Die Melancholie des Verfalls

Ein verlassener Ort: Blick in den Gastraum auf der Viktorshöhe im Harz. (Foto: Peter Blei)
 
Peter Blei erkundet mit der Kamera (fast) vergessene Orte.

Verlassene Orte, Lost Places, Urban Exploration (Urbex): der Trend, verfallene Gebäude zu erkunden, hat viele Namen. Auch Peter Blei ist ihrem morbiden Charme erlegen. Mit der Kamera geht der Nordhäuser auf Entdeckungstour und zeigt seine Fotos auf meinAnzeiger.de.

Der große Saal mit Kamin lässt erahnen, wie gesellig es einst auf der Viktorshöhe im Harz zuging. Heute ist er ein Symbol der Vergänglichkeit. Das Holz verrottet, die Dachplatten brechen, der Putz fällt von den Wänden. Verlassene Orte wie dieser ziehen Peter Blei magisch an. „Jedes Detail ist authentisch und offenbart ein Stück Geschichte“, sagt der 58-Jährige. Um die 30 derartige Objekte hat er allein im vergangenen Jahr fotografiert. Auf meinAnzeiger.de sind sie zu sehen: die maroden Überbleibsel früherer Kinderferien­lager, Betriebs­ferienheime, Heil­stätten, Kurhäuser und Fabriken. Auch das vergessene Gasthaus auf der Viktorshöhe gehört dazu.

Vergessene Orte liegen im Trend

Das Fotografieren sogenannter „Lost Places“ boomt. Weltweit. Es gibt Fanseiten (u.a. marodes.de, urbex-thuringia, rottenplaces ), Blogs, Bildbände, Facebook-Gruppen und Fachmagazine. Berlin bietet gar Touren zu modernen Ruinen an. Doch Peter Blei ist überzeugt: „Die spannendsten Entdeckungen warten vor der Haustür.“ Wo sie sich verstecken könnten, recherchiert er im Internet. Zwar verzichtet man in der Szene meist auf genaue Ortsangaben, doch gerade das ist die Herausforderung. Am liebsten zieht er los, wenn es draußen kalt und ungemütlich wird: „Im Spätherbst und Winter, wenn keine Blätter mehr die Sicht versperren, ist die Suche einfacher.“


Jeder Einstieg ein Nervenkitzel

Es ist die Neugier, die ihn antreibt. Und der ­Nervenkitzel des Einstiegs. Er kriecht selbst durch das kleinste Loch im Zaun und weiß nie, was ihn erwartet. In einem ­Ferienlager etwa stehen noch Doppelstockbetten, ­schwirren Bett­federn umher, als sei die letzte Kissenschlacht erst gestern gewesen. Beim nächsten Objekt dagegen ist längst das Dach eingefallen, überzieht Moos das verwitterte Gemäuer, erobert sich die Natur ihren Raum zurück. Jeder Ort hat seine ganz eigene Stimmung, sein Eigenleben. Peter Blei will es erkunden – mit dem nötigen Respekt. „Auch ­verlassene Bauwerke haben noch einen Eigentümer“, ist er sich bewusst. Er sieht sich als stiller Beobachter. Nichts wird mitgenommen oder zerstört. „Verschlossene Türen bleiben verschlossen. Ist der Zutritt versperrt, nutze ich eben mein Teleobjektiv.“

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Mit der Kamera unterwegs

Der 58-Jährige fand auto­didaktisch zur Fotografie. Von Berufs wegen fuhr er Großgeräte im Kalibergbau, arbeitete als Galvanisieur, programmierte CNC-Messmaschinen. Bis eine Krankheit vor fünf Jahren zur Zwangsverrentung führte. Seither intensiviert er sein Hobby. „Ich muss mich einfach bewegen“, sagt der rastlose Wahl-Nordhäuser, der aus Liebenrode stammt. Neben der Spiegelreflex- nutzt er eine kompakte Bridge­kamera. „Die wiegt wesentlich weniger und hat einen 60-fachen optischen Zoom – das ist ideal für unterwegs.“ Denn unterwegs ist er ständig, seit knapp einem Jahr auch für das Mitmachportal meinAnzeiger.de. Als Bürgerreporter berichtet Peter Blei von Stadt- und Volksfesten, Sportwettkämpfen und Veranstaltungen. Er fotografiert das Tagesgeschehen und Abendstimmungen, Landschaften und Tiere – und immer wieder den Mond.

The Dark Side Of Nordhausen

Seine Passion aber sind und bleiben die verlassenen Orte. Ein Thema, das interessiert. Der Bericht über ein verfallenes Ferienhaus nahe Rottleberode beispielsweise hat eine kleine Invasion ausgelöst. „Rund 30 Autos hielten dort am darauffolgenden Tag mit Schaulustigen“, berichtet der Hobbyfotograf, der immer auch die Geschichte des jeweiligen Gebäudes in Erfahrung bringen will. Er richtet den Fokus auf fast Vergessenes und damit nicht selten auch auf einen wunden Punkt – wie in der Bilderserie „The Dark Side Of Nordhausen“.

Bisherige Beiträge aus der Reihe "verlassene Orte" von Peter Blei:

Ziegelwerk Muldenstein
Ferienobjekt bei Rottleberode
Viktorshöhe nahe Friedrichsbrunn im Harz
Gasthaus Selkemühle bei Mägdesprung
Objekt bei Hüttenrode
Johanniterheilstätte Sorge im Harz
Traurige Orte in Mägdesprung
Grenzkompanie Sorge
Kinder-Lungenheilklinik Harzgerode
Lungenheilstätte Albrechtshaus im Selketal
Ferienlager Straßberg am Treuen Nachbarteich
ehemaliges Arbeitsamt in Wittenberg
Harzer Werke in Blankenburg
Nebengebäude des Schlosses Blankenburg
Saalemühle in Bernburg
Kraftwerk Vockerode
Papierfabrik Muldenstein
Industriebrache / Möbelwerk in Heringen, Großbrand im Heringer Möbelwerk
Lokschuppen Bitterfeld
Hotel Fürstenhöhe in Schierke
Hotel "Heinrich Heine" in Schierke
FDGB-Erholungsheim "Hermann Duncker" in Schierke
Waldbad Ludetal in Stolberg/Harz und GST-Lager
Steierbergklinik/Lungenheilstätte im Harz
FDGB-Ferienheim "Fritz Heckert" in Gernrode
Villa im Harz
Verlassenes Bahnhäuschen


Beispiele aus Nordhausen - ohne Kommentar:

The Dark Side Of NDH I
The Dark Side Of NDH, Teil 2
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