Schein oder Sein? Illusionsmaler Steffen Jünemann täuscht das Auge

Für ein Autohaus malte Steffen Jünemann diesen VW Käfer an die Fassade. (Foto: Steffen Jünemann)
 
Steffen Jünemann "Es geht um diesen besonderen Moment, in dem der Betrachter das Bildnis für wahr hält." (Foto: privat)

Weltweit beherrscht nur eine Handvoll Künstler die Illusionsmalerei – Steffen Jünemann aus Thüringen gehört dazu

Der helle schwere Vorhang hängt akkurat in Falten, nur in der Mitte klafft er ausein­ander. Übermütig streckt ein knallroter VW-Käfer sein Heck heraus. Die Sonne spiegelt sich auf dem polierten ­Lack. Gleich, gleich wird der Oldie starten...

­Nein, er startet nicht. Wie auch – ohne Gaspedal und Motor? Die ganze Szenerie ist eine Scheinwelt, geschaffen von Steffen Jünemann. Mit Farbe, Pinsel und Fantasie verwandelt der 41-Jährige monotone ­Wände in Kunstwerke mit dreidimen­sionaler Wirkung. Seine ­Technik ist die Illusionsmale­rei, auch bekannt unter dem französischen Namen ­„Trompe-l’oeil”. Die Übersetzung trifft den Kern: „Täusche das Auge“.

Der gebürtige Thüringer aus Beberstedt hat es im Verwirrspiel um Schein und Sein zur Perfektion gebracht. Seine Malerei ist international gefragt, versetzt auch in Kanada, im Emirat Dubai und bald sogar in China ins Staunen. Malt er einen offenen Tresor, will der Betrachter nach dem Goldschatz greifen. Zeichnet er einen Familienausflug an die Fassade, glaubt man, Eltern und Kind stünden tatsächlich im Park.

So wird das Auge ausgetrickst

Wie die optische Täuschung funktioniert, erklärt er mit einfachen Worten: „Wir Menschen sind Augenwesen. Von klein auf lernen wir, wie groß ein Mensch, wie hoch ein Baum, wie lang ein Auto ist. Jedes Mal, wenn wir die Augen öffnen, wird das Gesehene mit dem Verinnerlichten abgeglichen. Schauen wir dann auf eine Malerei, die all diese Referenzen im Kopf bedient, halten wir sie für Realität.“ Sicher, der Illusionseffekt währt nur kurz. Doch dieser besondere Moment bindet die Aufmerksamkeit des Betrachters zu 100 Prozent. „Das gibt mir die Chance, meine Botschaft zu transportieren“, beschreibt Steffen Jünemann, was ihn antreibt.

Der Weg des Künstlers

Dass er diese Art der ­Malerei für sich entdeckte, liegt 20 Jahre zurück. „Es begann mit der Bitte, in Beberstedt den Gemeindesaal für die Kirmes aufzupeppen. Ich schloss mich ein paar Tage ein, malte ein Fachwerkhaus, Steine und Weinranken an die Wand.“ Das Publikum war begeistert und der Künstler beseelt: Ja, so etwas wollte er fortan immer machen. „Nur“, so räumt er ein, „ich hatte Null Idee, wie daraus ein Job werden könnte.“

Er ergab sich der Vernunft, lernte Werkzeugmacher, baute Messestände, wirkte als Grafikdesigner. Im Jahr 2000 zog er der Liebe wegen nach Münster, fand einen Job in einer Werbeagentur. Doch die Frage nach dem Sinn bohrte immer quälender. „Diese ­Werbewelt war nichts für mich. Ich wollte malen.“

Das Vorbild aus Amerika

Vor allem wollte er zuerst seine Maltechnik vervollkommnen. Irgendwo musste es doch einen – ­seinen – Meister geben. Er fand ihn übers Internet, ­im fernen Amerika. Die Bilder von John Pugh umgibt diese ­Magie, nach der er sich sehnte. Voller Selbstzweifel und mit magerem Schulenglisch bewarb sich Steffen Jünemann – und wurde eingeladen. Künstler verstehen sich auch ohne viele Worte. Vier Sommer lang kratzte der Eichsfelder seine Urlaubstage zusammen und studierte bei John Pugh nahe San Franzisco, wie Licht und Schatten wirken, wie Oberflächenstrukturen entstehen, wie Farbwerte verlaufen. 2007 war er bereit für den Schritt in die Selbstständigkeit als Illusionsmaler.

Es geht nicht ohne physisches Modell

Um das Auge auszutricksen, ist höchste Genauigkeit gefragt. „Das Motiv wird immer in Echtgröße dargestellt, also fotorealistisch, sonst würde man es als unwahr identifiziert“, betont Steffen Jünemann. Sein Schaffensprozess beginnt klassisch – mit einem Bleistift und einem weißen Blatt Papier. Die Skizze projiziert er mittels 3-D-Software in einen virtuellen Raum. Der Computer berechnet alle Körperkanten, macht daraus eine Liniengrafik in schwarz-weiß. In Streifen zerlegt, wird diese auf Vliesbahnen gedruckt, die im Studio ihre Farbe erhalten. Für jedes Bildnis baut der Künstler immer auch ein Modell: „So kann ich Lichteinfall, Reflexionen und Spiegelungen beobachten. Das ist durch nichts zu ersetzen.“

Anerkennung in Kanada

Die riesigen Stoffbahnen machen ein Kunstwerk auch schon mal zur körperlichen Herausforderung – wie beim Kempenski-Hotel in ­Dubai. Gut 500 Quadratmeter Deckenfläche versah Steffen Jünemann dort mit einer arabischen Ornamentik. Dafür musste er bis zu zwölf Meter lange, fast zwei Meter breite Bahnen verkleben – über Kopf und auf den Millimeter genau. Umso mehr beflügelt die Anerkennung der Betrachter. Beim internationalen Symposium D’Art Mural im kanadischen Sherbrooke wählte das Publikum den Mann mit Thüringer Wurzeln im vergangenen Herbst zum Sieger.

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