Alles im Lot an der Talsperre Neustadt

Staumeister Tony Beetz von der Thüringer Fernwasserversorgung ist für zwölf Stauanlagen verantwortlich, darunter auch für die Talsperre Neustadt.
 
Manfred Thiele misst das Lot im Inneren der Staumauer. Seit 31 Jahren ist er Stauwart an der Neustädter Talsperre. In diesem Jahr geht der 65-Jährige in den Ruhestand.
Neustadt/Harz: Talsperre |

Mit ihren 110 Jahren ist die Talsperre Neustadt die älteste in Thüringen – und eine der schönsten. Allerdings wurde bei ihrer Verjüngungskur optisch etwas geschummelt.

Im Kontrollgang am Fuße der Staumauer, 25 Meter unter der Wasseroberfläche: Manfred Thiele stoppt an ­einer gelb lackierten Apparatur. „Das ist unsere Lot-Mess-Stelle“, erklärt der Stauwart der Talsperre Neustadt. Er blickt durchs Okular auf den Stahldraht, der aus einem Loch in der Decke hängt. Die Öffnung mit dem Durchmesser eines Ofenrohres entpuppt sich als langer Schacht, der im Inneren der Staumauer bis zur Krone reicht. „Dort“, erklärt der Südharzer, „ist dieses Pendellot befestigt. Es zeigt uns jede minimale Verschiebung der Mauer an.“ Ja, solch ein Riesenbau ist immer in Bewegung – auch wenn es nur um Millimeter geht.

Schieber schlossen sich 1905

Fast 34 Meter hoch erhebt sich die aus hellem Bruchstein erbaute Staumauer. Sie staut den Krebsbach und vier weitere kleine Flüsschen an, um das elf Kilometer entfernte Nordhausen mit Trinkwasser zu versorgen. Und das seit genau 110 Jahren. Tony Beetz, Staumeister der Thüringer Fernwasserversorgung, kennt die Chronik: „Es war der 13. Oktober 1905, als man nach bestandener Bauabnahme die ­Schieber schloss, um das Becken zu füllen. Damit ist die Neustädter die älteste Trinkwassertalsperre Thüringens.“ Und eine der schönsten sowieso. Der Staumeister kann das beurteilen, zeichnet er doch für elf weitere Stauanlagen im Freistaat verantwortlich.


Turmfassade nicht aus Stein

Vor allem die beiden Türmchen geben der Silhouette das gewisse Etwas. Es fällt ganz und gar nicht auf, dass bei der Generalinstandsetzung zur Jahrtausendwende ausgerechnet an dieser Stelle ein wenig geschummelt wurde. „Aus Kostengründen“, verrät Tony Beetz. „Der Denkmalschutz hatte gefordert, die original Optik wiederherzustellen. Natursteine wären zu teuer gewesen, also entschied man sich für Fieberglasbeton.“ In den Türmen aber, versichert er, ist alles echt. So fungiert der rechte als Entnahmeturm. „Hier befinden sich drei Leitungen auf verschiedenen Ebenen. Auf diese Weise können wir immer das Wasser aus der Tiefe mit der besten Qualität entnehmen.“ Etwa 4000 Kubikmeter Wasser fließen täglich direkt zur Trinkwasseraufbereitungsanlage des Nordhäuser Wasserverbandes. Apropos Rohwasserqualität. „Die ist generell sehr gut“, betont der Staumeister. „Ringsum nur Wald, keine Ansiedlungen oder Landwirtschaft – dadurch ist das Wasser unbelastet. Die gute Lage habe man damals schon erkannt, zollt er den Erbauern Respekt.

Wasser in der Mauer

Sanft schmiegt sich der 1,5 Kilometer lange Stausee in die Südharzer Landschaft. Stauwart Manfred Thiele kann sich keinen schöneren Arbeitsplatz vorstellen. Obwohl er nicht nur über, sondern auch unter Wasser arbeitet. 152 Metallstufen muss er in der Staumauer bis zum Kontroll­gang hinabsteigen. „Das hält jung“, sagt der 65-Jährige lachend. Er verschwendet keine Zeit mehr an den Gedanken, dass sich über dem Stollen Wasser so hoch wie ein 6-stöckiges Haus türmt. Die feuchte, kalte Luft ist er gewohnt. Und die Wasserperlen auf dem Geländer. „Es steht immer Wasser im Mauerkörper und der Untergrund ist nie vollständig dicht.“ Das ist normal – bei jeder Talsperre.

Und sie bewegt sich doch

Um so wichtiger ist die permanente Überwachung der Mauer, genauer gesagt: ihrer Standsicherheit. Akribisch kontrolliert Manfred Thiele mit Spezialinstrumenten an zig Messstationen Fugenspalten, Sicker­wasser und Wasserdruck, misst Zufluss und Stauhöhe. Auch die Bewegung der Mauer hat er im Blick. „Auf die eine Seite drückt kaltes Wasser, auf die andere scheint die Sonne – da ist es doch klar, dass sich der Baukörper verformt.“ Zwei Millimeter sind es heute. Mit bloßem Auge ist das nicht zu erkennen. Der im Messfeld anvisierte Lotdraht bringt es an den Tag. „Das liegt im Toleranzbereich“, konstatiert Manfred Thiele. Auch nach 110 Jahren ist an der denkmalgeschützten Talsperre also alles im Lot.

Hintergrund:

• Inbetriebnahme der Neustädter Talsperre am 13. Oktober 1905
• Generalinstandsetzung 1997 bis 2001: Abdichtung der Staumauer auf der Wasserseite, Bau eines Kontrollganges, Sanierung der Mauerkrone und des Mauerwerks auf der Luftseite, Nachbau der Entnahmetürme
• Höhe der Staumauer: 33,76 m, Kronenlänge: 134,6 m (nicht öffentlich begehbar), Kronenbreite 4,25 m
• Stausee-Oberfläche: 13,88 ha
• Wassermenge bei Vollstau: 1,24 Millionen m³
• Wassersport ist nicht möglich, aber man kann rund um den Stausee wandern.


In der MDR-Reihe "Unterwegs in Thüringen" folgt Moderatorin Steffi Peltzer-Büssow den Spuren des Wassers in Nordhausen - auch zur Talsperre Neustadt.
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