Erinnerungen eines ehemaligen Grenzer der NVA

Diese selbst gefertigte Skizze zeigt die "Schlagbaum"-Kontrollposten im Umkreis von Woffleben - 5-km-Sperrgebiet
 
Reservistenmedaille von Waldemar Neumeyer
 
Medaille der Kampfgruppen
Klettenberg: Kaserne | (013) -

Dies ist eine Geschichte aus Erinnerungen meines Vaters über die Zeit bei der Nationalen Volksarmee der DDR. Sechs Tage vor dem Berliner Mauerbau (13.08.1961) wurde er eingezogen.

Am 07. August 1961 begann der Dienstantritt meines Vaters bei der NVA in Nordhausen. Er absolvierte dort und in Weissenborn / Lüderode seine Grundausbildung. Kampf-Übungen konnten auch Folgen für die Zivilbevölkerung haben: „ ... bei einer Tränengasübung nahe Weissenborn wehte der Wind so ungünstig, dass alle Einwohner aus dem Ort flüchteten. Ein ansässiges Krankenhaus musste sogar evakuiert werden.“

Die Truppen wurden in den ersten Jahren mit russischen Revolvern mit Trommelmagazin ausgerüstet. Doch die hatten „... kleine Macken: Ich habe, wie auch andere aus meiner Truppe das Magazin mit Draht gesichert, damit sich kein Schuss lösen konnte. Das kam schon mal vor und führte zu Verletzungen!“ Später wurde diese Waffen durch Kalaschnikow ausgetauscht.

Dienst in Klettenberg
Im Anschluss an die Grundausbildung kam mein Vater bis zum Ausscheiden aus dem Wehrdienst im Herbst 1964 zur Grenzsicherung nach Klettenberg. Dort diente er in der Grenzbrigade 9, mit Stab in Erfurt, und unterlag dem Kommando Grenze der NVA.
Das thüringische Klettenberg lag damals in unmittelbarer Nähe zur innerdeutschen Grenze, die sich zwischen Thüringen und dem Bundesland Niedersachsen befand.

Im ersten Jahr war mein Vater in der Ausgabe für Wäsche und Ausrüstung (z.B. Winter-Ski) zuständig. Dort verkaufte er in Eigenregie Genussmittel, Zigaretten und Getränke. Kleine Kurierdienste zu einem Geheimstützpunkt, in einem kleinen Wald zwischen Trebra und Schiedungen gelegen, erledigte er mit einer Schwalbe.

Der Grenzzaun
Zuerst schilderte mir mein Vater, das der Grenzzaun kurz nach dem II. Weltkrieg nicht so hoch war, wie ich das z. B. aus Filmen kenne. Er schilderte mir diesen Zaun wie folgt: „Bis ca. 1950 gab es eine lockere Grenze. Eine Art Weidenzaun bzw. quer liegende Holzkreuz-Barrieren markierte den Grenzverlauf und davor war auf der DDR-Seite ein breiter gepflügter Ackerstreifen – so konnte man Spuren gut erkennen.“

Später wurde dieser Zaun, wie wir wissen, ausgebaut und war fast nicht mehr zu überwinden. Gleich vor den alten Zaun wurden 2 m hohe Betonpfosten gesetzt, dann kam ein 15 – 20 m breites Mienenfeld, dann wieder Betonpfosten. Und zwischen den ganzen Betonpfosten? – „Stacheldraht ohne Ende!“ Um diesen Grenzzaun kontrollieren zu können, wurde der 10 m breite Kolonnenweg angelegt. Geschichten gibt es viele zu erzählen: „Es gab schon findige Flüchtlinge, die mit Leitern und Seilen diese Hürde überwunden haben. Aber auch Äste von Bäumen, die weit über den Zaun reichten, wurden zur Flucht genutzt.“

Erinnerungen
Sein Beobachtungsabschnitt lag zwischen Mackenrode und Obersachswerfen. Die Patrouillengänge lagen zwischen 500 und 2000 m. So kam kein Rhythmus auf. Mein Vater diente als Grenz-Posten, den Namen des verantwortlichen Postenführers konnte er mir nicht nennen. Die Aufgabe war eindeutig – Bewachung der deutsch-deutschen Grenze.
Es gab 10 m hohe Beobachtungstürme aus Holz für zwei Mann. „Bei einem Sturm ist so ein Turm in Obersachswerfen umgekippt. Es gab einen Toten und einen Verletzten.“ Mein Vater ist sich nicht sicher, aber er glaubt es kam damals sogar in den West-Nachrichten. Ein weiterer Vorfall ereignete sich so etwa im März 1962 „... weil es so kalt war, hatten die Wachposten ein Feuerchen auf einem B-Turm bei Klettenberg gemacht. Dadurch geriet dieser in Brand. Personen wurden nicht verletzt.“
Natürlich gab es auch Betonbunker zur Überwachung. Dort war man im strengen Winter 1961 / 62 vor Mäusen nicht sicher. „Die Mäuse krochen einfach am Hosenbein hoch und suchten in Jackentaschen nach Futter.“ Dieser Winter war mit Temperaturen bis -31°C extrem kalt, so dass mein Vater Fußlappen gegen die Kälte im Stiefel getragen hat. Die Dienstabschnitte waren verkürzt, damit sich die Posten wieder aufwärmen konnten.
Meldungen konnte man über Telefonmasten mit Hörern machen. „... einfach hinein flüstern, wie oft in Filmen gezeigt, ging oft nicht. Man musste auch schon mal laut sprechen, weil die Verständigung sehr schlecht war, aber das hätte die Gegenseite alarmieren können!“

Kurioser Grenzgänger
An eine ungewöhnliche Festnahme kann sich mein Vater heute noch gut erinnern: „In Kutzhütte bei Branderode hielten oft Besichtigungsbusse. Von dort aus konnten man in die DDR – für viele das ehemalige zu Hause - blicken."
Als mein Vater zusammen mit dem Postenführer im Beobachtungsgraben lag, gab es dann folgendes Ereignis: „Plötzlich kam von der Westseite ein Mann übers Feld – zwei Zöllner wachten auf der Gegenseite – und passierte die Grenze in Richtung DDR. Damals lagen keine Minen auf diesem Ackerstreifen. Also warteten wir, bis der Mann an unserem Versteck ran war und nahmen ihn fest. Bei sich trug er nur einen kleinen Koffer mit Arbeitskleidung und Stiefeln – sonst nichts.“ Wie es mit dem Mann weiter ging? Das konnte mir mein Vater nicht erzählen, denn das hat er nie erfahren.

Zeitzeugen
Später trat meiner Vater den Kampfgruppen der Arbeiterklasse bei. Aber das ist ein anderes Thema, welches hier nicht weiter beschrieben wird.
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Idee zum Artikel
Man kann die deutsche Geschichte nicht umkehren. Besser ist es, diese Erfahrungen zu erzählen. Egal zu welcher Zeit und in welchem Land es Soldaten gab, gibt und geben wird. Wie seine Laufbahn verläuft hängt doch auch von der politischen Situation und den persönlichen Erfahrungen ab. Die Frage: "Hättest Du auch auf einen Menschen geschossen?" habe ich bewusst nicht gestellt. Waldemar Neumeyer ist mein Vater - Eltern liebt man - jeder auf seine eigene Art!

Wer von Euch hat Erfahrungen an der innerdeutschen Grenze (egal auf welcher Seite!), im Grenzgebiet, im Sperrgebiet, mit Westreisen – Westpaketen gemacht? Schreibt doch mal darüber!

Ich z.B. habe in der 9. Klasse an einen Lehrgang für Zivilverteidigung teilgenommen und gelernt, wie man Handgranaten (-Attrappen) wirft, Erste Hilfe leistet und mein schlimmstes Erlebnis war das Aufsetzen einer Gasmaske, denn ich bekam eine Panik aus Angst zu ersticken (Ich erlebe es gerade vor meinem geistigen Auge und weiß heute sogar noch genau, wo die Übung statt fand).

Tipp: Erinnerungen von Torsten Kirchner ans Sperrgebiet auch auf meinAnzeiger.de

Annett Deistung, Woffleben

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Wer das Gedankengut anderer kopiert und als das seine vermarktet, der ist ein armer Mensch.
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2 Kommentare
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Antje Hellmann aus Jena | 16.08.2011 | 02:01  
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Annett Deistung (HarzWusel) aus Nordhausen | 16.08.2011 | 13:40  
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