Die unendlichen Weiten sind manchmal ganz nah: Nordhäuser Trekkies auf der Kommandobrücke

Auf der Kommandobrücke der USS Atlas: „Im Prinzip machen wir das Gleiche wie die Crew der Enterprise auf ihrem Holodeck“, sagt Captain David Parsons, alias Jörg Bolle. (Foto: privat)
 
Im wahren Leben sind Jörg Bolle Konstrukteur und Manuela Knopf Kriminalbeamtin. Im Live-Rollenspiel führen sie als Captain und Commander ihr eigenes Raumschiff – die USS Atlas – und starten mit Crew ins Star-Trek-Universum.

Fünfzig Jahre nach der ersten Folge von »Star Treck« ist die Faszination ungebrochen. Zwei Nordhäuser Fans steuern zwar nicht die Enterprise, aber ihr eigenes Raumschiff samt 20-köpfiger Besatzung in fremde Galaxien. Ihr Hobby ist das Live-Rollenspiel.

Was Captain Kirk auf der Enterprise, ist Jörg Bolle (39) auf der USS Atlas. Mehr noch. Der Thüringer ist nicht nur oberster Befehls­haber auf dem jüngsten Raumschiff im fiktiven Star-Trek-Universum, sondern zugleich dessen Erfinder. Erdacht hat er es, um mit anderen Treckies durch die Galaxien zu düsen. „Es ist doch viel s­pannender, aktiv in eine Rolle des Sternen­flottenpersonals zu ­schlüpfen, als nur passiv die Filme anzuschauen“, schwärmt der Star-Trek-Fan. Seine Frau Manuela Knopf (41) teilt diese Leidenschaft. Einmal im Jahr organisiert das Paar aus Nordhausen ein Star-Trek-LARP(Live Action Role Play) – ein Live-Rollenspiel. Mit rund 20 Teilnehmern reisen die beiden dann 370 Jahre in die Zukunft.

 „Im Prinzip machen wir das Gleiche wie die Crew der Enterprise auf ihrem Holodeck“, erzählt der Captain, der an Bord den Namen David Parsons trägt. Allerdings, bemerkt er übermütig, wird weniger getrickst als in Hollywood. „Auf unserer Brücke bedienen wir echte Touchscreens, die wirklich Reaktionen hervorrufen. Auch die Leinwand, auf der fremde ­Raumschiffe auftauchen, ist real.“ Je detailreicher die Kulisse, desto ­perfekter die Illusion, ist er sich sicher. Konsolen, Rollwände, ­Flaggen, Banner – einen ganzen Anhänger voll bugsiert der Spielleiter heran, um eine Jugendherberge in die USS Atlas zu verwandeln. Wie viel leichter wäre es, ließe sich einfach alles hinbeamen. „Das dauert wohl noch ein paar Tausend Jahre“, winkt er lachend ab. „Heute ist die Technik noch längst nicht so ausgefeilt wie im 24. Jahrhundert.“ Auf Transporter, Phaser und Kraftfelder müssen die Treckies also weiterhin warten. Was soll’s. „Auch so funktio­niert das Spiel mit etwas Vor­stellungskraft super.“

 Die Fantasie ist die treibende Kraft, quasi der Warp-Antrieb, mit dem die USS Atlas mit Überlichtgeschwindig­keit von Abenteuer zu Abenteuer jagt. Zuschauer gibt es nicht. Alle Anwesenden sind Akteure. Jörg Bolle gibt Handlung und Aufgaben grob vor, schreibt aber kein festes Drehbuch. „Der Freiraum ist wichtig, damit jeder seinen Charakter ausspielen kann.“

 Es sind schon markante Wesen, die sich am LARP-­Wochenende versammeln. Ob logisch denkende Vulkanierin, jähzorniger Tellarit oder scharfsinnige Cardassianerin – die Rollen bieten unglaubliche Möglichkeiten im Spiel. „Aber Konflikte werden nie aggressiv gelöst“, betont Manuela Knopf eine Grundregel. „In Star Trek nimmt man jeden, wie er ist. Man begegnet sich auf einer geistigen und kulturellen Ebene – egal, ob der andere grüne Haut, einen Stirnhöcker oder ein drittes Auge besitzt.“ Es geht um das friedliche Mit­einander, die Überwindung der Unterschiede. Diese positive Zukunftsvision ist es, die sie und ihren Mann an Star Trek fasziniert.

 Selbst die Liebe der beiden begann intergalaktisch. Zunächst hatte Manuela Knopf Star Trek in Internet­foren und Chats gespielt, bis sie nach einer echten Gruppe suchte. „Ich schrieb einige Leute an und Jörg antwortete.“ Er organisierte damals in Rheinland-Pfalz Live-Rollenspiele. Als sie teilnahm, wurden beider Herzen von Amors Phaserstrahl getroffen. Jörg Bolle zog zu ihr in den Südharz.

 2012 trat das Paar im Christus-Pavillon in Volken­roda vor den ­Traualtar – im maßgeschneiderten Sternenflotten-Gewand. Er in einer Gala-Uniform, sie in einem Festkleid im strahlenden Föde­rationsblau. „Das ist für uns keine Verkleidung“, beteuert Jörg Bolle. „Wir nehmen die Star-Trek-Philosophie ernst.“ Jetzt arbeiten sie bereits am nächsten LARP. Er, der Konstrukteur, fertigt Bauteile, Requisiten, kreiert Videos und Computerprogramme. Sie schreibt Reden, Statistenrollen, Vorgaben für die Charaktere. Rund ein Jahr dauert die Vorbereitung. Ist alles fertig, heben sie wieder ab zur Weltraummission.


"Der Weltraum, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2200. Dies sind die Abenteuer des Raumschiffs Enterprise..." - So beginnt der wohl bekannteste Vorspann der Filmgeschichte. Seither lieben Trekkies das Film-Universum.
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