Wieder hoch hinauf

  Nordhausen: Blasiikirchplatz | Bürger können ab sofort in Sechsergruppen die Blasiikirchtürme erklimmen - vorerst bis zum ersten Querungslaufgang

Ein Unglücksfall hatte den öffentlichen Besteigungen der Blasiikirchtürme vor über 50 Jahren ein Ende gesetzt. Nach umfangreichen Sicherungsarbeiten und mit einem neuen "Türmer" ist das Turm-Doppel für die Öffentlichkeit nun wieder zugänglich.

Nein, im Turm leben wie sein historischer Vorgänger muss Günter Breitlauch nicht. Der Rentner führt als "Türmer ehrenhalber" Besucher bis zum ersten Laufgang. Seine erste Führung bestand der 69-Jährige am 11. Mai mit Bravour!

"Immer wieder hatten uns Besucher angesprochen und sich die Turmbesteigung gewünscht. Nun investierten wir 1000 Euro, sicherten die steilen Stiege, brachten noch mehr Handläufe an und ließen Klappen in die Sichtblenden einbauen, damit die Besucher die Fernsicht auf die südliche und westliche Stadt ohne Holzleisten vor den Augen genießen können. Nun kann es losgehen", gab Gemeindepädagoge Frank Tuschy am 11. Mai den Startschuss zur Erstbesteigung nach gut fünf Jahrzehnten.

Mit der Unterschrift im Turmbuch haftet jeder Besucher für sich selbst. Dann erklärt Günter Breitlauch an vielen Fotos in chronologischer Reihenfolge und sehr anschaulich das Geschichtliche zur Kirche.

Gäste erfahren, dass die romanische Kirche im Stil einer Basilika erstmals im Jahr 1234 urkundlich erwähnt wurde. 1489 wurde der Neubau mit dem Schlussstein im Altarraum beendet. 1735 erfolgten Reparaturarbeiten an der Südturmspitze. Nach einem Blitzeinschlag in den Nordturm wurde dieser mit einem kürzeren Zeltdach bedeckt, was aus den einstigen Zwillingen nun zweierlei Gestalten machte.

Eine gewisse Berühmtheit erlangte die Blasiikirche (sie ist als schiefes Bauwerk sogar international registriert) auch wegen der Schiefstellung des Südturmes. Er neigt sich um etwa einen Meter an seinen nördlichen Bruder. Ursache war schon beim Bau ein sumpfiger Untergrund. Korrekturen gelangen selbst bei Baufortgang nicht; auch nicht durch das zusätzliche Ansetzen von zwei Strebpfeilern, die man zwischen den beiden Türmen und in nordwestlicher Richtung gut erkennen kann. Sie verhinderten lediglich eine weitere Neigung. Das ist bis heute so. Zur Sicherheit befindet sich in der Kirche ein Lot, das milimetergenau jedwede Änderung in der Ausrichtung der Gemäuer anzeigen würde.

Den 2. Weltkrieg überstanden die Kirchtürme mit leichten Blessuren. Schlimmer hatte es das Kirchenschiff erwischt. Hier waren zwei Luftmienen eingeschlagen. So blieb die Kirche bis 1948 geschlossen.

Auch die Turmuhr aus dem Jahr 1928 war durch den Einschlag der Mienen stehen geblieben. Ein belgischer Zwangsarbeiter klopfte nach Kriegsende an die pforte von Pfarrer Trautmann und bat darum, das Uhrwerk reparieren zu dürfen. Er sah dies als Zeichen der Versöhnung zwischen den Völkern und setzte die Turmauhr, die erst 1928 an der Kirche angebracht worden war, wieder in Gang.

Umfangreiche Stabilisierungsarbeiten des Mauerwerkes erfolgten von 2001 bis 2004. Doch zugänglich waren die Türme auch da noch nicht. Erst jetzt sind die 150 Stufen so gesichert, dass man gefahrlos bis zum ersten von zwei Laufgängen gelangen kann. Er gilt momentan als höchste begehbare Brücke von Nordhausen und schloss sich einst an die Türmerwohnung an.

Apropos begehen: Wer in die Türme möchte, kann sich mittwochs von 17 - 18 Uhr bei Günter Breitlauch, Telefon( 03631/98 35 69, anmelden. Da es sich um einen privaten Telefonanschluss habndelt, wird darum gebeten, nur in dieser Zeit anzurufen.

Eintritt kostet die Führung nicht, doch freut sich die Kirchgemeinde über eine Spende in die "Glockenklingelkiste", die Frank Tuschy genau neben der Jödicke-Glocke vor dem neuen Glockenstuhl angebracht hat. Das Geld soll der Anschaffung einer Ersatzglocke für die kostbare Uhrschlagglocke aus dem 14. Jahrhundert dienen. Diese ist bislang in der Turmspitze allen Witterungs- und Verschmutzungserscheinungen ausgesetzt und soll künftig ihren sicheren Platz im Glockenstuhl direkt neben der Jödicke-Glocke erhalten. "Wir wollen diese kostbare Glocke unbedingt bewahren", erklärte Frank Tuschy. "Deshalb holen wir sie in den geschützten Turmbereich, wo schon jetzt die Jödicke-Glocke hängt, die Besucher sogar zum Klingen bringen können."
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1 Kommentar
3.004
Gerald Kohl aus Erfurt | 17.05.2011 | 20:57  
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