘s im aktuellen Programm.

Nicht fehlen wird auch Ihr größter Hit aus den 80ern: „Sehnsucht“. Wie steht es heute um dieses Gefühl?
Dieser Frage gehe ich gerade nach. Im Herbst soll dazu ein Buch erscheinen. Über meine Homepage hatte ich die Leute aufgerufen, mir ihre Sehnsuchtsgeschichten aufzuschreiben. Früher in der DDR haben sich vielleicht viele nach einem roten Golf gesehnt. Aber was passiert mit der Sehnsucht, wenn man den dann hat? Wonach sehnen sich die Menschen heute? An welchem Punkt wird die Sehnsucht zur Gier? Unsere Gesellschaft hat sich in den letzten 30 Jahren komplett verändert. Mittlerweile regiert die hemmungslose Gier des Kapitals. Das schlägt sich in so vielen Lebensbereichen nieder, dass es mir wirklich Sorgen macht.
Wir leben in einer komischen Zeit. Wenn wir uns überlegen, dass die Leute Textilkaufhäuser bei der Neueröffnung stürmen, weil es T-Shirts für 5 Euro gibt. Das kann eigentlich nicht sein. Kein Mensch kann für 5 Euro ein T-Shirt herstellen. Auf wessen Kosten passiert das? Wer bereichert sich hier an wem? Das sind alles Fragen, über die man sich Gedanken machen muss. Die sind auch entscheidend dafür, wohin wir gehen und was mit uns passiert.

„Wir könnten so viel bewegen mit dem, was uns bewegt“, ermuntern sie im Titel „Wir haben alle was zu sagen“...
Ja, aber es sagt keiner mehr was. In den 80ern hatten wir große Massenbewegungen – wie die Anti-Atomkraft- oder die Friedensbewegung. Jetzt leben wir in Zeiten, die schreien förmlich danach. Vom Freihandelsabkommen bis zum Problem der Flüchtlingspolitik ist es so viel, was die Menschen auf die Palme bringen müsste. Aber es passiert nichts. Früher gab es auch innerhalb der künstlerischen Gemeinschaft viele Leute, die einerseits sehr erfolgreich waren, aber andererseits auch sehr viel zu sagen hatten und sich eingemischt haben. Das, was man von der jüngeren Generation erwartet, dass sie sich einmischt, findet im Moment nicht statt. Ich höre sie gar nicht.

Sie wünschen sich mehr Bürgermut?
Ja, wünsche ich mir. Aber wir haben ja auch ganz wunderbare Sachen durch die vielen Ehrenamtler in Deutschland, ohne die dieses Land zusammenbrechen würde. Das muss man einfach mal so objektiv sagen. Es ist auch unheimlich schön zu sehen, dass es Initiativen gibt, die Flüchtlinge mit offenen Armen aufnehmen, mit Freundlichkeit und mit Hilfsbereitschaft. Wenn ich auf der anderen Seite bedenke, dass die einzige nennenswerte Massenbewegung der letzten Zeit die Pegida war, ach, da wird mir schon wieder ganz anders.
Also ich muss mich da immer sehr am Riemen reißen, dass ich mich nicht aufrege. Und ich versuche, vielen Dingen einfach mit Humor zu begegnen. Ohne Humor hält man es, glaube ich, nicht aus.

Ist es die Sehnsucht, die sie auch mal in ferne Länder treibt oder gar auf ein Kreuzfahrtschiff?
Ich spiele gerne auf Kreuzfahrtschiffen, es ist eine hervorragende Gelegenheit, mal rauszukommen, auch mal weiter wegzukommen. Ansonsten bietet mir meine Arbeit kaum Zeit, irgendwo hinzufahren. Vor kurzem war ich mit meiner Tochter mal für vier Tage in Holland, weil ich es ihr wirklich lange, lange versprochen hatte. Wir wollten einfach nochmal dorthin fahren, wo wir unseren allerersten Urlaub zusammen verbracht hatten. Meine Tochter ist mittlerweile 36.
Ansonsten arbeiten wir eigentlich das ganze Jahr durch. Wir sind ständig unterwegs, spielen Konzerte, sitzen im Studio oder feilen an neuen Ideen. Da ist so eine Kreuzfahrt, die man auch noch bezahlt bekommt, natürlich eine willkommene Abwechslung.

Nach gut drei Jahren mit Schrader als musikalischem Begleiter gehen Sie nun mit neuem Partner auf Konzertreise. Wer wird auf der Herbst-Tour an Ihrer Seite spielen?
"So und nicht anders! - Part Two" spiele ich mit Markus Wienstroer. Ein Glücksgriff ohne Ende. Markus ist ein hervorragender Violinist, spielt auch Gitarre und Banjo. Ist einer der gefragtesten Live- und Studiomusiker in Deutschland, hat mit Westernhagen gespielt, mit Till Brönner, Paul Kuhn, Christopher Cross. Er gehörte zur Harald-Schmidt-Showband, die ja immer wieder live Gäste begleitet hat.
Es entsteht immer etwas Neues, wenn zwei Musiker zusammenkommen. Das ist das Spannende. Ich weiß selber noch nicht genau, was entstehen wird, wir haben erst wenige Male miteinander geprobt. Und es hat total Spaß gemacht. Ich weiß, dass sich dieser Spaß immer sehr auf die Leute überträgt. Man muss sich da einfach mal überraschen lassen. Die Bandbreite reicht von Blödsinn bis Tiefgang. Auch die Hits aus den 80ern finden im Programm statt, sie kommen nur ein bisschen anders rüber als damals. Ist ja klar, ich trete ganz bewusst nur noch im Duo auf. Das ist für mich eine Möglichkeit, den Geschichten den Platz einzuräumen, den sie brauchen. So komme ich ganz nah an die Leute dran und kann dadurch auch Prozesse in Gang setzen.

Auch Ihre Frau ist mit auf Tour, übernimmt das Merchandising. Wie schafft man es, die Liebe 30 Jahre lang lebendig zu halten?
In dem man vor allen Dingen miteinander spricht. Es ist das Ende jeglicher Beziehung, wenn die Kommunikation nicht mehr stattfindet. Unsere Liebe ist deswegen so frisch, weil wir halt über alles reden und weil wir auch Familienmenschen sind. Wir haben drei Kinder und drei Enkel. Erst jetzt hatten wir wieder ein Wochenende, da saßen zehn Menschen aus vier Generationen am Frühstückstisch. Das hält einen einfach frisch, das hält einen jung und das hält einen am Leben. Und das zeigt, wie kostbar die Familie ist.

Das Video "Ich habe Feuer gemacht" wurde zum Familienprojekt.
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