Wie Anna ihren Helden sucht

Regisseurin Bianca Sue Henne (hinten) und Sopranistin Elena Puszta ­(Prinzessin Anna). Foto: Susemihl (Foto: Foto: Birgit Susemihl)
Nordhausen: Theater | Kinderoper im Theater Nordhausen uraufgeführt – Interview mit Regisseurin Bianca Sue Henne

Herzlichen Glückwunsch, Frau Henne, zum Theaterpreis 2011! Sie wurden damit für Ihre theaterpädagogische Arbeit geehrt. Und nun gibt es schon wieder Neuigkeiten für das junge Publikum: eine Kinderoper.

Wer hatte die Idee dazu?

Am Theater Nordhausen bin ich als Leiterin des Jungen Theaters neben meiner Hauptbeschäftigung als Theaterpädagogin auch als Regisseurin für unsere Inszenierungen mit unserem Profiensemble für Kinder unterschiedlicher Altersklassen tätig. Eine Kinderoper wollten Intendant Lars Tietje und ich schon lange ins Programm nehmen. Als der Verlag für Kindertheater Weitendorf in Hamburg dann nach einem Theater für die Uraufführung dieses Stücks suchte, waren wir glücklicherweise die schnellsten und konnten uns so dieses Stück sichern, das ideal auf unser Ensemble und in unseren Spielplan passt.

Was darf man sich unter einer Kinderoper vorstellen?
Zunächst einmal ist alles das eine Kinderoper, was für Kinder gespielt wird und sich in der musikalischen Form als Oper klassifizieren lässt. In „Prinzessin Anna oder Wie man einen Helden findet“ gibt es richtig große Arien zu singen, das ist in „Der glückliche Prinz“ nicht der Fall, da ist die musikalische Struktur eher wie im Musical. Dabei gibt es dann zwei Unterformen der Kinderoper: Kinder spielen für Kinder (z.B. in Benjamin Brittens beliebtem „Der kleine Schornsteinfeger“) und Profis spielen für Kinder. Gerade letztere Form wird seit etwa zehn Jahren massiv vorangetrieben, immer mehr Opernhäuser leisten sich zusätzliche Produktionen, manche sogar eine eigene Sparte „Junge Oper“, manchmal sogar mit eigenem Ensemble. Für neue Stücke gibt es hohem Bedarf, vor allem für die kleine Form, wie wir sie im Theater unterm Dach spielen. Das Genre Kinderoper ist für alle eine Herausforderung, weil viele Konventionen der klassischen Oper, die für Erwachsene selbstverständlich sind, für Kinder noch nicht gesetzt sind. Das Primat der Stimme beispielsweise, bei dem man als Erwachsener in einer Opernproduktion über eine dicke Sängerin hinwegsehen kann, die aber eine Schwindsüchtige verkörpern soll, ist den Kindern fremd. Die Sänger müssen in die Rollentypologie passen und alles ausgraben, was die Schauspielklasse ihrer Opernschule hergegeben hat, sonst interessiert es die Kinder nicht.


Was sollen die Kinder nach der Aufführung emotional für sich mit nach Hause nehmen?
Ich bin überzeugt, dass alle Zuschauer, und in der Kinderoper sind das nicht nur Kinder, sondern auch die begleitenden Erwachsenen, etwas mitnehmen. Aber da man im Theater nicht von allen Plätzen aus dasselbe sieht, ist das sicher recht unterschiedlich. Deshalb finde ich es so interessant, mit den Kindern im Anschluss darüber zu sprechen, was sie gesehen haben. Sitzt beispielsweise ein Kind nahe am Klavier, so kann es die Szene am Froschteich und alles, was die Musiker des Loh-Orchesters tun. Sitzt ein Zuschauer in der letzten Reihe, hat er einen anderen Zugang zum Stück als jemand, der in der ersten Reihe sitzt und so weiter.


Wie wichtig sind Helden für unsere Jüngsten?
Helden kennen die Kinder. Aber nicht die, die wir Erwachsenen hier im Sinn haben. Ich habe im Vorfeld in einer Klasse gefragt, welche Helden die Kinder kennen. Als erstes fiel ihnen Spiderman ein. Superman und Batman kennen sie auch, aber Spiderman hat das coolste Kostüm, ganz klar. Die Märchenverfilmungen, die wir aus unserer Kindheit kennen, werden kaum noch gesendet, Comichelden sind aber nach wie vor aktuell. So muss also – und da finde ich das Libretto wieder sehr clever – die Art Held, von der wir reden, also die, die eine Prinzessin vor einem Drachen rettet, am Anfang erst wieder eingeführt werden. Klar kennen die Kinder das, aber es ist nicht das Erste, woran sie denken. Die Jungen haben aber ihren Superhelden, ganz klar. Das darf auch mal ein dunkler sein: Darth Vader steht hoch im Kurs. Und die Mädchen? Sie lieben Prinzessinnen in hübschen Kleidern. Aber sie müssen trotzdem mutig sein! Das Stück bietet für jeden etwas.

Warum wird die Oper nicht im großen Haus gespielt?
Ich glaube, man könnte das Stück ohne weiteres auch auf einer größeren Bühne spielen. Meine Ausstatterin hätte dann etwas weniger tüfteln müssen, um ein komplettes Schloss inklusive Schlossteich ins „Theater unterm Dach“ zu bekommen. Mal ernsthaft: Es ist etwas völlig anderes und eine bewusste Entscheidung für diese kleine Form. Zwischen dem Publikum und dem Stück gibt es nicht die abgrenzende Rampe, sondern das Stück spielt ganz direkt, die Sänger sind zum Anfassen nahe, in diesem Stück gehen sie sogar ins Publikum, das Publikum sitzt im Bühnenraum. Der (bei Kindern nicht immer stumme) Dialog zwischen Bühnenkünstlern und Publikum ist hier auf die Spitze getrieben. Die Kinder wissen, „Die haben mir was zu sagen“ – und manchmal antworten sie auch ganz direkt. Das ist für die Sänger und Schauspieler oft nicht leicht, denn man muss ernsthaft weiterspielen, auch wenn ein Kindermund im Publikum Wahrheit kundtut.

Wie kam die Premiere am 24. September an?
Wir haben darauf geachtet, auch zur Premiere der Uraufführung viele Kinder im Publikum zu haben. Und die waren begeistert bei der Sache, während die Erwachsenen sich köstlich amüsiert haben. Wir müssen im Theater für Kinder auch die vielen Erwachsenen mit bedenken, die das Stück ansehen. Und zwischen Kindern und Eltern entsteht dann wieder ein Dialog. Das kleine Mädchen, das vor mir saß, stellte zum Beispiel empört fest: „Mit den Schuhen ins Bett!“ – So was verändert die Atmosphäre eines Theaterbesuchs.

Sind Kinder ein gutes Publikum?
Kinder stellen sich dieselben Fragen wie Erwachsene. Sie formulieren sie nur anders. Wenn die Prinzessin für die Erwachsenen „Euro“ heißt, muss man sich auch überlegen, wie man sie retten kann. Und dass das ganz schön anstrengend ist, weiß Prinzessin Anna genau. Sie benimmt sich selbst heldenhaft, um dann zu erkennen, dass jemand, der ein Held ist, nicht unbedingt so aussehen muss, wie sie es sich vorgestellt hat. Unser Held hätte sich zu Beginn des Stücks auch nicht für Anna entschieden. Sie musste erst reifen durch die Dinge, die sie so anstrengen musste. Anna muss den Weg allein gehen, ihren persönlichen, beschwerlichen Weg durch den Wald, bis er seinen Helden findet, den Weg anderer Prinzessinnen nachahmen, ist nicht zielführend. Ist doch toll, dieses Stück ist so lehrreich, und ich entdecke immer wieder etwas Neues für mein persönliches Leben. Die Kinder auch, da sind Lösungen für viele Fragen dabei, die sie ganz intuitiv mitnehmen, während wir Erwachsenen immer grübeln und dann meinen, ein Held sei einer mit einem Schwert. Deshalb inszeniere ich so gern für Kinder – und für ihre Eltern.
Vielen Dank für das interessante Gespräch!
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige
Anzeige