Scharfenhagen - verschollene Wüstung unterm Hagenberg

Der Blick schweift vom Rosengarten zum alten Steinbruch 'Hagenberg'. Vielleicht haben hier einst die Schafe auf der Weide gestanden oder es wurden Feldfrüchte angebaut. (04. Mai 2014)
Woffleben: Naturpark Südharz | (130) -

Private Archäologie basierend auf schriftlichen Aufzeichnungen

In Scharfenhagen lebten im späten Mittelalter bescheidene Bauern. Im Schutz der umliegenden Berghänge wähnten sie sich sicher und es entwickelte sich ein Dorf unterhalb vom Hagenberg. Die von Bäumen bewachsenen Berghänge und der karstige Magerrasen waren sicher ideal zum Hüten der Tiere, lieferten Früchte und Pilze und die lehmigen Äcker ließen Feldwirtschaft zu. Eine Karstquelle wird es auch damals schon gegeben haben und somit war immer frisches Wasser vorhanden. So wird in der Woffleber Chronik erwähnt, dass 1480 dieses Dorf aus 11 Häusern besteht und nord-nord-westlich von Hörningen liegt.

"Der Sage nach hat in der Feldmark Woffleben vor alten Zeiten, nahe beim Hohnstein, am sogenannten Hagelberge ein Dorf, Namens Scharfhagen gestanden, welches aus 11 Häusern und einer Schäfereigerechtigkeit von 300 Stück bestanden haben soll. Die Stelle, wo das Dorf gelegen hat, ist nunmehr zu Land umgewandelt; vor mehreren Jahren entstand auf einem dieser Acker gerade beim Pflügen ein plötzlicher Einsturz, das hineingestürzte Pferd musste herausgehoben werden, und man sah deutlich, dass ein gewölbter Keller eingestürzt war, welcher jedoch wieder zugeworfen wurde."

"Höchstwahrscheinlich ist dasselbe im Bauernkriege zerstört worden."
Ich meine wohl kaum, denn der Deutsche Bauernkrieg fand in dieser Region 1523 bis 1525 statt. Die Bewohner gaben ihre Heimat auf und zogen nach Woffleben. Warum, das ist reine Theorie - Hungersnot durch schlechte Ernte, Verkarstungserscheinungen am Hagenberg mit Bildung von Erdfällen und viele andere Möglichkeiten könnten die Ursache für den Umzug der Einwohner sein.

Noch heute erinnert der teilweise zugewachsene Totenweg von Woffleben nach Hörningen an die Siedlung, denn ihre Toten fanden die letzte Ruhe auf dem dortigen Friedhof.
"Dieses Dorf war nach „Hirningen eingepforrt“ und der dortige Schullehrer erhält bis jetzt noch jährlich 4 Scheffel Roggen von den Scharfhagener Ländern; auch wurden ihre Toten nach Hörningen begraben, und noch jetzt heißt der dahin führende Weg der Totenweg. Auf einem dicht, dabei liegenden Hügel soll ein Glockenhaus mit einer Glocke gestanden haben, und bis auf den heutigen Tag wird das Land über diesem Hügel „die Leuten" genannt. Die Scharfhagener Einw. hatten ihre eigene Feldmark u. Gerechtigkeiten, sie flüchteten aus ihrem zerstörten Dorfe nach Woffleben, und haben bis auf diese Zeit ihre Gerechtigkeiten noch erhalten. Daher kommt es, dass in Woffleben 11 Einw. sind, welche unter dem Namen „ Scharfhagener" sämtliche Ländereien, Holz und Wiesen, die ihre Urväter, als sie nach der Zerstörung ihre« Ortes nach Woffleben flüchteten, in Besitz hatten, noch jetzt besitzen. Sie bezahlen auch noch gegenwärtig alljährlich 44 Taler 1 Silbergroschen 7 Pfennig „Scharfhagener Landzins“ an das königliche Rentamt zu Nordhausen."

Wer heute eine Wüstung sucht, der wird vergeblich suchen, denn die Steinbrüche 'Hohe Schleife' und 'Hagenberg' am Westhang vom Kohnsteinzug haben die Umgebung stark verändert. Am gegenüber liegenden Hang befindet sich die Flur "Am Rosengarten". Vielleicht ist auch das ein Hinweis auf das Dörfchen Scharfenhagen. Und genauso könnte auch der Hagenberg für Scharfenhagen namens gebend gewesen sein. Wir werden es wohl nie erfahren, warum vor gut 500 Jahren ein ganzes Dorf die Heimat verließ.

Auf der Suche nach Antworten wurde ich 2014 auch von Roland Fröhlich aus Laucha unterstützt, der alte Landkarten sammelt und digitalisiert. Ausschnitte mit der Bezeichnung *Scharfenhayn* hat er mir zugeschickt, damit ich die ungefähre Lage in der Gemarkung finden kann.
So kann ich heute mit Sicherheit bestätigen, dass unterhalb vom Hagenberg, unweit einer Karstquelle und fruchtbarem Acker ein kleines Dörfchen namens *Scharfenhayn* existierte. Sogar ein kleiner Teich hat sich in einer Senke gebildet. Er wurde im Zuge der Steinbrucharbeiten zugeschüttet, genauso wie einen Großteil der Fläche, auf der ich den Standort der Wüstung laut altem Kartenmaterial vermute. Die Quelle existiert noch und aus ihr fließt je nach Jahreszeit reichlich bis gar kein Wasser.

Weitere interessante Fakten und Geschichten finden Sie
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Quellen: Ortschronik Woffleben, " Text " aus dem Buch: Ausführliche geographisch-statistisch-topographische Beschreibung des Regierungsbezirks Erfurt – 1841 von C. A. Noback – Seite 362

Autor: Annett Deistung, Woffleben

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1 Kommentar
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Renate Jung aus Erfurt | 18.02.2017 | 15:37  
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